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So aufregend wie ein Schluck Wasser Gepflegte Langeweile bei ThyssenKrupp

Wer auf der Hauptversammlung zeternde Aktionäre erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Anleger scheinen sich an die Krise im Konzern gewöhnt zu haben. Das Highlight dürfte für viele die Würstchen gewesen sein.

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Der Vorstandsvorsitzende von ThyssenKrupp, Heinrich Hiesinger. Eine aufregende Hauptversammlung sieht anders aus. Quelle: dpa

Wer erboste Aktionäre auf der Hauptversammlung von ThyssenKrupp heute in Bochum erwartet hatte, wurde enttäuscht. Nur ein paar Aktionäre hauten im übertragenen Sinn auf den Tisch, einer zeigte dem eine mitgebrachte gelbe Karte, das war es schon an Empörung. Viele dieser Aktionäre sind altbekannte Redner, die schon bei der Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999 dabei waren und ihren Mut und Unmut kundtaten. Einige von ihnen sind den Pensionären unter den Belegschaftsaktionären im Saal wohlbekannt.

So kommt der hochgewachsene Heinz Kriwet, einst Vorstandschef von Thyssen und erster Aufsichtsratvorsitzender des fusionierten Konzerns ThyssenKrupp hoch erhobenen Hauptes in den Saal und begrüßt herzlich einen älteren Aktionär aus Hamburg, den er schon aus der furiosen Fusions-Hauptversammlung in der Duisburger Mercatorhalle gut kennt und der dem ThyssenKrupp-Vorstand soeben komplettes Versagen Versagen vorgeworfen hat. Macht nichts. Das gehört zum Hauptversammlungstheater offenbar dazu.

Zorn gibt es nur über Obermann

Angesichts der gefährlichen Schieflage, in der sich der Konzern immer noch befindet, ist die Hauptversammlung am Freitag eine Art Familientreffen gewesen. Ein Aktionär erregt sich, dass der Konzern die Fahrt mit der Straßenbahn zum Bochumer Veranstaltungsort nicht mehr bezahlt. Angesichts der horrenden Luxusreisen des Vorstandes in der Vergangenheit sei das eine Unverschämtheit. Der Finanzchef muss einräumen, dass der Konzern damit 17.000 Euro eingespart habe und gleichzeitig nicht ausschließt, dass „irgendwann einmal“ die Hauptversammlung gänzlich ins Internet gestellt hat. Gedruckte Geschäftsberichte versendet ThyssenKrupp schon in diesem Jahr nur noch in Ausnahmefällen, man könne ja auf das Internet zurückgreifen. Die oft betagten Kleinaktionäre hören das mit deutlichem Murren.

Die Lobby ist voll, die Würstchen schmecken trotzdem. Ein Kleinaktionär berichtet mampfend, dass er die erste Hauptversammlung der August-Thyssen-Hütte im Januar 1955 miterlebt habe. „Damals steckten wir uns noch die Würstchen in die Taschen, um sie nach Hause zu bringen. Die Familie wartete darauf“. Eigentlicher Zorn entzündet sich nur über den neuen Aufsichtsrat und früheren Telekom-Chef Rene Obermann. Er sei kein Stahlmann, rümpfen die Aktionäre die Nase. Dass es ein Stahlmann war, der ThyssenKrupp die zwölf Milliarden schwere Fehlinvestition in Übersee, in Brasilien und Alabama (USA) beschert hat, ist schon längst vergessen.

Minute 209: Ekkehard Schulz


Das sind die wunden Punkte von ThyssenKrupp
Ein Stahlarbeiter im ThyssenKrupp-Werk in Bochum steht vor einem glühenden Stahlcoil Quelle: dpa
Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von ThyssenKrupp Quelle: dpa
Unter Cromme als Vorsitzendem des Prüfungsausschusses im Siemens-Aufsichtsrat bis 2007 fließen in dem Konzern Schmiergelder von 1,3 Milliarden Euro an Auftragsnehmer. Quelle: dpa
Berthold Beitz (99), Vorsitzender der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, lauscht in der Villa Hügel der Rede von Ministerpräsident Sellering (SPD). Quelle: dpa
Der Ex-Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz, rechts, und der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme Quelle: AP
Zuege stehen vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main Quelle: dapd
Der Formel-1 Fahrer Sebastian Vettel fährt am 17.04.2010 in Shanghai während eines Formel-1 Rennens an einer Zuschauertribüne vorbei. Quelle: dpa

Der Name Ekkehard Schulz, Hütteningenieur und früherer Vorstandschef, fällt zum ersten Mal in der 209. Minute der Hauptversammlung, in der 85. Minute wird zum ersten Mal der Name Cromme erwähnt. Dass bei der letzten Hauptversammlung dieser Cromme unter starken Beschuss, dessen Ablösung als Versammlungsvorsitzender gefordert wurde, dass Ekkehard Schulz damals als Sündenbock an den Pranger gestellt wurde, alles Geschichte, alles vergessen. Nicht einmal eine Schweigeminute wird für den verstorbenen Berthold Beitz eingelegt.

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Auf dessen Platz auf dem Podium sitzt nun René Obermann. Er ist offenbar eine herausgehobene Figur im Kontrollgremium des Ulrich Lehner. Der Aufsichtsratschef gibt am Freitag den abgeklärten Gentleman, der nichts mehr erschüttern kann. „Die Position des Aufsichtsratsvorsitzenden bei ThyssenKrupp stand nicht auf meinem Weihnachts-Wunschzettel“, frozzelt er. Auf die Frage eines Aktionärs, wie er denn die Vorstände aussucht, antwortet der frühere Henkel-Chef: „Die hängen ja nicht in den Bäumen“. Und vollends zum humorigen Stelldichein wird die Aktionärsversammlung, als Lehner die Aktionäre auffordert, mehr Fragen zu stellen. „Die linke Seite im Saal stellt heute keine Fragen, nur die rechte“, ermuntert er den Wettbewerbssinn der Fragesteller.

Kann es dann noch verwundern, wenn Lehner auf die aufgebrachte Frage eines Kleinaktionärs seelenruhig bemerkt: „Die Frage habe ich dem Vorstand auch schon gestellt, leider habe ich die Antwort vergessen, aber die kommt ja gleich“. Die Krise bei Krupp scheint die Abgeklärtheit der Führungskaste befördert zu haben. Schlimmer kann es ja nicht kommen, da wollen wir uns wenigstens die Stimmung nicht vermiesen lassen, scheint die Devise zu sein.

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