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Sparprogramm Fehler kommen Boehringer Ingelheim teuer zu stehen

Jahrelang stiegen bei Deutschlands zweitgrößtem Arzneimittelkonzern die Beschäftigtenzahlen. Nun legt Boehringer Ingelheim ein Sparprogramm auf. Und das hat auch mit hausgemachten Versäumnissen zu tun.

Die Probleme von Boehringer Ingelheim waren schon vor der Jahrespressekonferenz bekannt. Quelle: dpa

Boehringer Ingelheim will weltweit und natürlich auch in Deutschland die Kosten um 15 Prozent senken, ist in der Mitarbeiterzeitung zu lesen. Dort steht auch, bezogen auf Deutschland, dass sich die Zahl der Beschäftigten perspektivisch verringern soll. Aktuell schaffen über 14.000 Mitarbeiter für Boehringer in Deutschland, die meisten davon in Ingelheim bei Mainz.

An Begründungen für das Sparprogramm mangelt es nicht. „Boehringer Ingelheim reagiert mit einem Maßnahmenpaket auf die großen Veränderungen auf dem Pharmamarkt“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens gegenüber der "FAZ". „Der Preisdruck steigt, der Zugang zu Märkten wird schwieriger, die Konkurrenzsituation verschärft sich weltweit.“ Alles richtig. So sinken bei Boehringer etwa die Umsätze mit dem Spitzenpräparat Spiriva gegen Raucherlunge, das pro Jahr einen Umsatz von 3,6 Milliarden Euro einfährt. Zudem laufen die Patente wichtiger Medikamente aus.

Tatsache ist aber, dass Boehringer auch deswegen leidet, weil das Unternehmen in jüngster Zeit etliche außergewöhnliche Belastungen in Millionenhöhe zu verkraften hatte. Und nicht immer waren daran die Märkte oder widrige Rahmenbedingungen schuld, sondern auch hausgemachte Fehler.

Teurer Prozess in den USA

Um einem jahrelangen Rechtsstreit in den USA um sein Thrombosemittel Pradaxa aus dem Weg zu gehen, ließ sich Boehringer auf einen Vergleich ein und zahlte pauschal 650 Millionen Dollar (umgerechnet etwa 470 Millionen Euro) an die Kläger. Das Mittel steht im Verdacht, Patienten zu schädigen und im Extremfall tödliche Blutungen zu verursachen. Boehringer bestreitet die Vorwürfe. Die Prozesse in den USA wären für Boehringer langwierig und imageschädigend geworden. Mit dem 650 Millionen Dollar-Batzen hat sich Boehringer Ruhe erkauft. Ein Schuldeingeständnis ist mit dem Vergleich nicht verbunden.

Boehringer Ingelheim legt Sparprogramm auf
Boehringer IngelheimDeutschlands zweitgrößter Arzneimittelhersteller will seine Kosten deutlich senken. Der Konzern habe sich das Ziel gesetzt, insgesamt 15 Prozent in Deutschland einzusparen, erklärte eine Sprecherin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 11. August. "Boehringer Ingelheim reagiert mit einem Maßnahmenpaket auf die großen Veränderungen auf dem Pharmamarkt: Der Preisdruck steigt, der Zugang zu Märkten wird schwieriger, die Konkurrenzsituation verschärft sich weltweit." Ziel sei es, Mittel zu schaffen, um neue Produkte einzuführen und weiter zu investieren. Der Zeitung zufolge hat das Unternehmen bereits einen qualifizierten Einstellungsstopp in Deutschland verhängt. In einer Mitarbeiterzeitung sei auch die Rede davon, dass die Zahl der Angestellten sinken soll. Dies habe das Unternehmen jedoch am Wochenende nicht bestätigen wollen. Quelle: dpa
AudiUnter dem Eindruck sinkender Erträge stellt Audi seine Mitarbeiter auf Einsparungen ein. Das neue Programm "Business 2.0" soll eine Vielzahl von Maßnahmen bringen - ein Stellenabbau ist aber nicht geplant. Als Begründung für die Sparmaßnahmen nannte Audi in einem Schreiben an die Mitarbeiter, das unserer Redaktion vorliegt, die unsichere Wirtschaftslage in Russland, strukturelle Problemen der Wirtschaft in Brasilien und Südafrika sowie die nachlassende Konjunktur in Deutschland. Quelle: dpa
DaimlerKonzernchef Dieter Zetsche legt beim Sparprogramm "Fit for Leadership" noch eine Schippe drauf. Das berichtet das manager magazin. Bisher sollten damit die Kosten in der Pkw-Sparte Mercedes im laufenden Jahr um gut zwei Milliarden Euro gedrückt werden. Jetzt will Zetsche jährlich weitere 3,5 Milliarden Euro einsparen, um das Gewinnziel von 10 Prozent Umsatzrendite (vor Steuern und Zinsen) noch zu erreichen. Mit seinem Sparprogramm folgt Zetsche auf die Ankündigungen seiner Kollegen in München und Wolfsburg... Quelle: AP
VolkswagenLange Gesichter auch bei Volkswagen. Chef Martin Winterkorn hat seine Führungskräfte auf milliardenschwere Sparbemühungen eingeschworen: fünf Milliarden Euro bis 2017. So will der Chef die anvisierten sechs Prozent Umsatzrendite in der VW-Pkw-Sparte bis 2018 doch noch schaffen. Vergangenes Jahr kamen aber nur 2,9 Prozent zusammen. Winterkorn hatte das Ziel ausgegeben bis 2018 Weltmarkführer werden zu wollen, die Rendite ist wichtiger Teil der Strategie. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, sollen die Einsparungen unter anderem beim Einkauf sowie geringeren Investitionen und Fixkosten erreicht werden. Winterkorn beklagte zudem zu hohe Aufwendungen beim Bau neuer Fabriken sowie dem Anlauf von neuen Modellen. Quelle: dpa
BMWDer Autobauer will einem Magazinbericht zufolge mit einem neuen Sparprogramm Milliarden einsparen. Bis 2020 sollten die Kosten um mindestens drei bis vier Milliarden Euro pro Jahr sinken, berichtete das "Manager Magazin" am 18. Juni unter Berufung auf Konzernkreise. BMW-Chef Norbert Reithofer habe die Unternehmensberatung McKinsey mit der Ausarbeitung des Projekts beauftragt. Das Sparprogramm solle gewährleisten, dass die operative Umsatzrendite des Konzerns auch langfristig im angepeilten Korridor von acht bis zehn Prozent liege. Bei BMW war zunächst niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Quelle: dpa
Siemens Programm "2020"Joe Kaeser gibt Gas und drückt die Kosten. Rund eine Milliarde Euro will er bis 2016 einsparen. Dafür schrumpft er die Zahl der Divisionen - so heißen die Geschäftseinheiten von Antriebstechnik bis zu Windkraft - von 16 auf 9 zusammen. Die so genannte Sektoren-Ebene entfällt vollständig. Aber damit nicht genug. Zum bisherigen Arbeitsplatzabbau von weltweit 15.000 Stellen, der noch unter Vorgänger Peter Löscher beschlossen wurde, kommen weitere mehrere Tausend. Details nannte Kaeser noch nicht. Siemens beschäftigt in Deutschland 130.000 Mitarbeiter. Sie sind größtenteils per Betriebsvereinbarung vor Entlassungen geschützt. Zweck des Rundum-Erneuerungs-Programms: Die Marge soll wachsen. Sie war in den vergangenen zwei Jahren deutlich unter der des Konkurrenten General Electric geblieben. Die zu optimistischen Rendite-Versprechen von 12 Prozent bis 2014 kosteten Peter Löscher im Sommer 2013 den Job. Quelle: dpa
DaimlerDas Sparprogramm „Fit for Leadership (F4L)“ ist als eine Art Zwei-Stufen-Modell angelegt. Kurzfristig will der Autobauer dadurch in seiner Pkw-Sparte bis Ende 2014 rund zwei Milliarden Euro sparen. Im Lkw-Bereich sollen es insgesamt 1,6 Milliarden Euro sein. Hinzu kommen Ersparnisse in der Bussparte. In den darauffolgenden Jahren möchte der Konzern dann weiter von den eingeleiteten Sparmaßnahmen profitieren. Entlassungen sind Daimler zufolge dabei vorerst kein Thema - freiwerdende Stellen werden aber möglicherweise nicht neu besetzt und ältere Mitarbeiter über Alterszeit früher aus dem Unternehmen ausscheiden. Daimler will Entwicklung, Produktion und Vertrieb effizienter machen. Im für die Schwaben problematischen Markt China sollen die bisher zwei Vertriebsgesellschaften zu einer zusammenwachsen.Auf der Hauptversammlung am 9. April 2014 kündigte Chef Zetsche an, das Sparprogramm auszuweiten. „Über alle Geschäftsfelder hinweg zeigen unsere Effizienzmaßnahmen Wirkung. Wir werden sie strukturell absichern und ausbauen“, sagte Zetsche. Details zum Umfang weiterer Sparmaßnahmen nannte er nicht. Quelle: dapd

Etwa 600 Millionen Euro versenkte Boehringer in einem Produktionswerk in Bedford im US-Bundesstaat Ohio, wo  Boehringer im Auftrag anderer Pharmaunternehmen Spritzen für Krebsmedikamente herstellte. Die Hygienemängel, die in Bedford auftraten, spotteten jeder Beschreibung: Durch ein undichtes Dach aus der Vorkriegszeit regnete es in die Fertigungshalle, ein Behälter mit Urin aus einer defekten Mitarbeitertoilette stand mitten in der Produktionshalle.

Höhere Ausgaben für Qualitätssicherung

Die US-Arzneiprüfer waren alarmiert. In den Jahren 2012 und 2013 steckte Boehringer jeweils etwa 300 Millionen Euro in die überfällige Sanierung. Am Ende entschloss sich das Unternehmen dann doch, das Werk zu schließen – nachdem die Versorgung der Patienten über andere Anbieter sichergestellt war.

Schließlich musste Boehringer auch noch seine Ausgaben für die Qualitätssicherung erhöhen – in welcher Höhe ist unbekannt. Den Prüfern der US-Zulassungsbehörde FDA waren Probleme bei der Fertigung in Ingelheim aufgefallen; so entdeckten sie im Wirkstoff des Boehringer-Bestsellers Spiriva Fremdpartikel. Boehringer musste eingestehen, dass seine Qualitätssicherung nicht auf dem neuesten Stand ist und entsprechend investieren; die Zahl der Mitarbeiter in der Qualitätssicherung etwa wurde stark aufgestockt. Mittlerweile ist die Angelegenheit erledigt, die Prüfer sind zufrieden.

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Trotz der außergewöhnlichen Belastungen ist Boehringer allerdings beileibe kein Sanierungsfall. Das Unternehmen verfügt über ein Eigenkapital von rund sieben Milliarden Euro. Und auch der Gewinn legt noch zu: 2013 stieg der Jahresüberschuss gegenüber dem Vorjahr noch um sieben Prozent auf 1,3 Milliarden Euro – bei einem allerdings rückläufigen Umsatz von rund 14 Milliarden Euro.

Boehringer hat freilich auch schon bessere Zeiten gesehen. Und der Ruf des Unternehmens als beliebter Arbeitgeber dürfte ebenfalls Schaden nehmen.

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