WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Spekulationen um Alstom und Siemens Entsteht der ICE künftig in Frankreich?

Siemens könnte Alstom das Zuggeschäft überlassen, dafür erhielten die Münchener die Energie- und Netzwerktechniksparte der Franzosen. Wäre es tatsächlich so schlimm, wenn der ICE künftig in Frankreich gebaut würde?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Siemens greift in den Übernahmepoker zwischen dem US-Rivalen General Electric (GE) und dem französischen Konkurrenten Alstom ein. Demnach würde das deutsche Unternehmen Geschäfte im Schienenverkehr wie den Bau von ICE-Zügen und Lokomotiven an Alstom abgeben, wenn Siemens im Gegenzug das Energie-Geschäft der Franzosen übernehmen könnte. Quelle: dpa

Eine deutsch-französische-Kooperation im Stile des Airbus-Konzerns - dieses Szenario schwebt Siemens-Chef Joe Kaeser und dem Alstom-CEO Patrick Kron wohl vor, wenn sie über die Zukunft der beiden Konzerne sprechen. Joe Kaeser wäre bereit, Geschäfte im Schienenverkehr wie den Bau von ICE-Zügen und Lokomotiven an Alstom abzugeben - wenn er im Gegenzug das Energietechnik-Geschäft der Franzosen übernehmen könnte.

Das mag auf den ersten Blick irritieren. Auf den zweiten allerdings wird klar, dass Kaeser damit ein gutes Geschäft machen würde.

Zugaufträge sind oft risikoreich. Die Verzögerungen beim Bau des ICE 3 kosteten Siemens Millionen - ganz abgesehen von der Häme der ganzen Nation und der Wut der Deutsche-Bahn-Kunden, die wegen der zu spät gelieferten Züge mehr als einmal vergeblich auf ihren Anschluss warteten.

Allerdings - und das spräche gegen den Verkauf - ist das Geschäft mit Loks und Waggons Kern der Infrastruktur-Sparte. Und die gilt als Türöffner für weitere Geschäfte in ausländischen Märkten.

So etwa in Russland. Dort baut Siemens Hunderte neuer Züge und modernisiert die Oberleitungen der Eisenbahnen. Zusätzlich liefert das Unternehmen aber auch Gasturbinen für Kraftwerke, Kompressoren für Gaspipelines und Medizintechnik für Krankenhäuser. Das Zusammengehen der Zugsparten von Alstom und Siemens hätte auch Auswirkungen für die Deutsche Bahn.

Siemens-Ergebnis nach Sparten

Zum einen würde ein wichtiger Anbieter im Nahverkehrsmarkt wegfallen – zum Nachteil der Deutschen Bahn. Neben Siemens und Bombardier hat vor allem Alstom in den vergangenen Jahren Züge für die Bahn-Tochter DB Regio geliefert. Ein Rahmenvertrag über den Bezug von 400 Elektrotriebzügen des Modells Coradia Continental zwischen Alstom und DB Regio etwa läuft über ein Volumen von zwei Milliarden Euro. Gemeinsam könnten Siemens und Alstom zukünftig Angebote für die Deutsche Bahn absprechen.

Allerdings hat Konzernchef Rüdiger Grube in der jüngsten Vergangenheit vorgesorgt: Die Bahn ordert inzwischen auch bei den Zugherstellern wie Pesa aus Polen, CAF aus Spanien, Stadler aus der Schweiz und Škoda Transportation aus Tschechien. Der Wegfall von Alstom als reinen Wettbewerber dürfte die Bahn also problemlos wegstecken können.

GE, Siemens, Alstom & Konkurrenz im Vergleich

Im Fernverkehr könnte die Deutsche Bahn sogar profitieren. Denn dort hat es echten Wettbewerb beim Bau von Zügen ohnehin nie gegeben. Die ICE-Züge von Siemens waren in Deutschland ebenso gesetzt wie die TGV- und AGV-Züge von Alstom in Frankreich. Der Versuch von Alstom im Jahr 2008, mit dem AGV in Deutschland Fuß zu fassen, scheiterte bereits vor Abgabe eines konkreten Angebots, weil das Management die Hoffnungslosigkeit des Unterfangens erkannte.

Alstom und Siemens kooperieren schon lange


Was alles einmal zu Siemens gehörte
Joe Kaeser Quelle: dpa
Wolfgang Dehen Quelle: dpa
Kaffee tropft aus einem Kaffee-Vollautomaten in eine Tasse Quelle: dapd
Gigaset-Telefone Quelle: dapd
Stopp-Schild vor einem Gebäude mit dem Benq-Logo Quelle: AP
Schild Nokia Siemens Networks Quelle: dpa
Infineon-Fabrik Quelle: REUTERS

Künftig wäre man bei der Deutschen Bahn eventuell offener gegenüber der Alstom-Technik im Fernverkehr. Wichtiger noch: Als gemeinsames Unternehmen dürften Siemens und Alstom darauf hinwirken, dass in Europa künftig einheitliche Standards bei der Entwicklung von Loks, Zügen und Sicherheitstechnik gelten.

Bislang haben die Unternehmen hier nicht an einem Strang gezogen. So opponierte Alstom vor einigen Jahren vehement gegen veränderte Sicherheitsstandards im Kanaltunnel, weil der Betreiber Eurostar neue Züge bei den Münchenern ordern wollte. Ein echter europäischer Markt könnte endlich Realität werden.

General Electrics Ergebnis nach Sparten

Ohnehin sind Siemens und Alstom nicht ausschließlich erbitterte Feinde. In vielen Hochgeschwindigkeitszügen des Einen stecken Komponenten des Anderen. So lieferte Alstom etwa die Achsen für den Neigetechnikzug ICE-T. Auch beim Zugleitsystem ECTS bauen die Franzosen teilweise Technik in den Nah- und Fernverkehrszügen von Siemens ein. Bis zur dritten Generation der ICE-Flotte lieferte Alstom auch die Bistrowagen zu. Interessant dürfte indes sein, wo ein gemeinsames Unternehmen künftig produzieren wird. Alstom unterhält allein in Deutschland 23 Standorte. Siemens kommt auf deutlich mehr Produktionsstätten. Hier ließen sich sicher Synergien heben.

Börsenhändler sehen den möglichen Deal eher skeptisch: Die Siemens-Aktie fiel am Montag um fast drei Prozent. Sie war der größter Verlierer im Dax. „Ich hoffe sehr, dass es nicht zu einem Bieterkampf um Alstom kommen wird“, sagte Tim Albrecht, Fondsmanager des DWS Deutschland, im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Wir sehen die Pläne zum jetzigen Zeitpunkt eher kritisch.“ Auch Hans-Joachim Heimbuerger, Analyst von Kepler Cheuvreux, schrieb, es sehe so aus, als könne Siemens nur verlieren.

Industrie



Siemens will nach dem Treffen mit dem französischen Präsidenten am Montagabend über eine etwaige Offerte Alstom entscheiden. „Eine Delegation von Siemens wird heute im Laufe des Tages Gelegenheit haben, mit dem französischen Präsidenten und weiteren hohen Vertretern der französischen Politik zusammenzutreffen“, teilte das Unternehmen am Montagmittag mit. „Im Anschluss an diese Gespräche wird Siemens entscheiden, ob ein Angebot für Alstom abgegeben wird und welche Inhalte dies gegebenenfalls hätte.“

Das Tauziehen um die französische Industrie-Ikone beschäftigt auch den Aufsichtsrat der Münchener. Auf einer außerordentlichen Sitzung werde sich das Kontrollgremium am Dienstag mit dem Thema befassen, sagten drei mit der Situation vertraute Personen am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Siemens wollte sich dazu nicht äußern.Aus hochrangigen Regierungskreisen hieß es, die Bundesregierung begleite die Siemens-Pläne "wohlwollend", jedoch ohne im Moment selbst aktiv zu werden. Eine Partnerschaft Siemens/Alstom wäre für Deutschland offensichtlich ebenfalls besser als Alstom/General Electric.

Mit Material von dpa/Reuters

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%