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SSAB und Tata reden über Stahlfusion Für Thyssenkrupp wird es eng bei der Suche nach einem Stahlpartner

Ein Hochöfner nimmt am Hochofen 1 im Werk Schwelgern von Thyssenkrupp eine Probe. Hier wird Roheisen produziert. Der in der Krise steckende Stahl- und Industriekonzern Thyssenkrupp ist im zweiten Quartal des bis Ende September laufenden Geschäftsjahrs 2019/20 noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Quelle: dpa

Langsam gehen Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz die Optionen aus. Ihr möglicher Partner für das Stahlgeschäft, der schwedische Wettbewerber SSAB, steckt eine Fusion mit dem indischen Wettbewerber Tata ab.

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Es wird eng für Thyssenkrupp-Konzernchefin Martina Merz Ihr Stahlgeschäft schreibt Millionenverluste. Seit Monaten sucht die Top-Managerin nach einer Lösung für das angeschlagene Kerngeschäft des Essener Industriekonzerns. Das Übernahmeangebot des britischen Wettbewerbers Liberty Steel setzt sie noch erheblich unter Druck. Denn nun stecken andere Wettbewerber, die Merz als Option für eine Partnerschaft genannt hatte, andere Möglichkeiten für sich ab. Der schwedische Stahlhersteller SSAB ist es nun nicht mehr allein mit Thyssenkrupp über eine Zusammenarbeit im Gespräch, sondern auch mit dem indischen Stahlriesen Tata. Das bestätigten Konzernkreise der WirtschaftsWoche. Zuerst hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg darüber berichtet.

Auch Tata sucht für sein angeschlagenes europäisches Stahlgeschäft dringend eine Lösung. Im vergangenen Jahr war die geplante Stahlfusion zwischen dem europäischen Stahlgeschäft der Inder und Thyssenkrupp Steel am Veto der Europäischen Aufsichtsbehörden gescheitert, nachdem beide Konzerne jahrelang über den Deal verhandelt hatten. Erneute Gespräche mit Tata über eine Partnerschaft hatte auch Konzernchefin Merz als eine Option genannt. Doch nach Informationen aus Branchenkreisen gestalten sich die Gespräche zwischen den beiden schwierig. Denn nach wie vor müsste Thyssenkrupp Teile seines Stahlgeschäfts erst einmal  verkaufen, um einen Deal mit Tata bei den EU-Wettbewerbsbehörden doch noch durchzukriegen.

Der schwedische Wettbewerber SSAB gilt deshalb als Favorit für eine Stahlpartnerschaft für Thyssenkrupp. Schon vor wenigen Wochen sagte SSAB-Chef Martin Lindqvist der WirtschaftsWoche, er rede mit allen in der Branche über eine mögliche Zusammenarbeit, vor allem darüber, wie eine CO2-neutrale Stahlproduktion gemeinsam gestemmt werden könnte. Explizit nannte er dabei Thyssenkrupp als Gesprächspartner. Die Umstellung der energieintensiven Stahlproduktion mit dem klimaschädlichen Brennstoff Kokskohle auf grünen Wasserstoff erfordert Milliardeninvestitionen bei allen in der Branche. 

Der indische Stahlriese Tata will raus aus Europa

Eine komplette Übernahme des Stahlgeschäfts von Thyssenkrupp lehnte der SSAB-Chef aber vor wenigen Tagen ab. „Nein, wir sind nicht an einem Bieterprozess beteiligt“, sagte er kürzlich in einer Telefonkonferenz anlässlich der Zahlen zum dritten Quartal. Bisher sind die Schweden relativ glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Nun schreibt auch aber SSAB wegen der schwächeren Nachfrage in den vergangenen drei Monaten Verluste und verschreckte die Anleger auch noch mit dem Ausblick: Durch die Corona-Pandemie seien die weiteren Aussichten mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, so SSAB-Chef Lindqvist.

Alle Stahlproduzenten in Europa leiden unter einer schwächeren Nachfrage und globaler Überkapazitäten. Gleichzeitig steigen die Preise für den wichtigen Rohstoff Eisenerz und immer noch kommt viel günstiger Stahl aus Drittländern nach Europa. Das treibt die Konsolidierung in der europäischen Branche voran.


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Der schwedische Stahlhersteller SSAB ist die Nummer sechs unter den größten Stahlherstellern in Europa, rangiert weltweit allerdings nur auf Platz 44. Der Umsatz lag 2019 bei rund 7,2 Milliarden Euro, der Gewinn bei knapp 200 Millionen Euro. In der Branche heißt es, die Schweden und Thyssenkrupp passten auch kulturell gut zueinander. Finanziell wäre SSAB ein Premiumpartner – noch.

Thyssenkrupps Verhandlungsposition schwächer

Dass die Schweden nun auch mit dem Wettbewerber Tata über eine mögliche Partnerschaft reden, bringt Thyssenkrupp-Chefin Merz in eine schwierigere Verhandlungsposition. Tata wie auch SSAB könnten sich schnell einig werden über eine Partnerschaft. Tata will sein europäisches Stahlgeschäft los werden. Es hat mit dem Stahlwerk in den Niederlanden eines der modernsten Stahlwerke Europas. Die Gemengelage für die Top-Managerin in Essen wird damit noch komplexer: Eine gestärkte SSAB mit dem Stahlgeschäft von Tata würde noch mehr Konkurrenz für ihr Stahlgeschäft bedeuten. 

Das könnte auch ihre Position bei der Verhandlung über einen möglichen Kauf durch den britischen Konkurrenten Liberty Steel verschlechtern. Angesichts einer möglichen neuen starken Konkurrenz dürfte ein Kaufpreis für das angeschlagene Stahlgeschäft von Thyssenkrupp nicht besonders hoch ausfallen. Und wollte Merz den Ausverkauf des Kerngeschäfts von Thyssenkrupp an Liberty Steel verhindern, müsste sie wohl einer Partnerschaft mit Tata oder mit SSAB größere Zugeständnisse einräumen.

Letzte Rettung Staatshilfe

Gut möglich, dass dem Essener Traditionskonzern als letzte Rettung tatsächlich nur noch eine finanzielle Beteiligung des Bundes oder des Landes Nordrhein-Westfalen, bleibt, wie es die Gewerkschaften als Übergangslösung lautstark fordern. Gelöst hätte Merz das Stahlproblem damit immer noch nicht. EIne Strategie für das Kerngeschäft bliebe sie schuldig.

Mehr zum Thema: Sanjeev Gupta möchte die Stahlsparte von Thyssenkrupp. Seine Finanzierungspraktiken werfen jedoch Fragen auf.

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