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Stahl „Für unsere Stahlindustrie geht es ans Eingemachte“

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"Unfaire Praktiken zwingen uns, Schutzmaßnahmen zu fordern"

Stahlindustrie versetzt Börse in Aufruhr

Hat ArcelorMittal schon Rückzugspläne in der Schublade? Die Zeitung „Die Welt“ zitiert aus einem Arcelor-Mittal-Papier: "Wenn sich die Situation nicht verbessert, werden wir unsere Präsenz in Europa nochmal überprüfen müssen."

Wir überprüfen regelmäßig unseren Footprint. Derzeit sind wir in Europa gut aufgestellt. Wir haben bereits 2011 vier Hochöfen in Frankreich und Belgien dauerhaft geschlossen. Aktuell ist ein Elektroofen in Spanien vorübergehend außer Betrieb. ArcelorMittal hat die Anpassungen bereits realisiert. Wenn die Weichen für die politischen Rahmenbedingungen bei Klima- und Handelspolitik nicht richtig gestellt werden, müssen wir darauf reagieren.  

Aber die aktuelle Misere können Sie nicht alleine der Konkurrenz aus China anlasten. Zu den importierten Problemen kommen europäische hausgemachte hinzu.

Ja, insbesondere in der Klimapolitik. Der aktuelle Reformvorschlag der EU-Kommission zu den CO2-Emissionen würde dazu führen, dass die deutschen Stahlhersteller 2030 etwa 40 bis 45 Prozent zu wenig Emissionszertifikate hätten. Am Ende der nächsten Handelsperiode im Jahr 2030 wäre deutscher Stahl dadurch 30 Euro pro Tonne teurer, belegt eine Studie des Ecofys-Instituts. Die deutschen Stahlhersteller würde das über eine Milliarde Euro kosten, hat die Wirtschaftsvereinigung Stahl ausgerechnet. Diese Bedrohung ist mittel- und langfristig nicht kleiner als die aktuelle durch das China-Dumping. Angesichts der knappen Margen ist auch das eine substanzielle Gefahr.

Ziel der EU ist, die CO2-Emissionen bis 2030 auf Basis von 1990 um 40 Prozent zu senken - um den Klimawandel zu stoppen.

Diese Zielvorgabe kann nur dann geschafft werden, wenn alle Wirtschafts- und Lebensbereiche einbezogen werden. Allein mit dem Senkungspotenzial in der Industrie ist das nicht erreichbar. Die Stahlindustrie hat ihre CO2-Emissionen seit 1990 bereits um 19 Prozent gemindert und hat bei den bestehenden Technologien keinen bedeutenden Spielraum mehr. Und durch die China-Importe wird der Gewinn an CO2-Reduktion wieder verkleinert. Denn chinesischer Stahl verursacht 43 Prozent mehr CO2-Emissionen als europäischer Stahl. 2015 wurde mit den 7,2 Millionen Tonnen Walzstahlimporten aus China ein ökologischer Rucksack von 4 Millionen Tonnen mehr CO2 freigesetzt als wenn dieselbe Menge in Werken in der EU hergestellt worden wäre. Wenn die europäische Stahlproduktion durch wettbewerbsverzerrende und kostenerhöhende Auflagen aus dem Emissionsrechtehandel weiter sinkt, wird die entsprechende Menge durch umweltschädliche Importe ersetzt. Wir brauchen dringend eine Reform des Emissionshandels, um durch faire Wettbewerbsbedingungen auch in Zukunft die Stahlproduktion in Deutschland und Europa zu ermöglichen und die Gefahr der Abwanderung der Industrie in andere Regionen mit geringeren Umweltauflagen zu vermeiden.

 

Nebenbei kämpfen Sie auch noch gegen die EEG-Umlage.

Wir zahlen bereits einen Teil der EEG-Umlage für unsere deutschen Werke. Aber wir wehren uns dagegen, dass wir auch für die Eigenstromerzeugung aus Restgasen EEG-Umlage zahlen sollen. Es gibt kein umweltfreundlicheres Verfahren, als aus Gasen, die bei der Stahlherstellung anfallen, Strom zu produzieren. Wenn wir dafür auch noch bezahlen müssten, wäre das ein weiteres Kriterium, das den Stahl-Standort Deutschland ernsthaft bedroht. Die Bundesregierung und die EU diskutieren derzeit über eine Regelung zum Eigenstrom, die ab nächstem Jahr gelten soll.

Sind Sie derzeit eigentlich mehr als Manager oder als Lobbyist beschäftigt?

Die derzeitige politische Lage erfordert es, dass wir verstärkt gemeinsam mit der Politik nach Lösungen suchen. Es ist meine Aufgabe, das für unser Unternehmen in Brüssel zu koordinieren.

Als Unternehmer sind sie für die Marktwirtschaft, in Ihrer politischen Funktion aber für Handelsbeschränkungen.

Wir brauchen freien Handel. Aber unfaire Praktiken zwingen uns, Schutzmaßnahmen zu fordern, die den Handel wieder auf ein faires Niveau bringen.

Und das tun Sie mit Erfolg?

Wir sehen erste Anzeichen in der Politik, dass unsere Lage besser verstanden wird. Wir hoffen, dass nun auch Taten folgen und die notwendigen Entscheidungen getroffen werden, damit die Stahlproduktion in Deutschland und Europa weiter Zukunft hat und wir unseren wichtigen Beitrag leisten können - für unsere Kunden in der Wertschöpfungskette, für Beschäftigung, Investitionen und Innovationen. 

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