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Stahlfusion und Aufteilung abgesagt Knallharter Rückschlag für ThyssenKrupp

Vorstandschef Guido Kerkhoff sagt die Stahlfusion und die geplante Aufteilung ab. Quelle: REUTERS

Die Stahlfusion ist abgesagt, die geplante Aufteilung des Industriekonzerns auch. Es ist eine radikale Kehrtwende von Vorstand Gudio Kerkhoff. Sie wird 6000 Mitarbeiter den Job kosten.

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Um klare Worte ist Thyssenkrupp-Vorstandschef Guido Kerkhoff nie verlegen. So wie er seit September vergangenen Jahres mit vollster Überzeugung die Aufteilung des Essener Industriekonzerns in zwei Teile als die heilbringende Lösung für den angeschlagenen Konzern verkaufte, genauso deutlich kündigt er nun die radikale Kehrtwende an. Es ist nicht leicht, so einen Schritt zu machen, sagte Kerkhoff. Aber für das Unternehmen sei es besser. „Wenn der eingeschlagene Weg nicht richtig ist, muss man umkehren“, so Kerkhoff. Besser spät als nie, könnte man auch sagen.

Die Stahlfusion mit dem europäischen Stahlgeschäft des indischen Konkurrenten Tata kommt nicht, die Aufteilung damit auch nicht. Die Essener Industrieikone soll als Ganzes bestehen bleiben. Nun setzt der Vorstandschef auf eine schlanke Holdingstruktur, mit mehr Freiheit für die einzelnen Bereiche, sich weiterzuentwickeln. Im Rahmen dieser neuen Strategie soll die Aufzugssparte an die Börse gebracht werden, um den finanziellen Spielraum von Thyssenkrupp zu verbessern.

Die Sparte, an der der finnische Konkurrent Kone Interesse angemeldet hatte, werde höher bewertet als der ganze Thyssenkrupp-Konzern, sagte Kerkhoff. Die beste „Kuh“ im Stall wird jetzt also doch „geopfert“. Wir erinnern uns. Investoren hatten das immer wieder gefordert. Man warf dem Ex-Vorstand der Sparte, Andreas Schierenbeck, vor, er habe „ heimlich“ einen Börsengang der Sparte geplant. Schierenbeck musste gehen. Der Vorwurf hatte sich im Nachhinein als haltlos erwiesen.

Die Stahlfusion wie auch Kerkhoffs Plan, das Unternehmen in zwei Teile aufzuteilen, sind seither immer wieder kritisiert worden. Der Aktionskurs des Unternehmens ist auf ein 15-Jahres-Tief gefallen. Bei Investoren wie Arbeitnehmern kam der Teilungsplan gar nicht gut an, weil sich kaum jemandem außer dem Vorstand der Sinn und Erfolg des Plans erschloss.

Jetzt gibt die EU-Kommission mit ihrem Nein zur Stahlfusion Kerkhoff die Gelegenheit, die Schuld für die geplatzte Fusion Brüssel in die Schuhe zu schieben und gleichzeitig einen Plan B vorzustellen. Gegen die Stahl-Fusion hatte die EU-Kommission wettbewerbsrechtliche Bedenken angemeldet und Zugeständnisse gefordert, die Thyssen und Tata offenbar nicht erfüllen wollten. „Nach einem heutigen Gespräch mit der Wettbewerbskommission gehen Thyssenkrupp und Tata Steel davon aus, dass das geplante Joint Venture ihrer europäischen Stahlaktivitäten aufgrund der weiter fortbestehenden Bedenken der Kommission nicht zustande kommen wird“, so Kerhoff.

Die Stahlsparte müsse nach der Absage der Fusion saniert werden, 2000 Stellen sollen hier gestrichen werden. Auch für den Werkstoffhandel würden Optionen geprüft. Der Aufsichtsrat soll am 21. Mai über die Pläne entscheiden.

„Thyssenkrupp wird sich grundlegend neu ausrichten, um die operative Leistungsfähigkeit entscheidend zu verbessern“, so Kerkhoff. Hierzu gehöre der Vorschlag an den Aufsichtsrat, die lukrative Aufzugssparte an die Börse zu bringen. Im Rahmen der Neuausrichtung würden 6000 Stellen abgebaut, zwei Drittel davon in Deutschland, kündigte der Top-Manager an. Die Thyssen-Aktie schoss in der Spitze mehr als 20 Prozent in die Höhe.

Geteilte Reaktionen

Die Arbeitnehmervertreter fordern nun ein klares Zukunftskonzept. „Herr Kerkhoff hat die Strategie der Teilung vor acht Monaten selbst vorgeschlagen. Wenn das jetzt nicht mehr funktionieren soll, dann muss er uns das schon erklären“, sagte Vize-Aufsichtsratschef Markus Grolms der Nachrichtenagentur Reuters. „Der Weg nach vorne muss endlich tragfähig sein, aber es muss fair zugehen. Die Beschäftigten haben dieses ganze Hick Hack nicht zu verantworten.“ Deshalb müsse ein klarer Weg nach vorne beschrieben werden. „Ein solches Chaos wie im letzten Jahr darf nicht wieder entstehen. Mit uns ist keine Lösung machbar, in der nicht Perspektiven für alle Geschäfte stecken“, sagt IG-Metall Gewerkschafter Grolms.

Die Fondsgesellschaft Deka stellt sich hinter die angekündigte Neuausrichtung des Industriekonzerns. Die Absage der geplanten Aufspaltung und der Stahlfusion und die stattdessen vorgeschlagene Holding-Struktur sei eine massive Kehrtwende, sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei dem Sparkassen-Fondshaus, am Freitag zu Reuters. „Es ist aber die richtige Entscheidung.“ Thyssenkrupp könne so leichter ein aktives Portfoliomanagement betreiben, wie das mit einem Börsengang der renditeträchtigen Aufzugssparte jetzt anvisiert werde. „Das sieht der Markt jetzt natürlich sehr positiv. Man sieht auch, dass die Aktionäre kein Vertrauen hatten in die Strategie“, sagte Speich mit Blick auf einen Kursanstieg von mehr als 20 Prozent nach der Ankündigung der Pläne. Deka gehört nach Daten von Refinitiv zu den 15 größten Aktionären bei Thyssenkrupp.

Die Gemengelage im Unternehmen macht durchgreifende Veränderungen nicht leicht. Neben den mächtigen Arbeitnehmervertretern und der IG Metall sind der Finanzinvestor Cevian mit einem Anteil von rund 18 Prozent und die Krupp-Stiftung mit 20 Prozent wichtige Player, die in Fragen der Strategie nicht immer einer Meinung sind. Die Krupp-Stiftung betonte, an der Seite des Unternehmens zu stehen. „Die Krupp-Stiftung hat den Vorstand bei der Umsetzung des JV mit Tata und der geplanten Aufspaltung unterstützt. Die Ausführungen des Vorstandes zeigen, dass sich das Unternehmen in einer herausfordernden Situation befindet, in der alle Beteiligten gefordert sind.“ Die Stiftung wolle, dass das Unternehmen in allen Geschäftsfeldern wettbewerbsfähig aufgestellt sei, mit zukunftssicheren Arbeitsplätzen und einer nachhaltigen Dividendenfähigkeit. „Vor diesem Hintergrund werden wir die neuen Vorschläge bewerten.“

Thyssenkrupp erwartet Jahresverlust

Wegen der abgesagten Stahlfusion kann Thyssenkrupp auch die erwarteten Buchgewinne nicht einstreichen und muss Prognose für das laufende Geschäftsjahr zusammenstreichen. Der Konzern rechnet nun inklusive des Stahlbereichs, der im dritten Quartal wieder eingegliedert wird, mit einem bereinigten operativen Ergebnis (Ebit) von 1,1 bis 1,2 Milliarden Euro. Unter dem Strich erwartet Thyssenkrupp in diesem Jahr Verluste.

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