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Stahlindustrie Stahlbranche ringt weiter um bessere Zeiten

Keine Ruhe für die deutsche Stahlindustrie. Zwar füllen sich die Auftragsbücher, doch die Probleme mit weltweiten Überkapazitäten bleiben. Sorgen bereiten zudem die Klimapolitik und wieder steigende Rohstoffpreise.

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Die Stahlindustrie in Deutschland kommt einfach nicht in ruhiges Fahrwasser. Quelle: dpa

Vorsichtiger Optimismus machte sich zuletzt in der deutschen Stahlbranche breit. Langsam anziehende Preise nach den dramatischen Einbrüchen im vergangenen Jahr sorgten für Hoffnungsschimmer. Doch massiv steigende Rohstoffpreise bedrohen die Erholung schon wieder. Und die grundlegenden Probleme der Branche sind ungelöst. Dort herrscht weiter Alarmstimmung, die an diesem Mittwoch bei einer neuerlichen Großdemonstration in Brüssel auf die Straße gebracht werden soll.

Warum kommt die Branche nicht auf die Beine?

Als Antwort reicht fast ein Wort: Überkapazitäten. Es geht um das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Zu viel Stahl trifft auf einen zu geringen Bedarf. Das drückt in Europa wegen der Wirtschaftskrise im Süden schon seit Jahren auf die Preise. Die Branche ist anfällig für jede auch noch so kleine Belastung wie die jüngst wieder steigenden Rohstoffpreise.

Welche Rolle spielt dabei China?

Auch China kämpft angesichts niedrigerer Wachstumsraten mit einer erheblichen Überproduktion. Den überschüssigen Stahl versucht das Riesenreich mit hohen Subventionen auf den Weltmarkt zu werfen. Das Land stehe nicht nur für die Hälfte der Weltstahlproduktion, sondern auch für zwei Drittel der globalen Überkapazitäten von rund 660 Millionen Tonnen, sagt der Präsident der deutschen Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff. Das seien „gravierende Strukturprobleme“.

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Was könnte China sonst tun?

Die europäische Konkurrenz drängt seit Jahren darauf, dass China nicht benötigte Stahlwerke abschaltet. Das scheute Peking angesichts des Heers von Stahlarbeitern im Land lange. Nun gibt es zwar erste Bestrebungen für größere Zusammenschlüsse der defizitären chinesischen Stahlkocher - doch sie erscheinen vielen als zu zaghaft. Bei der Begrenzung der Produktion der Kohleminen habe die Regierung demonstriert, dass sie schnell und konsequent handeln könne, sagt Aditya Mittal, Finanzchef des Weltmarktführers ArcelorMittal. „In der Stahlindustrie haben wir noch nicht die gleichen Aktivitäten gesehen.“

Wie sieht es in Deutschland aus?

Den Stahlkonzernen hierzulande ging es zuletzt noch vergleichsweise gut. Dank der robusten deutschen Konjunktur konnten sie ihre Auslastung hoch halten. Angesichts von steigender Bestelllungen vor allem aus der Bauindustrie sieht die Branche in Deutschland nach zwei Jahren mit einer leicht rückläufigen Rohstahlproduktion „ermutigende Signale“ für 2017. Doch dem branchenweiten Preisdruck können sich aber auch die deutschen Hersteller nicht entziehen.

Reagieren die Konzerne denn gar nicht?

Doch, sie versuchen gegen den Preisverfall anzusparen. So hat ArcelorMittal in Europa in den vergangenen Jahren vier von 25 Hochöfen stillgelegt. Bei ThyssenKrupp haben die Stahlkocher in Duisburg ihre Wochenarbeitszeit reduziert und verzichten seitdem auf Lohn. Zudem lotet der Konzern die Möglichkeit eines Zusammenschlusses seine Stahlaktivitäten mit dem europäischen Arm des indischen Konzerns Tata Steel aus.

Was macht die Politik?

Die EU hat zum Schutz der Branche Schutzzölle auf verschiedene Stahlsorten aus China eingeführt. Das hat etwas geholfen - so sind die Stahlpreise nach dem Einbruch 2015 in diesem Jahr um 50 Prozent gestiegen. Doch das reicht der Branche nicht. Von einem umfassenden Schutz sei die EU weit entfernt, erklärt Aditya Mittal. Und dann sind da die geplanten strengeren Klimaschutzvorgaben. So fürchtet die Branche durch Verschärfungen beim Emissionsrechtehandel weitere Wettbewerbsnachteile. Werde der vorliegende Vorschlag umgesetzt, müsste die Stahlindustrie für den Zeitraum von 2021 bis 2030 fast 40 Prozent der Zertifikate zukaufen, sagt Stahl-Präsident Kerkhoff.

Braucht Europa denn überhaupt noch eine Stahlindustrie?

Zwar arbeiten etwa in Deutschland nicht einmal mehr 90.000 Menschen in den Hütten - doch ein Europa ohne Hochöfen ist für viele eine Horrorvorstellung. Die Anlagen haben dabei nicht nur symbolische Bedeutung. Wirtschaftsvertreter verweisen darauf, dass eine funktionierende Stahlbranche Basis für die wichtigsten Industriezweige sei.

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