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Stahlsparte Corona wirkt bei Thyssenkrupp wie ein Brandbeschleuniger

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz kann den Essener Industriekonzern allein nicht retten Quelle: dpa

Bei Thyssenkrupp beschleunigt die Pandemie unausweichliche Entwicklungen. Aus eigener Kraft kann der Stahl nicht überleben. Konzernchefin Martina Merz muss weiter sparen und Stellen streichen. Doch das wird nicht reichen. 

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Es ist ein schwarzer Tag für die Stahlkocher im Ruhrgebiet. Der letzte Bieter für das zum Verkauf stehende Grobblechwerk von Thyssenkrupp in Duisburg-Hüttenheim ist abgesprungen. „Die Corona-Situation hat dem Verkaufsprozess, der mit großer Sorgfalt geführt wurde, das Genick gebrochen“, sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der Gewerkschaft IG Metall in Nordrhein-Westfalen.

Die Chancen, eine Schließung des Werkes bis Ende 2021 noch abzuwenden, sind praktisch auf Null gesunken. In dem Werk im Duisburger Süden werden Stahlbleche unter anderem für die Bauindustrie, den Schiffbau oder für Pipelines hergestellt. Rund 800 Mitarbeiter verlieren dort ihren Job. Sie sollen an anderen Stahlstandorten einen neuen Arbeitsplatz bekommen. 

„Ein staatliches Eingreifen erscheint unausweichlich“

Doch ob sie dort unterschlüpfen können, ist mehr als fraglich. Die Folgen der Coronakrise wirken wie ein Brandbeschleuniger auf das schon vor der Pandemie tief in der Krise steckende Essener Traditionsunternehmen. An diesem Donnerstag legt Konzernchefin Martina Merz das Jahresergebnis für das abgelaufene Geschäftsjahr vor. Es ist ein weiterer rabenschwarzer Tag für Thyssenkrupp. Der Konzern rutschte tief in die roten Zahlen. Das Stahlgeschäft steuerte mit einem Verlust von fast 1 Milliarde Euro den größten Teil zum Minus bei. Dazu musste der Konzern bis zum Geschäftsjahresende insgesamt rund 3 Milliarden Euro auf das Stahl- sowie das Automobilzuliefergeschäft abschreiben - im fortgeführten Geschäft verbuchte der Konzern damit einen Nettoverlust von 5,5 Milliarden Euro, nach einem Minus von knapp 1,2 Milliarden im Vorjahr. Daher sollen nun zusätzlich 5000 Arbeitsplätze in den kommenden drei Jahren wegfallen, auch betriebsbedingte Kündigungen seien nicht ausgeschlossen, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.

Schon im Sommer hatte Top-Managerin Merz, die erst im Oktober 2019 die Führung des Unternehmens übernommen hatte, angekündigt, der Konzern werde im Geschäftsjahr 2019/2020 fünf bis sechs Milliarden Euro verbrennen. Vor wenigen Tagen legte Merz nach und sprach im Gespräch mit der FAZ unverblümt von „einem fürchterlichen cash flow im abgelaufenen Geschäftsjahr.“

Im Frühjahr hatte Merz noch einen „Zukunftspakt Stahl“ mit den Arbeitnehmervertretern verabschiedet. Von Zukunft ist inzwischen keine Spur mehr. Merz wird weiter sparen und Jobs streichen müssen. Zum Überleben bleibt ihr für das Stahlgeschäft kurzfristig nur noch eine Option: Hilfe vom Staat. „Die Zeit läuft Thyssenkrupp davon“, sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei Deka Investment. „Es muss dringend eine Stabilisierung der Finanzkennzahlen erfolgen“. Bloß wie und womit? Finanzspezialist Speich sieht nur noch einen Ausweg: „Ein staatliches Eingreifen in die Stahlsparte erscheint unausweichlich.“

Seit Monaten laufen zwischen IG-Metall, Unternehmen, dem Land NRW und dem Bund Gespräche über eine staatliche Hilfe. Merz hatte vor wenigen Tagen bestätigt, dass sie Gespräche über staatliche Unterstützung mit der Bundesregierung unter der Beteiligung der NRW-Landesregierung führe. Aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds habe Thyssenkrupp aber bisher noch keine Hilfen beantragt. Den Fonds (WSF) hatte der Bund in der Coronakrise geschaffen. Bisher sind fünf anderen Unternehmen aus diesem Fonds Hilfsanträge bewilligt worden – insgesamt im Volumen von 6,58 Milliarden Euro. 

Bei Thyssenkrupp prüfe der Bund noch, ob der Fonds eine Option sein könnte, sagt NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Es gebe unterschiedliche Strategien, ob es um das ganze Unternehmen oder einen Teilbereich gehe. Der Stahl könnte von Thyssenkrupp abgespalten werden und dann unter den Hilfsfonds gestellt werden, so Pinkwart. Entschieden sei das aber noch nicht. Finanz- und Wirtschaftsminister des Bundes prüften das. 

Thyssenkrupp-Chefin Merz hat für ihre schwächelnde Stahlsparte ein Übernahmeangebot des britischen Konkurrenten Liberty Steel vorliegen. Die IG Metall lehnt diese Offerte strikt ab. Sie befürchtet eine Zerschlagung des Kernbereichs von Thyssenkrupp und einen deutlichen Arbeitsplatzabbau. Ohne die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter kann Merz einen Komplettverkauf kaum durchdrücken.

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