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Standort Deutschland Wer der deutschen Wirtschaft Dampf macht

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Excellence, Düsseldorf: Reservistin

Es gibt Begriffe, die einfach nach schlechten Nachrichten klingen: Ebola, für das es noch immer keinen Impfstoff gibt. Die FDP, die in der Bedeutungslosigkeit verharrt. Oder Werkvertrag, das diskreditierte Instrument zur Flexibilisierung der deutschen Wirtschaft.

Falsch konstruierte Vereinbarungen mit Subunternehmern ließen Top-Konzerne wie Daimler und Bertelsmann vor Arbeitsrichtern scheitern und zwangen die Handelsketten Netto und Kaufland zur Zahlung von Millionenbußgeldern wegen Sozialversicherungsbetrugs.

Dass die Bundesregierung „rechtswidrige Vertragskonstruktionen bei Werkverträgen zulasten von Arbeitnehmern“ stoppen will, kommt gut an bei vielen Wählern, beunruhigt aber die Unternehmen: Nachdem Leiharbeit durch Mindestlohn und Branchenzuschläge teurer geworden ist, fürchten sie nun um die Möglichkeit, Arbeiten an Subunternehmer zu vergeben.

Vera Calasan, Excellence Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Ausgerechnet in dem politisch verminten Gelände findet Vera Calasan einen lukrativen Markt. Die 45-Jährige will – auf Basis rechtlich einwandfreier Werkverträge – mit ihrem Unternehmen Excellence „die Flexibilitätsreserve der Industrie 4.0“ werden. Die ehemalige Deutschland-Chefin des US-Zeitarbeitskonzerns Manpower Group hat das Unternehmen zusammen mit Partnern gegründet und stellt permanent hochkarätige Ingenieure ein.

Ende 2015, zwei Jahre nach der Gründung in Düsseldorf, soll Excellence gut 300 Mitarbeiter haben. 90 Prozent davon sind Akademiker. Das Besondere des neuen Reserve-Corps für Konzerne: Viele seiner Mitglieder beherrschen disziplin- und branchenübergreifend Mechanik und Elektronik und wirken mit an der Entwicklung vernetzter High-Tech-Produkte, teilweise im firmeneigenen Konstruktionsbüro in Köln.

Es sind Ingenieure mit 75.000 Euro Durchschnittsgehalt, deren Spezialwissen die Konzerne „nur für Projekte benötigen“, sagt Calasan. Diese wollten sich aber nicht wie Freelancer in der IT-Branche „selbst vermarkten“. Für die gebürtige Montenegrinerin, die als Kleinkind mit den Eltern nach Deutschland kam, gibt es keinen Fachkräftemangel: Es fehle nur „die richtige Expertise zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“.

Hier verdienen Ingenieure das meiste Geld
DurchschnittsgehaltIngenieure verdienen laut aktueller Studie von Gehaltsvergleich.com durchschnittlich 63.912 Euro im Jahr. Damit gehören sie zu den Besserverdienern in Deutschland. Der vielzitierte Ingenieurmangel führt dazu, dass bereits Hochschulabsolventen mit einem passablen Abschluss oft unter mehreren Stellenangeboten wählen können – und dass die Unternehmen mit attraktiven Gehaltspaketen um die Gunst des Nachwuchses werben. Quelle: Fotolia
Größe des UnternehmensEinfluss auf die Höhe des Gehalts hat unter anderem die Unternehmensgröße. Je größer der Konzern, desto höher fallen auch die Gehälter aus. Das liegt meist daran, dass Großunternehmen tarifgebunden sind. Quelle: dpa
Regionale GehaltsunterschiedeDer Süden Deutschlands bietet beste Karriere- und Gehaltsaussichten für Ingenieure: Finanziell am lukrativsten ist laut Gehaltsvergleich das fränkische Erlangen. Pro Jahr winken hier mehr als 71.500 Euro. Auch hier dürfte ein Großkonzern - Siemens - der Grund für das hohe Gehalt sein. Auf Platz zwei liegt Stuttgart mit 71.495 Euro, dahinter folgt der BASF-Standort Mannheim/Ludwigshafen mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 70.595 Euro. Quelle: dpa
Weitere interessante Städte in Sachen Gehalt sind für Ingenieure außerdem München (69.856 Euro) Frankfurt (69.404 Euro), Düsseldorf (69.189 Euro), Nürnberg (66.949 Euro), Hamburg (64.970 Euro), Köln (64.417 Euro) und Berlin (57.908 Euro). Auffällig ist das Nord-Süd-Gefälle in der Rangliste: Zwischen Spitzenreiter Erlangen und Berlin auf Platz zehn liegen 13.673 Euro Differenz. Quelle: dpa
Branche entscheidetAm besten verdienen Ingenieure aktuell in der Telekommunikationsbranche: Hier kommen sie auf ein Jahresgehalt in Höhe von durchschnittlich 73.138 Euro. Danach folgen die Halbleiterindustrie (71.924 Euro), die Automobilindustrie (71.779 Euro), die Luftfahrtindustrie (70.745 Euro), Beratungsunternehmen (69.978 Euro), der Sektor Energie, Wasser, Umwelt, Entsorgung (69.643 Euro) sowie die Branchen Chemie/Verfahrenstechnik (68.901 Euro), Feinmechanik/Optik (68.461 Euro), Elektrotechnik (67.879 Euro) und Konsum- und Gebrauchsgüter (67.625 Euro). Quelle: obs
Geringverdiener der BrancheIngenieure auf dem Bau verdienen über alle Berufsjahre gerechnet im Schnitt "nur" 49.507 Euro jährlich. Da es ein großes Angebot an Bauingenieuren auf dem Arbeitsmarkt gibt, fällt deren durchschnittlicher Verdienst niedriger aus. Zum Vergleich: Maschinenbauingenieure kommen auf 61.503 Euro Jahreseinkommen, Produktionsingenieure auf 61.445 Euro. E-Technik-Ingenieure verdienen 60.596 Euro jährlich, Konstruktionsingenieure erzielen 55.069 Euro. Quelle: AP
Top-VerdienerDie Kollegen im Bereich Fahrzeugtechnik sind mit 68.280 Euro Jahresgehalt dagegen die Top-Verdiener. Der Grund dafür ist einfach: Die Zahl der entsprechend qualifizierten Köpfe ist geringer als das Angebot. Außerdem konzentrieren sich die Arbeitgeber der Ingenieure aus diesem Sektor überwiegend in Hochlohnregionen des Landes und sind nicht flächendeckend präsent. Quelle: dpa/dpaweb

Einer ihrer Ingenieure, ein Hamburger, arbeitet gerade beim Motorradhersteller KTM nahe Salzburg. Andere entwickeln im Auftrag eines Chemiekonzerns die erste Autoheckklappe aus Kunststoff oder tüfteln an Elektronik bei einem Anlagenbauer.

Die Konkurrenz ist mächtig. Der schwäbische Ingenieurdienstleister Bertrandt hat 11 500, der Amsterdamer Wettbewerber Brunel 3000 Mitarbeiter im deutschsprachigen Raum. Aber Bertrandt ist vor allem Automobilentwickler, und Brunel ist Verleiher von Ingenieurteams in alle Branchen. Calasan hingegen vertraut auf „branchenübergreifenden Know-how-Transfer“. Der mache Projektarbeit immer wichtiger.

Mit rechtlich einwandfreien Vertragskonstruktionen – meist als Werkvertrag, seltener als Arbeitnehmerüberlassung – müssen Excellence und Co. den Auftraggebern dabei die Sorge nehmen, vor dem Kadi zu landen. Calasan: „Die Kunden beschreiben nur die zu erbringende Leistung. Mit welcher Vertragsform diese am besten zu realisieren ist, das Problem lösen wir.“

Nach dem Gesetz sind die Unterschiede klar. Beim Werkvertrag erbringt der Auftragnehmer – ob Maler oder Ingenieur – die vereinbarte Leistung auf eigenes Risiko und selbstständig, also ohne dass ihm der Auftraggeber Anweisungen erteilt. Bei Arbeitnehmerüberlassung hingegen stellt der Auftragnehmer Arbeitskräfte zur Verfügung. Die weist der Auftraggeber an wie seine eigenen Stammkräfte.

Klingt einfach, in der Praxis aber wimmelt es von Grenzfällen, die juristisches Know-how erfordern. Die Sündenfälle namhafter Konzerne zeigen es.

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