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Standortdebatte Deutsche Firmen auf der Flucht

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Der Mindestlohn könnte die Unternehmen vertreiben

Die jüngsten Beschlüsse der Großen Koalition zur Einführung flächendeckender Mindestlöhne etwa könnten die Deutschland-Flucht befeuern: „Wenn der Mindestlohn zu schnell steigt, werden Unternehmen, denen schon kleine Kostensteigerungen die Marge wegnehmen, neue Standorte suchen“, warnt Jacques van den Broek, Chef des Zeitarbeitsvermittlers Randstad. Bei der Energiepolitik ist es ähnlich. „Für Unternehmen mit einem hohen Energiekostenanteil könnte die Energiewende einen größeren Einfluss auf künftige Standortentscheidungen haben als bei anderen Branchen“, prophezeit Berater Knapp.

Beim größten deutschen Stromkonzern E.On ist die Flucht aus Deutschland bereits Programm. E.On-Chef Johannes Teyssen hat durch das politisch verordnete Atomstrom-Aus eine sichere Einnahmequelle verloren. „Wir werden in Schwellenländern investieren“, kündigte Teyssen an. E.On trennt sich peu à peu von beträchtlichen Vermögenswerten in Deutschland: Die Stadtwerkegruppe Thüga, mehrere Regionalversorger und ein Fünftel der Kraftwerkskapazität wurden bereits verkauft.

Alternativen zu China

Im Gegenzug stecken die Rheinländer ihre Milliarden in auswärtige Anlagen und Arbeitsplätze. Ein 50-prozentiges Gemeinschaftsunternehmen mit der türkischen Industriellenfamilie Sabanci etwa soll deren rasante Expansionsstrategie am Bosporus stärken. Indirekt hat E.On dadurch schon heute neun Millionen Kunden in der Türkei – 50 Prozent mehr als zu Hause.

Strompreise schrecken immer mehr ab

Investiert wird auch in Großbritannien: 2013 nahm E.On zusammen mit dem dänischen Partner Dong und Masdar aus Abu Dhabi in der Themse-Mündung den größten Offshore-Park der Welt in Betrieb. In Brasilien hat Teyssen ebenfalls große Pläne, musste aber erst einmal Lehrgeld zahlen. Das gemeinsam mit dem Deutsch-Brasilianer Eike Batista gegründete Energieunternehmen Eneva wurde zum Millionengrab, weil dessen Unternehmenskonglomerat 2012 in die Pleite schlidderte.

In Grenznähe geben die hohen deutschen Strompreise besonders schnell den Ausschlag, die Produktion anderswo zu erweitern. Der mittelständische Gasehersteller Basi Schöberl aus Rastatt in Baden-Württemberg etwa verlagerte wegen der niedrigeren Strompreise schon vor 20 Jahren Teile der Produktion nach Frankreich. Mittlerweile stößt das Werk in der Nähe von Straßburg an seine Kapazitätsgrenze. Zwar würde es logistisch für das Unternehmen viel mehr Sinn ergeben, in Deutschland aufzustocken. Doch Energiewende und steigende Strompreise schrecken den Mittelständler ab. „Wir werden eher in Frankreich einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag investieren als in Deutschland einen hohen zweistelligen“, sagt Basi-Schöberl-Chef Ingo Nawrath.

Der größte Teil der deutschen Direktinvestitionen fließt in die USA. Nicht nur wegen des riesigen Heimatmarktes ist das Land attraktiv. Mindestens ebenso wichtig ist die amerikanische Energiepolitik. Anders als in Deutschland soll der sinkende Anteil der Atom- und Kohlekraftwerke an der Stromproduktion nicht nur durch erneuerbare Energien kompensiert werden, sondern auch durch steigende Erdgasförderung und das sogenannte Fracking. Dabei wird ein Chemikalien-Cocktail in den Boden gepresst, um Öl oder Gas zu fördern, was in Deutschland umstritten ist.

Auslandsinvestitionen ausgewählter Unternehmen

Siemens will vom Fracking profitieren

Den Vorteil spüren vor allem Unternehmen mit hohem Energiebedarf in ihren Kassen: Fracking-Erdgas ist um rund zwei Drittel billiger als herkömmliches Erdgas. Die USA könnten damit der Standort mit den niedrigsten Energiepreisen weltweit werden. Nach Einschätzung des World Energy Council werden allein dadurch in den kommenden zwei Jahrzehnten „geschätzte 50 Milliarden Dollar Kapital von Europa in die USA fließen“, das entspreche zwei bis drei Millionen Arbeitsplätzen.

Siemens will mit seinen Turbinen gleich doppelt vom Fracking profitieren: in der Produktion durch niedrige Energiekosten und beim Absatz durch die steigende Nachfrage nach Gasturbinen für neue Kraftwerke. Schon heute ist Siemens in den USA hinter GE die Nummer zwei im Turbinengeschäft. Auf längere Sicht soll sich der Umsatz von 400 auf 800 Millionen Dollar verdoppeln. Dagegen sind die Absatzchancen in Deutschland eher mau: Weil wegen der Energiewende vorrangig Ökostrom ins Netz gespeist wird, bleiben die Gaskraftwerke meist kalt.

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