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Standortdebatte Deutsche Firmen auf der Flucht

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In Amerika ist Energie deutlich billiger

Die Energiepreise sind auch für BASF der Hauptgrund, die Produktion zu verlagern: „In den nächsten fünf Jahren wird der Anteil Deutschlands an den weltweiten Investitionen von einem Drittel auf nur noch ein Viertel sinken“, prognostiziert BASF-Chef Kurt Bock und warnt vor einem „schleichenden Auszehrungsprozess“. Neue Anlagen und Projekte plant der weltgrößte Chemiekonzern vor allem in den USA. An der Golfküste soll für mehr als eine Milliarde Euro ein Werk zur Herstellung von Propylen entstehen. Ein neues Ammoniak-Werk zur Düngemittelproduktion ist am bestehenden BASF-Standort in Freeport im Bundesstaat Texas geplant. „Bei der Produktion würden wir von den niedrigeren Gaspreisen profitieren und unsere Kostenposition deutlich verbessern“, sagt Bock.

Und auch das Joint Venture des bayrischen Autobauers BMW mit SGL Carbon existiert und wächst in den USA, weil dort die Energie so billig geworden ist. Die Kohlefasern des Unternehmens ersetzen im Karosseriebau zunehmend Stahl, sind aber besonders energieaufwendig in der Herstellung. Die neue Carbonfaser-Fabrik steht deshalb nicht in Deutschland, sondern in Moses Lake im US-Bundesstaat Washington. Strom zum Schleuderpreis liefert ein Wasserkraftwerk. Investiert werden rund 300 Millionen Dollar.

Die Carbon-Fabrik ist nicht das einzige BMW-Investment in den USA. 800 weitere neue Arbeitsplätze entstehen in Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina. Die Münchner wollen ihre Fabrik schrittweise zum größten Werk des Konzerns ausbauen. Bis 2016 wird eine Milliarde Dollar investiert, die Produktionskapazität soll um 50 Prozent auf 450.000 Autos pro Jahr aufgestockt werden. 8800 Mitarbeiter montieren dort fünf verschiedene Geländewagenmodelle – nicht nur für den US-Markt, 75 Prozent gehen in den Export.

Lohnkosten spielen längst nicht mehr die Hauptrolle

Sind die Kostenvorteile ausgereizt, gewinnen andere Motive für Standortverlagerungen die Oberhand. „Ob sich Unternehmen zum Schritt über die Grenze entschließen, ist mehr vom Globalisierungsgrad der Branche abhängig“, sagt Berger-Berater Knapp.

Auch Mittelständler stellen sich dem Trend zunehmend. Von 93 Entwicklungsprojekten weltweit hat etwa der Automobilzulieferer Webasto aus Stockdorf bei München 36 nach China ausgelagert. Im November eröffnete das Familienunternehmen ein neues Werk in Chongqing, investiert wurden 6,4 Millionen Euro. Bis 2016 sollen hier 180 Mitarbeiter jährlich 700.000 Autodächer produzieren.

Auslandsanteil an Umsatz und Beschäftigten ausgewählter Dax-Konzerne

Bei solchen Investments spielen niedrigere Lohnkosten im Reich der Mitte längst nicht mehr die Hauptrolle. In einer Umfrage der Auslandshandelskammer in China nannte nur ein Drittel der befragten 417 deutschen Unternehmen Kostenersparnisse als Grund für ihr Engagement in China. Wichtiger sind Kundennähe und die Erschließung des gewaltigen chinesischen Marktes.

Trotz der jüngsten Abkühlung ist die Wirtschaftskraft der Volksrepublik immer noch von hoher Dynamik geprägt: Vor allem Konsumgüterhersteller wollen von der heranwachsenden kauflustigen Mittelschicht profitieren. Schon jetzt ist die chinesische Mittelschicht größer als die gesamte US-Bevölkerung mit ihren rund 315 Millionen Menschen. Für Webasto ist China inzwischen mit 31 Prozent der größte Einzelmarkt, der Umsatz stieg von 250 Millionen Euro 2009 auf heute 500 Millionen. Hergestellt werden vor Ort speziell für den chinesischen Markt entwickelte Produkte.

Auch für VW ist China der wichtigste Markt, allein im Mai verkaufte der Konzern mit seinen Joint Ventures 320 000 Fahrzeuge in China, 23 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. „Die Automobilbranche ist der Hauptwachstumstreiber für deutsche Unternehmen“, sagt Christoph Angerbauer von der Auslandshandelskammer in Shanghai. Die Investitionspolitik des Konzerns folgt der Nachfrage: 2013 wurde ein neues Audi-Werk in Foshan im boomenden Perlfluss-Delta mit einer Kapazität von 300 000 Fahrzeugen pro Jahr angefahren.

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