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Start-ups und Industrie 4.0 Die Industrie ist eine Spielwiese für Start-ups

Start-ups entdecken Industrie 4.0: Mit ihrer IT-Expertise und ihrem Gespür für neue Geschäftsmodelle sind junge Gründer gern gesehene Partner etablierter Unternehmen. Denn dort haben gerade Mittelständler Nachholbedarf.

Magazino ist ein Start-up, wird von Siemens gefördert und beschäftigt sich mit Industrie 4.0. Quelle: PR

Marius Schmeding segelt leidenschaftlich gerne. Ein teures Hobby, das sich der Elektrotechnik-Student während seines Studiums eigentlich nicht leisten konnte. Um dennoch ab und zu die Segel setzen zu können, hatten er und zwei Freunde eine clevere Idee: Sie schafften sich gemeinsam ein Segelboot an und entwickelten eine App für einen virtuellen Marktplatz, auf der Segelbegeisterte Boote mieten und vermieten konnten.

Das Konzept kam an, doch die Kommunikation zwischen dem GPS-Tracker, der die Route der Boote verfolgt, dem Reservierungssystem und der App war eine harte Nuss. „Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir dieses Knowhow auch für ganz andere Anwendungen einsetzen können“, erinnert sich Schmeding. Zum Beispiel zur Kommunikation zwischen Maschinen in einer Fabrik.

Vor einem Jahr gründeten die Drei die Cybus GmbH. Das Unternehmen bietet eine Software an, eine so genannte Middleware, die Daten aus Maschinen in der Produktion sammelt und für die weitere Auswertung aufbereitet. Der Kunde muss dabei die Daten nicht in die Cloud legen, sondern kann sie auf eigenen Rechnern speichern – ein großes Plus, findet Schmeding, „denn vielen Mittelständlern ist die Cloud zu unsicher und großen Unternehmen erleichtert es die Integration in ihre bestehende IT“.

Cybus ist eines von zahlreichen Start-ups, die auf der Industrie-4.0-Welle mitsegeln. 40 Milliarden Euro will die deutsche Industrie in den nächsten fünf Jahren für die Digitalisierung ausgeben, schätzen die Wirtschaftsprüfer von PwC. Kein Wunder also, dass auch Gründer ein paar Krümel von diesem Kuchen abhaben wollen. Die Ideen ähneln sich oft: Maschinen, Roboter oder Bauteile erzeugen Unmengen Daten, die an die Fertigungssteuerung oder in die Betriebsplanungssoftware übermittelt und dort zu sinnvollen Informationen verarbeitet werden müssen.

Spielwiese für Start-ups

Diese Kommunikation ist eine Spielwiese für Start-ups. Einige habe Boxen entwickelt, die Sensordaten sammeln und über eine gesicherte Verbindung übermitteln, andere programmieren so genannte Cockpits, die den Datenwust visualisieren, betriebliche Entscheidungen erleichtern und die Basis für neue Geschäftsmodelle sein sollen.

Die 15 innovativsten deutschen Mittelständler
Platz 15: BenderStandort: Grünberg Unternehmensfokus: Elektrotechnik Umsatz 2014: 100 Mio. Euro Innovationsscore: 163 Um Deutschlands innovativste Mittelständler zu ermitteln, wertete die Unternehmensberatung Munich Strategy Group (MSG) zunächst die Daten von 3300 deutschen Unternehmen aus, die zwischen zehn Millionen und einer Milliarde Euro umsetzen. Die Berater analysierten Jahresabschlüsse und Präsentationen, sprachen mit Kunden und Branchenexperten sowie Geschäftsführern, Inhabern und Beiräten der Unternehmen.Nach den Experteninterviews und Erfolgsanalysen nahm MSG 400 Unternehmen in die engere Wahl. Für jedes errechnete die Beratung einen eigenen Innovations-Score. Dabei achteten die Berater darauf, dass sich das Unternehmen durch ständige Neuheiten auszeichnet, von Wettbewerbern als innovativ angesehen wird und eine ideenfördernde Kultur etabliert hat. Zudem flossen zu einem Drittel auch wirtschaftliche Indikatoren wie Umsatz- und Gewinnwachstum in die Bewertung ein. „Ein innovatives Unternehmen zeichnet sich dadurch aus, dass es mehr als 25 Prozent seines Umsatzes mit Produkten macht, die erst in den vergangenen vier Jahren entstanden sind“, sagt MSG-Gründer und Studienleiter Sebastian Theopold. Das erste Ranking dieser Art hatte MSG im vergangenen Jahr für die WirtschaftsWoche erstellt (Heft 15/2014). Anders als im Vorjahr haben es diesmal auch viele Hersteller von Konsumprodukten unter die Top 50 geschafft, so etwa Ravensburger (Spiele), Rügenwalder (Wurst) oder Soldan (Bonbons).Der Großteil der Innovations-Champions entstammt allerdings nach wie vor der traditionellen Paradedisziplin des deutschen Mittelstands: dem Maschinenbau. Quelle: PR
Platz 14: BiotestStandort: Dreieich Unternehmensfokus: Bioheilmittel Umsatz 2014: 582 Mio. Euro Innovationsscore: 164 Quelle: PR
Rapunzel Quelle: PR
Platz 12: MetaboStandort: Nürtingen Unternehmensfokus: Elektrowerkzeuge Umsatz 2014: 374 Mio. Euro Innovationsscore: 167 Quelle: PR
Platz 11: BrücknerStandort: Siegsdorf Unternehmensfokus: Folienmaschinen Umsatz 2013: 754 Mio. Euro Innovationsscore: 171 Quelle: PR
Platz 10: SennheiserStandort: Wedemark Unternehmensfokus: Mikrofone Umsatz 2014: 635 Mio. Euro Innovationsscore: 172 Quelle: dpa
Platz 9: Rügenwalder MühleStandort: Bad Zwischenahn Unternehmensfokus: Wurst Umsatz 2014: 175 Mio. Euro Innovationsscore: 173 Quelle: PR

Damit wirbt auch Cybus. Ein Produzent von Klimamodulen für Schaltschränke nutzt die Middleware der Hamburger, um damit vorausschauende Wartung für seine Kunden anzubieten. So sollen drohende Defekte erkannt werden, bevor sie zu einem Ausfall führen und für diesen Service lässt sich der Hersteller der Klimamodule bezahlen.

Langfristig möchte Cybus daran mitverdienen. Die Software kostet derzeit nichts, die Gründer verdienen ihr Geld mit Beratung und Projekten, bei denen Cybus in Anlagen integriert wird. Eine geplante Finanzierungsrunde soll nun frisches Geld ins Unternehmen spülen, damit das Produkt schneller reift und viele Kunden anspricht. Dann, so der Plan, werde man auch über kostenpflichtige Softwarelizenzen nachdenken.

Was Roboter schon heute alles können
Im Geschäft persönlich vom Roboter begrüßt zu werden - auch das kann bald für mehr Menschen Realität sein. „Pepper“ hat Knopfaugen, und er ist in astreinem Deutsch recht schonungslos: „Meiner bescheidenen Meinung nach ist dieses Modell nicht besonders schmeichelhaft für Ihre Figur. Dürfte ich Ihnen ein paar neu eingetroffene Modelle zeigen, die mir für Sie besonders gut gefallen?“ Eigene Infos werden per QR-Code auf dem Smartphone gespeichert, den der Roboter im Geschäft dann scannt. In Japan ist Pepper (von SoftBank) bereits aktiv. Quelle: dpa
„iPal“ ist ein künstlicher Freund und Spielgefährte. Der Roboter ist so groß wie ein sechsjähriges Kind. Er kann singen und tanzen, Geschichten vorlesen und spielen. Durch Gesichtserkennung und automatisches Lernen wird „iPal“ mit der Zeit immer schlauer. Er erinnert sich an Vorlieben und Interessen des Kindes. „iPal“ ist keine gefühllose Maschine“, behauptet John Ostrem vom Hersteller AvatarMind. „Er kann Emotionen erspüren und fühlt, wenn das Kind traurig ist.“ Der Roboter, der in rosa oder hellblau angeboten wird, übernimmt auch gleich ein paar vielleicht leidige Erziehungspflichten: Der eingebaute Wecker holt das Kind aus dem Schlaf. Die Wetter-App sagt ihm, was es anziehen soll, und eine Gesundheits-App erinnert ans Händewaschen. „iPal“ wurde vor allem für den chinesischen Markt entwickelt. Ostrem erläutert: „Dort gibt es in den Ein-Kind-Familien viele einsame Kinder, deren Eltern wenig Zeit haben und die einfach niemanden zum Spielen haben.“ Anfang 2016 soll es „iPal“ dort für etwa 1000 US-Dollar (knapp 900 Euro) geben. Quelle: dpa
Wer auf Reisen die Zahnbürste vergessen hat, kann sie bald von einer freundlichen Maschine aufs Zimmer gebracht bekommen. „Relay“, der Service-Roboter, wird in einigen US-Hotels im Silicon Valley getestet. Die Rezeptionistin legt Zahnbürste, Cola oder Sandwich in eine Box im Roboter, dann gibt sie die Zimmernummer des Gastes ein. „Relay“ kann sich selbst den Fahrstuhl rufen – auch wenn er noch ziemlich lange braucht, um wirklich einzusteigen. Er scannt vorher sehr ausgiebig seine gesamte Umgebung, um ja niemanden umzufahren. Vor der Zimmertür angekommen, ruft der Roboter auf dem Zimmertelefon an. Wenn der Hotelgast öffnet, signalisiert ihm „Relay“ per Touchscreen: Klappe öffnen, Zahnbürste rausnehmen, Klappe wieder schließen. „Das Hotel ist für uns erst der Anfang“, sagt Adrian Canoso vom Hersteller Savioke. „Wir wollen „Relay“ auch in Krankenhäuser, Altenheime und Restaurants bringen, einfach überall dahin, wo Menschen essen oder schlafen.“ Quelle: PR
„Budgee“ trägt die Einkäufe und rollt hinterher. Per Funksender in der Hand oder am Gürtel gesteuert, kann er bis zu 22 Kilogramm schleppen, so der US-Hersteller. Er folgt Herrchen oder Frauchen mit mehr als 6 Kilometern pro Stunde. Die Batterie hält angeblich zehn Stunden. „Budgee“ lässt sich zusammenklappen und im Kofferraum verstauen. Die ersten Vorbestellungen werden ausgeliefert, Stückpreis rund 1400 US-Dollar. Quelle: PR
Roboter können nicht nur Einkäufe schleppen, sondern auch für viele Menschen unliebsame Arbeiten im Haushalt abnehmen – und damit sind nicht nur die Staubsaug-Roboter gemeint. Der „PR2“ des Institute for Artificial Intelligence (IAI) der Universität Bremen kann auch in der Küche zur Hand gehen, zumindest in der Laborküche. Quelle: dpa
Ja, heutige Roboter können bereits feinmotorische Aufgaben übernehmen und etwa zuprosten, ohne dass das Sektglas zu Bruch geht. Das ist aber nicht die Besonderheit an diesem Bild. Der Arm rechts gehört Jordi Artigas, Wissenschaftler am Institut für Robotik und Mechatronik des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen bei München. Der Roboterarm wird von Sergei Wolkow gesteuert – und der war nicht in Oberpfaffenhofen, sondern auf der Internationalen Raumstation ISS, wie im Hintergrund auf dem Monitor schemenhaft zu erkennen ist. Der „Tele-Handshake“ war nach Angaben des DLR ein weltweit einzigartiges Experiment. Quelle: dpa
Solche Aufgaben, wie etwa dieses Zahnrad zu greifen und weiterzugeben, konnte der DLR-Roboter „Justin“ schon 2012. Dass er aus dem All gesteuert wird, ist jedoch neu und bislang einzigartig. Quelle: dpa

Fast alle Start-ups machen „irgendwas mit Daten“, denn dort sind die Gründer – häufig Akademiker mit Ingenieur- oder Informatik-Hintergrund – fachlich zuhause. Und dort haben Mittelständler einen Bedarf, den sie mit eigenem Knowhow nicht decken können.

Bei der Idee hilft manchmal der Zufall

In diese Kategorie gehört auch Cassantec aus Zürich. Die Gründer verweisen mit ihrem Firmennamen bewusst auf Cassandra, die Tochter des Trojanischen Königs Priamos. Die tragische Figur der griechischen Mythologie warnte vor dem Untergang Trojas, doch ihre „Kassandrarufe“ blieben ungehört. Dieses Schicksal wäre ihr möglicherweise erspart geblieben, hätte sie mit den mathematischen Methoden von Cassantec argumentiert.

Die schließen aus historischen und aktuellen Prozessdaten, etwa Temperatur oder Schwingungen an Maschinen, auf Risikoprofile und verbleibende Restlebensdauern für Maschinen und Anlagen. Damit bietet das Unternehmen einen Service an, der fast immer mit Industrie 4.0 in einem Atemzug genannt wird: vorausschauende Wartung. Ziel der Software ist es, Managemententscheidungen auf fundierte Fakten zu stellen und gleichzeitig die Komplexität der Informationen für den Nutzer zu reduzieren.

Eine coole Idee reicht nicht immer

Viele der Gründerideen zu Industrie 4.0 stammen aus Universitäten, von Studenten, Doktoranden, selten auch Professoren, die sich mit ihrem Forschungsthema selbstständig gemacht haben. Doch nicht immer sind Start-ups die logische Verlängerung ehemaliger Forschungsarbeit. Manchmal stammt die Gründungsidee aus einem Zufall.

Als Student hatte Paul Günther bei BMW Werksführungen geleitet und festgestellt, dass alle Werker mit Handschuhen arbeiten. Daraus entstand das Konzept eines intelligenten Handschuhs mit verschiedensten Sensoren und Feedback-Möglichkeiten. ProGlove erkennt, ob Arbeitsschritte in der richtigen Reihenfolge ausgeführt werden und dokumentiert die Montagequalität. „Wir machen Hände intelligenter“, sagt Günther. Die Juroren des Neumacher-Gründerwettbewerbs der WirtschaftsWoche waren begeistert und kürten Günther und seine Kollegen zum Sieger 2015. Auf der Hannover Messe 2016 ist ProGlove an den Ständen von Continental, SAP und Deutsche Telekom mit Demos vertreten.

Eine coole Idee und ein überzeugendes Gründerteam reichen nicht immer, um als Winzling einen 2,5 Milliarden Euro schweren Markt aufzurollen. Denn so viel geben deutsche Unternehmen jährlich für das Picken aus, das Lokalisieren und Greifen von Objekten aus einem Regal. Das geschieht heute ausschließlich manuell.

Magazino, ein 2014 in München gegründetes Start-up, möchte das Picken automatisieren. Dazu haben sich die Gründer gleich einen starken Partner gesucht, der ihnen Geld und damit Zeit verschafft, die Idee zur Marktreife zu entwickeln. Gefördert mit dem Gründerstipendium EXIST und anfangs finanziert vom Hightech-Gründerfonds, wird Magazino seit Mai 2015 von Siemens Innovative Ventures als strategischem Partner unterstützt. Magazino baut automatisierte Packroboter, die Logistikprozesse in Betrieben – etwa in Onlineshops mit großem Lagerbestand – effizienter machen sollen.

Das Modell Toru Cube ist eine Art kleiner, vollverkleideter Gabelstapler, der selbstständig durchs Lager navigiert und mit einem Greifer einzelne Objekte wie Bücher, Schuhkartons oder Pakete aus dem Regal in seinen Bauch zieht und diese zum Verpacken bringt. Über Laserscanner erkennt der Roboter, wenn jemand seinen Weg kreuzt, dadurch kann er auch gemeinsam mit seinen menschlichen Kollegen im selben Lager arbeiten. Weitere Modelle mit Greifern zum Picken von Kleinteilen aus Behältern sind in der Entwicklung. Die Vorteile von Toru liegen auf der Hand: Der Logistikroboter arbeitet rund um die Uhr und spart teure und mühsame Handarbeit ein.

Für Siemens ist das Engagement bei Magazino Vorbild für weitere Aktivitäten. Ende 2015 hat der Weltkonzern eine Einheit mit dem Arbeitstitel „Innovation AG“ geformt, die angehende Gründer – sowohl aus dem Unternehmen als auch außerhalb – unter ihre Fittiche nimmt, sie mit Risikokapital versorgt und ihnen so Raum zum Experimentieren und Wachsen gibt. „Forschung im 21. Jahrhundert darf nicht im Elfenbeinturm stattfinden“, sagt Siemens-Technikvorstand Siegfried Russwurm, „Anleihen im Crowdsourcing, Hackathons im Softwarebereich, Kooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen genauso wie mit kleinen, wendigen Start-ups – all das gehört bei Siemens heute zum Alltag.“

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