WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Stellenstreichungen bei Siemens Die Wut der Arbeiter

In ganz Deutschland demonstrieren Mitarbeiter des Unternehmens gegen den massiven Abbau von Arbeitsplätzen. Am größten ist die Verunsicherung bei Siemens im Ruhrgebiet.

Ein als Sensenmann verkleideter Mitarbeiter von Siemens protestiert in Duisburg Quelle: dpa

Sie sind aus ganz Nordrhein-Westfalen nach Duisburg gekommen: Siemens Mitarbeiter aus Essen, aus Mülheim, aus Krefeld, Köln und Düsseldorf. Auf der Wiese zwischen der Regattabahn und dem Fußballstadion im Sportpark Wedau hat die IG Metall eine Bühne aufgebaut. „Standort stärken“, „Margenwahn stoppen“ und „Wir werden kämpfen wie die Löwen“ steht auf Transparenten über dem schwarzen Podest. Davor machen die etwa 3000 angereisten Siemensianer mit Sprechchören, Trillerpfeifen und Tröten ihrer Wut über den Schrumpfkurs im Konzern Luft.

Insgesamt gut 13.000 Arbeitsplätze streicht Siemens weltweit. Den jüngsten Abbau von 4500 Jobs kündigte der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser im Mai an. In Deutschland sollen mehr als 2000 Arbeitsplätze wegfallen, vor allem beim Geschäft mit Anlagen zur Energieerzeugung. Die Arbeitnehmervertreter wollen das nicht hinnehmen und haben zu einem landesweiten Aktionstag aufgerufen. Unter anderem in Görlitz, Berlin und Erlangen gehen die Siemens-Mitarbeiter auf die Straße. Die größte Kundgebung findet allerdings in Duisburg statt.

Die Siemens-Sparten im Vergleich

Robert Kensbock steht auf der Bühne im Wedau-Park. Der Mann in dunklem Anzug mit roter Krawatte ist stellvertretender Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates, sitzt im Siemens-Aufsichtsrat und kann die angekündigten Kürzungen nicht nachvollziehen. „Das Ausmaß war für uns überraschend“, ruft er den Demonstranten zu. Schlimmer aber: Aus Sicht des Vorstands seien immer die anderen schuld an der Misere. So schiebt Kaeser das schleppende Geschäft mit Gas- und Dampfturbinen unter anderem auf die Energiewende. „Aber das Management hat Fehler gemacht“, sagt Kensbock, „den Markt falsch eingeschätzt und für die Marge gespart und damit am Ende die Innovationsführerschaft verspielt.“

Stellenstreichungen trotz Milliardenaufträgen

Besonders hart wird es den Standort Mülheim an der Ruhr treffen. Dort baut Siemens große Dampfturbinen. Fast 1000 Arbeitsplätze will Kaeser hier streichen. „Das kann man doch keinem erklären“, sagt ein aufgebrachter Siemens-Arbeiter in blauem Overall, der direkt an der Bühne steht. Auf der einen Seite hole der Konzern Milliardenaufträge im Kraftwerksbau herein und auf der anderen Seite „schmeißen sie die Leute raus.“

Vergangene Woche hatte Siemens einen Auftrag für Gasturbinen mit einem Volumen von acht Milliarden Euro aus Ägypten an Land gezogen. Die IG Metall fordert, auch wenn hierzulande dank Energiewende solche Turbinen nur noch schwer verkäuflich seien, sollte der Konzern sie dennoch hier fertigen. „Der Export hat Siemens schließlich groß gemacht“, sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW. Kaeser aber will die Schaufelfertigung nach Ungarn verlagern, andere Teile in die Werke in Charlotte in den USA. Auch die deutschen Lohnkosten, so ist zu hören, spielen dabei eine Rolle.

Groß ist die Verunsicherung auch in Duisburg, wo Siemens mit 2700 Mitarbeitern Kompressoren für die Öl- und Gasindustrie baut. Die fertigt aber auch der amerikanische Konzern Dresser Rand, den Siemens übernehmen will. Kaeser rechnet für den Sommer mit der Freiagabe des Deals durch die Wettbewerbshüter in Brüssel. Dann, so fürchtet Nadine Florian, die dem Betriebsrat bei Siemens in Duisburg vorsteht, könnten Teile der Fertigung nach Frankreich wandern. „Dort nämlich unterhält Dresser Rand ein identisches Werk wie dieses hier in Duisburg“, sagt Florian.

Viele der angereisten Arbeiter, so hat es den Anschein, sind tief verunsichert. So richtig trauen sie Kaesers Worten nicht, dass der Konzernumbau mit den jetzt verkündeten Stellenstreichungen in der Hauptsache abgeschlossen sei, wie es der Siemens-Chef beschreibt. Nicht wenige fürchten, dass doch noch mal etwas kommt. „Keiner weiß, was los ist“, sagt beispielsweise ein Siemensianer aus Essen. Er arbeitet dort seit sechs Jahren im Service für Turbinen und Generatoren. Die Wahrheit komme immer nur scheibchenweise, sagt er. Seit einigen Tagen weiß er, dass bei ihm im Werk 66 von 350 Arbeitsplätzen wegfallen. Ihn hat es nicht getroffen.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Sicherlich nicht besser geworden ist das Klima zwischen Belegschaft und Konzernspitze durch das Interview, das Kaeser vor einigen Tagen der Mitarbeiterzeitschrift „Siemens Welt“ gab. Fast ein wenig beleidigt klagt er in der Hauspostille über die angekündigten Proteste der Mitarbeiter und wirft einzelnen Arbeitnehmervertretern vor, sie versuchten einen Keil zwischen Management und Belegschaft zu treiben.

Eine Steilvorlage für Jürgen Kerner, Aufsichtsratsmitglied bei Siemens und Mitglied des Vorstands der IG Metall. Das Interview sei geradezu eine Aufforderung an die Siemens-Belegschaft gewesen, an den heutigen Protesten teilzunehmen, meint Kerner und schiebt gleich eine Warnung an Kaeser hinterher.

Der Siemens-Chef rühme sich ständig seines direkten Drahts zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Wenn aber Siemens irgendwann in Deutschland weniger als 100.000 Mitarbeiter hat, fliegt Kaeser bei Merkels Auslandsreisen garantiert nicht mehr in der Kanzlermaschine mit. Dann kann er hinterher fliegen.“ Zurzeit beschäftigt Siemens hierzulande noch 110.000 Menschen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%