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Streit um Glyphosat 10 oder doch 20 Milliarden? Die Antworten zum möglichen Bayer-Vergleich

Bayer könnte den Streit um angebliche Krebsgefahren von Unkrautvernichtern mit dem Wirkstoff Glyphosat in den Vereinigten Staaten Kreisen zufolge möglicherweise für zehn Milliarden US-Dollar beilegen. Quelle: dpa

Wegen des Unkrautvernichters Glyphosat sind mehr als 40.000 Klagen gegen Bayer in den USA anhängig. Eine Einigung könnte in nun wenigen Wochen stehen. Was bedeutet das? Ein schneller Schlaumacher.

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Die Hoffnung auf einen Vergleich im Streit um die angeblichen Krebsgefahren des glyphosathaltigen Unkrautvernichters Roundup beflügeln den Bayer-Aktienkurs. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte zuvor unter Berufung auf mit den Verhandlungen vertraute Personen berichtet, dass der Konzern den seit Jahren schwelenden Streit in den USA möglicherweise für zehn Milliarden Euro beilegen könne. Die wichtigsten Antworten im Überblick:

Wie teuer wird der Vergleich für Bayer?
Zehn Milliarden Dollar, so lautet die gängigste Schätzung. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg sprechen Klägeranwälte und Bayer-Vertreter über Vereinbarungen, die unter dem Strich zu dieser Summe führen könnten. Bayer habe angeblich acht Milliarden Dollar zurückgelegt, um die aktuellen Klagen zu befrieden, sowie zwei Milliarden für künftige Fälle. Die Summen seien jedoch nicht fix und könnten sich ändern, heißt es. Bayer äußert sich zu den Zahlen nicht. Es gibt allerdings auch noch höhere Schätzungen: Einige Analysten gehen sogar von einer Vergleichssumme zwischen fünfzehn und zwanzig Milliarden Dollar aus. „Jede Vergleichssumme unterhalb von zwanzig Milliarden Dollar ist noch positiv für Bayer“, urteilt Markus Mayer, Analyst bei der Baader Bank. Er rechnet mit einer Vergleichssumme von etwa zwölf Milliarden Euro.

Wie wahrscheinlich ist eine Einigung?
Ziemlich wahrscheinlich. Beide Parteien haben ein grundsätzliches Interesse an einer Einigung. Für die Klägeranwälte ist es wenig sinnvoll, jahrelang zu prozessieren. Da ihre älteren, kranken Mandanten ja noch etwas von dem Geld haben sollen, ist eine frühzeitige Einigung angebracht. Die Gegenseite, Bayer, steht unter dem Druck der Aktionäre, die infolge der Glyphosat-Klagen massiv unter fallenden Kursen leiden. Drei Prozesse hat Bayer in den vergangenen anderthalb Jahren erstinstanzlich verloren; der Aktienkurs ging mehr als zwanzig Prozent zurück. Ein Vergleich würde finanzielle Klarheit bringen – und die Aktie nach oben treiben. Der Hedgefonds Elliott etwa, der zu den Aktionären von Bayer gehört, drängt daher angeblich schon seit Monaten auf eine schnelle Einigung. Spätestens bis zur Hauptversammlung Ende April, so die Erwartung vieler Anteilseigner, sollte Bayer-Chef Werner Baumann eine Lösung präsentieren. Bei der vergangenen Hauptversammlung verweigerten ihm die Aktionäre wegen der miesen Aktien-Performance die Entlastung. Das war zwar nur ein symbolischer Akt, sorgte aber dennoch für Aufsehen: So etwas hatte es zuvor bei einem Dax-Konzern noch nie gegeben.

Kann Bayer einen Vergleich finanziell überhaupt stemmen?
Ganz klar: Ein Vergleich würde Bayer finanziell sehr weh tun, die Existenz des Unternehmens ist jedoch nicht gefährdet. Durch einige geplante Verkäufe von Unternehmensbereichen kommt auch wieder Geld in die Kasse. So hat Bayer bereits vereinbart, seine Tiermedizin-Sparte für 7,6 Milliarden Dollar an das US-Unternehmen Elanco zu verkaufen.

Was bedeutet ein Vergleich für die Aktie?
Viele Analysten erwarten, dass sich die Bayer-Aktie bei einem Vergleich, der im finanziellen Rahmen bleibt, von derzeit rund 76 Euro in Richtung 90 Euro entwickelt. Danach könnte es sogar noch höher gehen. Die Baader-Bank, die die Bayer-Aktie zum Kauf empfiehlt, sieht ein Kursziel von 123 Euro.

Was sind jetzt noch die Knackpunkte?
Strittig ist die Summe und die Definition der Fälle, die für eine Entschädigung infrage kommen. Bei beiden Punkten schien es zuletzt so, als würden sich die Parteien annähern. Die Frage ist vor allem, wie künftige Fälle zu behandeln sind – bei Patienten, die erst künftig eine Krebsdiagnose erhalten und für ihre Krankheit dann den Gebrauch von Glyphosat verantwortlich machen. Bayer will nun anscheinend erreichen, dass die Klägeranwälte nicht mehr etwa über TV-Spots und Internetkampagnen neue Mandanten werben dürfen. Bayer-Vorstandschef Baumann machte Ende vergangenen Jahres klar, „dass Bayer nur einem Mediationsergebnis zustimmen wird, das wirtschaftlich sinnvoll und so strukturiert ist, dass es den Verfahrenskomplex zu einem vernünftigen Abschluss bringt.“

Worauf stützen sich die Kläger?
Die Argumente der Kläger gehen vor allem auf eine Studie der internationalen Krebsforschungsagentur IARC zurück, die Glyphosat 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ klassifizierte.

Welche Argumente hat Bayer noch?
Bayer bestreitet die Vorwürfe, ist gegen die erstinstanzlichen Urteile in Berufung gegangen und führt zahlreiche Studien an, die belegen, dass Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung sicher sei. Zuletzt erhielt der Konzern Unterstützung von der US-Umweltbehörde EPA, die Glyphosat weiterhin für nicht krebserregend hält.

Wie geht es nach einem Vergleich weiter? Ist das Schlimmste dann überstanden?
Es bleibt weiter unruhig bei Bayer. Konzernchef Baumann muss nun beweisen, dass sich die teure Übernahme von Monsanto dennoch lohnt. Schließlich hat Bayer über 55 Milliarden Euro für Monsanto bezahlt und steht nun im Begriff, nochmal eine Milliarden-Vergleichssumme draufzulegen. Für weitere Unruhe wird wohl auch der Bayer-Aktionär Elliott sorgen. Der Hedgefonds soll auf eine Zerschlagung von Bayer drängen. Elliott könnte fordern, die Teilbereiche von Bayer – Agrar, Pharma und rezeptfreie Medikamente – zu verselbstständigen, zu filetieren oder an die Börse zu bringen.

Und was ist, wenn ein Vergleich noch scheitert?
Das wäre ein schwerer Schlag für Bayer. Weil die Unsicherheit dann bleibt, dürfte die Aktie massiv verlieren.

Mit Material von dpa

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