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Streit um Patente und Präparate Schwellenländer verkaufen Medikamente 97 Prozent billiger

In der Pharmaindustrie brodelt es mächtig. Länder wie Indien und China missachten Patente und bieten ihre Medikamente wesentlich preiswerter an. Erste westliche Konzerne wie Bayer reagieren.

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Das Geschäft mit gepanschten Pillen
Das Geschäft mit gefälschten Medikamenten ist lukrativer als der Drogenhandel. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind mindestens 50 Prozent der im Internet vertriebenen Medikamente und etwa zehn Prozent aller weltweit verkauften Arzneimittel Fälschungen. Hier zu sehen: Tablettenproduktion in einer indischen Fälscherwerkstatt. Dieses und alle folgenden Fotos stammen aus Ermittlungsakten des Pharmakonzerns Pfizer. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
25 Millionen gefälschte Medikamente wurden 2010 allein in Deutschland vom Zoll beschlagnahmt. In kriminellen Werkstätten wie dieser in Kolumbien werden Pillen gepresst, die zu wenig, zu viel oder gar keinen Wirkstoff enthalten. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
Die Herstellungsbedingungen sind meist - wie hier in Kolumbien - abenteuerlich. Oft sind es auch die Inhaltstoffe. So fanden sich in Imitaten diverser Produkte des Pharmakonzerns Pfizer mitunter hochgiftige und lebensgefährliche Stoffe wie Straßenfarbe auf Blei-Basis, Borsäure, Bodenreiniger und das  Amphetamin Speed. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
Zuweilen sind die Fälscherwerkstätten auch schlichtweg eklig. Hier entsteht eine Kopie des Pfizer-Präparats Lipitor / Sortis, einem Cholesterinsenker. Die Kosten von Rückrufaktionen gefälschter Arzneimitteln müssen die betrogenen Pharmaunternehmen übrigens selbst tragen. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
So gut wie jedes Medikament wird kopiert. So wurden von 60 Pfizer-Produkten Fälschungen in 104 Ländern sichergestellt, darunter Mittel zur Behandlung von Krebs, HIV, hohem Cholesterin, Alzheimer, Bluthochdruck, Depressionen, rheumatischer Arthritis und Antibiotika. Hier wird in Pakistan eine Fälschung des Hustensafts Corex abgefüllt. Das Original wird in Indien, Pakistan, Bangladesch und anderen südasiatischen Märkten vertrieben. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
Das am häufigsten gefälschte Medikament ist das Potenzmittel Viagra, ebenfalls von Pfizer. Allein im Jahr 2008 wurden weltweit acht Millionen gefälschte kleine blaue Tabletten beschlagnahmt. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)
Hier wurden gefälschte Viagra-Pillen in China verpackt. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)

Der Mann, der Deutschlands Vorzeigekonzern Bayer eine empfindliche Niederlage beigebracht hat, wirkt nervös. Ständig tippt Rajeev Nannapaneni auf seinem Blackberry herum oder nestelt an seiner Kleidung. Der hibbelige 35-jährige Chef des kleinen, unscheinbaren Medikamentenherstellers Natco aus dem indischen Hyderabad kokettiert gerne damit, dass er es früher noch nicht mal auf die Reihe bekam, Basketball zu spielen – so unkoordiniert waren seine Bewegungen.

Gegen Bayer ist dem Zappelphilipp allerdings ein großer Wurf gelungen. Nannapaneni setzte im März bei der indischen Patentbehörde durch, dass Natco künftig das Bayer-Nierenkrebsmittel Nexavar auch produzieren und auf den indischen Markt bringen darf – obwohl die Leverkusener über ein gültiges Patent verfügen, das sie noch für acht Jahre vor Konkurrenz schützt.

Ohne je einen Cent in die Forschung investiert zu haben, verdient Nannapaneni nun an dem Bestseller mit – weltweit brachte es Nexavar 2011 auf 725 Millionen Euro Umsatz. Viele Patentjuristen sehen die Teilenteignung von Bayer zumindest in der Nähe eines Rechtsbruchs. Gerade mal sechs Prozent seiner Nexavar-Einnahmen zahlt Natco an die Deutschen als Lizenzgebühr.

170 Dollar im Monat statt 5500

Doch Nannapaneni plagt kein schlechtes Gewissen. Es ficht ihn nicht an, dass die Entscheidung gegen Bayer möglicherweise gegen ein internationales Abkommen zum Schutz des geistigen Eigentums verstößt. Der Ökonom und Historiker verweist lieber darauf, dass er Nexavar in einer völlig anderen Preisklasse anbietet als Bayer: Umgerechnet etwa 170 Dollar verlangt Natco für eine Monatsration, Bayer will 5500 Dollar. Kaum ein Inder könne sich ein so teures Mittel leisten, befand Indiens Patentbehörde und pocht darauf, dass ein Hersteller seine Arznei breiten Kreisen der Bevölkerung zugänglich machen muss.

Der Druck, den die Behörde damit entfaltet, zeigt Wirkung. Als erster Konzernboss sprach sich Andrew Witty von GlaxoSmithKline im Frühjahr gegen die Hochpreispolitik der westlichen Pharmakonzerne in Schwellenländern aus. Natürlich müssten Innovationen vernünftig belohnt werden, sagte Witty. Das heiße aber nicht, dass ein Hersteller deswegen automatisch höhere Preise verlangen dürfe. Bislang wurden dem britischen Pharmariesen, der zwei Prozent seines Umsatzes in Indien erwirtschaftet und gerade weitere Großinvestitionen ankündigte, dort weder Patente aberkannt, noch wurde er zur Abgabe von Lizenzen gezwungen.

Keine Klage in Schwellenländern

Die umsatzstärksten Medikamente der Welt
Platz 10: MabTheraDer Wirkstoff nennt sich Rituximab. Das Medikament wird für die Behandlung von Lymphomen eingesetzt. In der EU vertreibt Roche es unter dem Handelsnamen MabThera, in den USA heißt es Rituxan. 2013 brachte es rund 6,26 Milliarden Dollar ein. Das waren 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Bild: Roche Pharma AGDatenquelle: IMS Health Quelle: Presse
Platz 9: CymbaltaDer Wirkstoff dieses Medikaments heißt Duloxetin. Dabei handelt es sich um ein Mittel, das bei Depressionen und Angststörungen eingesetzt wird. Vermarktet wird es von Eli Lilly; der Firma spülte es im Jahr 2013 6,46 Milliarden Dollar in die Kassen - eine Steigerung um 13,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bild: Lilly Deutschland GmbH Quelle: Presse
Platz 8: RemicadeRemicade ist der Handelsname von Infliximab. Dabei handelt es sich um einen Antikörper, der das Immunsystem vielfach beeinflusst. Eingesetzt wird das Medikament vor allem gegen Rheuma-Erkrankungen. In Deutschland wird es von MSD vertrieben. 2013 erzielte es einen Umsatz von rund 7,68 Milliarden Dollar - 7,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Bild: MSD Sharp & Dohme GmbH Quelle: Presse
Platz 7: AbilifyOtsuka Pharmaceuticals vertreibt das Arzneimittel Aripiprazol unter dem Namen Abilify. Es wird zur Behandlung von Schizophrenie eingesetzt. Mit 7,83 Milliarden Dollar in 2013 landet es auf Rang sieben. Das entspricht einem um 14,6 Prozent höherer Umsatz als noch im Vorjahr. Foto: "Abilify bottle" by Eric Gingras, via Wikipedia Quelle: Creative Commons
Platz 6: NexiumDas Magenmittel von AstraZeneca mit dem Wirkstoff Esomeprazol  liegt im Mittelfeld bei den Top-Ten-Präparaten. Der Umsatz 2013 lag bei 7,86 Milliarden Dollar - ein Plus von 7,0 Prozent. Bild: AstraZeneca Quelle: Presse
Platz 5: Lantus Lantus wird von Sanofi-Aventis hergestellt. Es enthält "Insulin glargin" und wird zur Behandlung von Diabetes eingesetzt. Mit einem Zuwachs von 23,3 Prozent legte es die stärkste Steigerung innerhalb der Top Ten hin. Umsatz 2013: 7,94 Milliarden Dollar. Quelle: dpa
Platz 4: Enbrel7,95 Milliarden Dollar Umsatz (plus 8,7 Prozent) machte dieses Medikament von Pfizer. Der Wirkstoff Etanercept wird zur Behandlung von Rheuma und der entzündlichen Hautkrankheit Psoriasis eingesetzt. Quelle: AP

Einen Schritt weiter ist Boehringer Ingelheim. Das Unternehmen aus Rheinland-Pfalz stellt unter anderem das Aidsmittel Viramune her, dessen Patentschutz noch läuft. Dennoch hat sich Boehringer in Indien und anderen Schwellenländern dazu verpflichtet, die Hersteller von Viramune-Kopien nicht zu verklagen – sofern sie eine gültige Zulassung besitzen, den Namen Boehringer nicht benutzen und den Export auf ärmere Länder beschränken.

Einen Mittelweg versucht Roche. Ende Oktober widerrief das indische Patent-Berufungsgericht (IPAB) in Delhi das Roche-Patent auf das Hepatitis-C-Medikament Pegasys. Der Preis von umgerechnet 8000 Dollar pro Jahr war den Richtern zu hoch. Nun wollen die Schweizer Pegasys zwar weiter zum Höchstpreis an wohlhabende Inder verkaufen, für den Großteil der armen Bevölkerung jedoch eine günstigere Zweitmarke unter anderem Namen und in neuer Verpackung auflegen. Der Wirkstoff sei jedoch derselbe, versichert Roche.

In Ägypten hat das Unternehmen mit einem solchen Modell gute Erfahrungen gemacht. Unter dem Namen Pegferon etablierten die Eidgenossen in dem arabischen Land bereits vor einigen Jahren eine billigere Zweitmarke zu Pegasys. Seither hat Roche dort 104.000 neue Hepatitis-Patienten gewonnen, die Umsätze haben sich zwischen 2005 und 2010 verneunfacht.

Streit um Aidspräparate

Auch Bayer hat sich, noch bevor Natco seine Nexavar-Lizenz erhielt, etwas einfallen lassen. Kranke, die das Krebsmittel benötigen, müssen sich an einen Onkologen wenden und haben dann die Chance, das Mittel für etwa zehn Prozent des üblichen Preises zu erhalten. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis streitet seit Jahren wegen eines Patents einer neuen Version seines Leukämiepräparats Glivec mit indischen Behörden.

Bis weitere Pharmakonzerne ihre exklusiven Patente verlieren, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein – besonders gefährdet sind Hersteller von Krebs- und Aidspräparaten. Der britische Anbieter AstraZeneca erlitt gerade eine Niederlage vor der indischen Patentbehörde bei einem Krebsmittel. Auch in China zählen die forschenden Medikamentenhersteller mittlerweile zu einer bedrohten Art. Seit März dieses Jahres ist es dort heimischen Herstellern grundsätzlich erlaubt, unter Patentschutz stehende Medikamente zu kopieren – wenn ein „Interesse der Öffentlichkeit“ besteht. Gerüchteweise haben es die Chinesen etwa auf ein Patent des US-Konzerns Gilead Sciences abgesehen, um die grassierende Ausbreitung von Aids in dem Riesenreich in den Griff zu bekommen.

Gerechtere Gesundheitsversorgung

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen
Eine junge Frau putzt sich mit einem Papiertaschentuch die Nase Quelle: dpa
Mann mit Rückenschmerzen sitzt im Büro Quelle: obs
In einer Zahnarztpraxis werden die Zähne eines Jungen untersucht Quelle: dpa
Ein Fieberthermometer liegt auf verschiedenen Arten und Formen von Tabletten Quelle: dpa
Ein Mann zieht an seinem Finger und erzeugt ein Knackgeräusch. Quelle: dpa
Angela Merkel hält ein Schnapsglas in der hand Quelle: AP
Ein Junge steht unter einer Dusche Quelle: dpa

Zudem werfen Hilfsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ den Multis vor, sie stellten Gewinninteressen über das Wohl und die Gesundheit der Bevölkerung in den armen Ländern. „Die richtige Strategie für in Indien aktive Pharmaunternehmen ist es, die Preise zu senken sowie lokal zu forschen und zu produzieren“, sagt deshalb Hermann Mühleck, der für Ernst & Young deutsche Unternehmen berät, die auf dem Subkontinent investieren.

Saket, ein Bezirk in der 18-Millionen-Einwohner Metropole Delhi. Vor schmucken Häusern mit schmiedeeisernen Gittern und gepflegten Vorgärten parken Mittelklassewagen von Hyundai, Suzuki oder Volkswagen. Im Souterrain eines der Gebäude sitzt Amit Sen Gupta. Morgens praktiziert der 53-Jährige als Hausarzt in Saket, nachmittags arbeitet er für das People’s Health Movement, ein globales Netzwerk von Aktivisten, die sich für eine bessere und gerechtere Gesundheitsversorgung in ärmeren Ländern einsetzen. Zu den Kooperationspartnern zählt „Ärzte ohne Grenzen“. Gupta rechnet vor: 30 Prozent der 1,2 Milliarden Inder leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Slums sind allgegenwärtig, Krankheiten weit verbreitet. Jährlich sterben etwa 1,7 Millionen Kinder. Nur 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kommen der Gesundheit der eigenen Bevölkerung zugute, in Deutschland 11,6 Prozent.

Vor diesem Hintergrund hat Gupta wenig Verständnis für die Klagen westlicher Konzerne über fehlenden Patentschutz. „Bayer braucht sich nicht zu beschweren, die haben ihr Nexavar nicht zu einem vernünftigen Preis der Bevölkerung zugänglich gemacht“, findet Gupta. Um die Gesundheitsversorgung zu verbessern, brauche es billige Medikamente – und Generikahersteller wie Natco, der in Indien nun Nexavar für etwa drei Prozent des ursprünglichen Bayer-Preises verkauft.

Industrie



Billiger und weniger reguliert

Pharmakonzerne wie Bayer profitieren dagegen von Medikamententests, die sie in Indien durchführen lassen, sagt Gupta. Die Studien an den indischen Probanden sind billiger und weniger reguliert als im Westen. Bezahlen können die meisten Testpersonen solche Mittel dann freilich nicht.

Den gesetzlich verordneten Bruch von Patenten hält Aktivist Gupta deshalb für ein probates Mittel. „Alle neuen Krebsmedikamente sind klare Kandidaten für weitere Zwangslizenzen“, sagt der Inder.

„Die Zahl der Zwangslizenzen gegen Unternehmen wird weiter zunehmen“, prognostiziert Oliver Moldenhauer, Kampagnenleiter bei „Ärzte ohne Grenzen“. „Wir brauchen viele neue Aidsmedikamente, um sie in den armen Regionen einzusetzen.“ Zu den möglichen Verlierern könnten die US-Konzerne Abbott, Bristol Myers Squibb oder Gilead gehören.

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