Tabakindustrie EU-Richtlinie greift den Glimmstängel an

Die EU will die Tabakrichtlinie ändern. Zigarettenhersteller laufen Sturm. Setzt sich Brüssel durch, könnte es bald nur noch wenige verschiedene Geschmacksrichtungen geben. Und das wäre nicht nur für die Hersteller ein Problem.

Wenn es nach den Plänen der EU-Kommission geht, werden Zigaretten künftig alle einheitlich ausschauen - und auch fast gleich schmecken. Quelle: dapd

Vor fast sechs Jahren beschloss der Bundestag das Tabakwerbeverbot. Aus Zeitschriften, Zeitungen und Internet verschwand der Glimmstängel, auch TV-Werbung war passé. Der Aufstand gegen das Reklameverbot war groß, Einzelhändler fürchteten um ihr Geschäft und die Bundesregierung klagte sogar gegen die EU-Richtlinie, die Deutschland in nationales Recht umzusetzen musste. Der Widerstand war zwecklos.

Doch die Frucht vor den Folgen war größer als der tatsächliche Schaden. Der deutschen Tabakindustrie geht es nach wie vor gut. 2011 verkauften die Hersteller hierzulande 88 Milliarden Zigaretten und setzten damit 21 Milliarden Euro um, knapp 1,5 Milliarden mehr als 2010 - allerdings aber auch erstmals wieder annährend so viel wie 2002.

Die gruseligsten Zigarettenschachteln der Welt
Die Europäische Kommission will, dass statt rund einem Drittel zukünftig zwei Drittel der Zigaretten-Verpackungsfläche Schockbilder und Warnhinweise tragen. Diese Regelung soll ab dem 20. Mai 2016 in Kraft treten und anschauliche Detailbilder ermöglichen. Diese sollen die Folgen des Rauchens für die Gesundheit bildlich darstellen. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
Alle Bilder sollen neben einem dramatischen Bild gesundheitsbezogene Warnhinweise enthalten. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
Die Gesundheitswarnungen kombiniert mit den Warnfotos sollen dann ab Mai nächsten Jahres mindestens 65 Prozent der Vorder- und Rückseite von Zigaretten- und Tabakpackungen ausmachen. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
Neben Warnhinweisen, die sich auf gesundheitliche Schäden beziehen, will die Europäische Kommission mit den neuen Bildern und Texten auch an das Gewissen der Raucher appellieren und thematisiert den Tod eines Rauchers als Unglück für Familie und insbesondere Kinder. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
Die EU verfolgt eine umfassende Strategie gegen den Tabakkonsum, zu der neben den Rechtsvorschriften über Tabakwerbung, Sponsoring und Tabakerzeugnisse gehören, sowie die Unterstützung von Mitgliedstaaten und Sensibilisierungsmaßnahmen. Die Vorschriften zur Zigarettenschachtelgestaltung sind damit nur einer von vielen Punkten. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
Der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, erklärte mit Blick auf das unveränderte Einstiegsalter der europäischen Raucher: "Die Zahlen zeigen, dass der Kampf gegen den Tabak noch nicht gewonnen ist, insbesondere bei den jungen Menschen. Es ist nicht akzeptabel, dass Europäerinnen und Europäer im Teenageralter das Rauchen immer noch attraktiv finden. Dies soll mit den neuen Bildern und Warnhinweisen anders werden.
Die neuen Richtlinien zur Verpackungsgestaltung betreffen nicht nur Zigaretten, sondern auch Tabak zum Selbstdrehen, Pfeifentabak, Zigarren, Zigarillos, rauchlose Tabakerzeugnisse, elektronische Zigaretten und pflanzliche Raucherzeugnisse. Quelle: Europäische Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher
Die EU-Staaten haben im Juni 2013 bereits auf Regeln zur Eindämmung des Rauchens geeinigt. Das Europaparlament muss den Vorgaben aber noch zustimmen. Vorgesehen sind unter anderem Schockfotos, zum Beispiel von Raucherlungen, die bis zu zwei Drittel der Packung bedecken. Geschmacksverändernde Aromen wie Menthol sollen als Zusätze künftig verboten werden. Die dünnen Slim-Zigaretten, die vor allem bei jungen Menschen und Frauen beliebt sind, sollen aber weiter erlaubt sein. Nach Zahlen der EU-Kommission sterben jedes Jahr in Europa 700.000 Menschen an Folgen des Rauchens. Vor zehn Jahren sahen deutsche Zigarettenpackungen noch so aus, wie auf dem Bild zu sehen. Der Warnhinweis der „EG-Gesundheitminister“ fand sich lediglich klein gedruckt am unteren Rand. Seit dem hat sich in der Gestaltung der Packungen weltweit viel getan. Quelle: AP
Ab 2003 wurden die Warnhinweise EU-weit größer und einheitlich gestaltet. Von abschreckenden Bildern war damals noch nicht die Rede - und bis heute ist das in Deutschland und den meisten anderen EU-Ländern auch noch nicht üblich. Ganz anders in Australien. Das oberste Gericht des Landes erklärte es heute für rechtlich zulässig, dass Zigarettenpackungen nicht nur mit abschreckenden Bildern und großen Warnhinweisen versehen werden müssen. Es darf zudem nur der Markenname des Herstellers in einfacher Schrift aufgedruckt sein. Quelle: dpa
Mit der Vorschrift zur einheitlichen und neutralen Gestaltung ist Australien derzeit Vorreiter. Die Packungsgestaltung gilt sein Dezember 2012. Quelle: dpa
Eine Übersicht der in Brasilien verwendeten Warnungen auf einen Blick. Es wird sowohl vor den Auswirkungen des Tabakkonsums auf die eigene Gesundheit als auch auf die Gesundheit von Passivrauchern, Kindern und ungeborenen Säuglingen hingewiesen. Quelle: Brasilianisches Gesundheitsministerium
Das australische Gesundheitsministerium hält eine breite Palette an Bildern bereit. Auch in anderen Ländern sind solche drastischen Abbildungen üblich, allerdings darf dort noch das Logo einer Marke verwendet werden. Quelle: dapd
In Neuseeland gilt seit 2008 bei der Bildwahl eine ähnliche Vorschrift wie in Australien. Hier versuchen die Packungsdesigner, Mitleid zu erwecken und so Käufer abzuschrecken. Quelle: Neuseeländisches Gesundheitsministerium
Kein medizinisches Sachbuch braucht sich hinter den neuseeländischen Abbildungen zu verstecken. Ironischerweise trägt die Webseite des Gesundheitsministeriums eine Warnung vor dem Schockpotenzial der Bilder. Im Laden fehlt ein solcher Hinweis jedoch. Quelle: Neuseeländisches Gesundheitsministerium
Etwas weniger drastisch fällt die Bebilderung in Spanien aus. Doch damit ist das südeuropäische Land schon eine Stufe weiter als die bislang in Deutschland üblichen, rein schriftlichen Warnungen. Quelle: dpa
Das Bild aus einem thailändischen Kiosk stammt bereits aus dem Jahr 2005 - Warnungen im Bild waren damals dort schon üblich. Quelle: AP
In Singapur schrecken mindestens seit 2006 bereits Bilder die Käufer ab - und dazu noch die Preise. Über sieben Euro kostet eine Schachtel. Quelle: dpa

Die Werbeverbote haben Rauchern die Lust am blauen Dunst langfristig nicht nehmen können. Genauso wenig wie die Erhöhung der Tabaksteuer, die seit Mai 2011 um insgesamt zwölf Cent pro Standardpackung gestiegen ist. Die Deutschen qualmen fröhlich weiter und bescherten dem Fiskus 2011 Rekordeinnahmen von 14,4 Milliarden Euro. Für das laufende Jahre erwartet die Regierung rund 200 Millionen Euro weniger.

Der Branche drohen australische Verhältnisse

Was die EU-Kommission jetzt diskutiert, könnte Raucher tatsächlich den Spaß am Paffen verderben - und der Tabakindustrie gefährlich zusetzten. Die Tabakrichtlinie soll sich grundlegend ändern. Drei Viertel der Schachtel sollen nach Willen von EU-Gesundheitskommissar John Dalli mit Warnhinweisen bedruckt werden. Bisher sind lediglich 30 Prozent der Schachtelfläche dafür vorgesehen. Werbung für vermeintlich natürlich oder biologisch anmutende Tabakprodukte sollen auf der Verpackung verboten werden. Form, Farbe und Größe der Zigaretten sollen zudem vereinheitlicht, Aromen- und Produktvielfalt drastisch eingeschränkt werden.

In Australien ist vieles davon bereits Realität. Dort müssen mit Beginn des Monats Dezember alle Packungen einheitlich olivengrün sein, geziert von Bildern mit den gesundheitlichen Folgen für Nikotinsüchtige: faule Zähne, amputierte Gliedmaßnahmen und schwarze Lungenflügel.  

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%