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Tarifverhandlung Chemieindustrie "Vielleicht ist auch mal ein Spagat nötig"

Zum Auftakt im Tarifstreit in der Chemieindustrie liegen die Positionen weit auseinander, es droht der erste Streik seit Jahrzehnten. Hans-Carsten Hansen, Verhandlungsführer der Arbeitgeber, setzt auf Fairness

Hans-Carsten Hansen Quelle: Angelika Zinzow für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Hansen, erstmals seit 44 Jahren droht in der Chemiebranche ein Streik. Was läuft schief?

Hans-Carsten Hansen: Die Positionen von Arbeitgebern und Gewerkschaft sind sehr weit auseinander...

Die Gewerkschaft IG BCE fordert 4,8 Prozent mehr Lohn, Sie bieten 1,6 Prozent. Die Metall- und Elektroindustrie einigte sich gerade auf ein Plus von 3,4 Prozent. Warum geht bei Ihnen nicht mehr?

Die Automobilindustrie hat eine ganz andere Konjunktur als die Chemie. Bei uns ist die Produktivität seit 2010 um vier Prozent zurückgegangen. Das wird 2015 nicht besser. Laut Branchenverband sinken die Umsätze um ein halbes Prozent.

Zur Person

Der Euro-Kurs fällt, der Ölpreis sinkt – das wirkt doch wie ein Konjunkturprogramm.

Bei uns verhält sich das so: Die Meldung über den neuen Ölpreis ist noch nicht im Haus, da fordern die Kunden schon Preisnachlässe. Unsere Erzeugerpreise werden weiter sinken.

Sie haben doch schon jetzt Flexi-Klauseln: Notleidende Unternehmen dürfen Lohnerhöhungen aussetzen.

Wir können keinen Tarifvertrag akzeptieren, bei dem immer mehr Unternehmen Sonderregelungen beanspruchen müssen. Und wir müssen verhindern, dass immer mehr kleine und mittlere Unternehmen den Tarifvertrag nicht mehr verkraften. Die letzten drei Abschlüsse...

...denen die Arbeitgeber zugestimmt haben...

...weil die Unternehmen zum Zeitpunkt des Abschlusses zuversichtlich waren. Aber die Prognosen über das Wachstum trafen drei Mal hintereinander nicht ein.

Wie viele Unternehmen sind denn aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten?

Es gibt viele Nachfragen nach einem Ausstieg aus dem Verband und damit aus der Bindung an den Tarifvertrag. Und es gibt immer mehr Nachfragen nach Öffnungsklauseln, immer mehr Unternehmen müssen nach Tarifabschlüssen restrukturieren, um die Mehrbelastungen aufzufangen. Das kann nicht Sinn einer Tarifrunde sein.

Am Donnerstag und Freitag verhandeln Sie wieder. Die Gewerkschaft sieht darin die letzte Chance für eine friedliche Einigung. Was bieten Sie?

Wir haben ja bereits ein Angebot vorgelegt. Jetzt muss die Gewerkschaft signalisieren, in welche Richtung sie gehen will.

Sie müssen doch auch auf die Gewerkschaften zugehen.

Auf beiden Seiten sind noch große Schritte nötig – vielleicht auch mal ein Spagat.

Ist die Sozialpartnerschaft, für die die Chemieindustrie lange als Vorbild galt, nicht gestört?

Sozialpartnerschaft verstehe ich nicht als Verzicht auf eine Auseinandersetzung in der Sache, sondern als fairen Umgang miteinander, der über Jahrzehnte gewachsen ist.

Es gibt mehrere Stellschrauben: Lohnhöhe, Laufzeit des Vertrages, Beitrag in den Demografietopf, aus dem etwa Altersteilzeit bezahlt wird. Woran drehen Sie?

In Arbeit
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Realistische Stellschraube ist eine Erhöhung der Gehälter, die berücksichtigt, dass wir keine Inflation haben und darum jeder zusätzliche Cent eine Reallohnerhöhung ist. Dabei sollte die Erhöhung moderat sein. Eine höhere Einzahlung in den Demografietopf ist nur möglich bei einer Zurückhaltung in der Lohnerhöhung und bei längerer Laufzeit des Tarifvertrages. Das sind alles kommunizierende Röhren.

Wie viele Übernachtungen haben Sie denn im Stuttgarter Verhandlungshotel gebucht?

Wir wollen in Stuttgart einen Abschluss erzielen. Dafür verhandeln wir so lange wie nötig.

Und wenn es doch zu einem Arbeitskampf kommt?

Wenn es dazu kommen sollte, sind wir nicht unvorbereitet.

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