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Tausende Tote in den USA Wie sich die Sacklers an der Schmerzmittelsucht bereicherten

Sackler-Produkte führten in die Opiod-Krise in den USA mit Hunderttausenden von Toten. Quelle: imago images

Die Sackler-Familie hat Milliarden mit dem Purdue-Konzern verdient. Die Familie ist in den USA zu einem Symbol dafür geworden, was schieflaufen kann. Mittlerweile werden sogar ihre Spenden abgelehnt.

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Richard Sackler will nicht hier sein. Der heute 74-jährige sitzt in einem Anwaltsbüro in Louisville, Kentucky, hinter ihm eine Wand voller Gesetzesbücher, vor ihm ein Kaffeebecher aus Pappe. Sackler hat die Mundwinkel nach unten verzogen, der teure Anzug schlackert um seine Arme, seine Stimme klingt rau und belegt.

Es ist ein rund vier Jahre altes Video, dass Sackler so zeigt. Damals wurde der Pharmamilliardär wegen der Rolle seiner Familie und seines Unternehmens in der Opiate-Krise vernommen, die weite Teile der Vereinigten Staaten seit Jahren in ihren Fängen hält. Die Zahl der Medikamentenabhängigen schoss zeitweise rapide in die Höhe, riss vor allem in wirtschaftlich abgehängten Regionen ganze Gemeinden auseinander. Bald suchte die Öffentlichkeit nach Verantwortlichen. In der Sackler-Familie wurde sie fündig.

Lange galt der Sackler-Clan als Teil des angesehenen amerikanischen Geldadels. Bereits in den 1950er-Jahren kaufte die Familie das Pharmaunternehmen Purdue und baute es zu einem Giganten in der Medikamentenherstellung aus. In den folgenden Jahrzehnten verdienten die neuen Eigentümer Milliarden und stiegen so innerhalb der US-High-Society auf.

Durch eine großzügige Spendenpolitik vergrößerte die Familie ihr Ansehen noch. Vor allem kulturelle Einrichtungen profitierten vom Sackler-Geld. Das New Yorker Metropolitan verfügt ebenso über einen Sackler-Flügel wie das Pariser Louvre. Auch das Jüdische Museum in Berlin, die Londoner National Gallery oder das Guggenheim wurden neben vielen anderen Einrichtungen großzügig bedacht. So zementierten die Sacklers ihren Status als Unternehmer und Philanthropen über Jahre. Heute ist von diesem Ansehen jedoch nicht mehr viel übrig.

Denn die Rolle, die Purdue und das Produkt OxyContin in der Entstehungsgeschichte der Opiat-Krise spielte, hat den Ruf der Sackler nachhaltig ruiniert. OxyContin ist ein Schmerzmittel mit hohem Suchtpotenzial - ein Umstand, den Purdue unter der Führung von Richard Sackler in den späten 1990er-Jahren herunterzuspielen versuchte.

Das Unternehmen behauptete, das Opiat mache weniger abhängig als Konkurrenzprodukte und setzte auf eine aggressive Marketing-Kampagne, um es zu verkaufen. Auf einer Firmenveranstaltung prophezeite Sackler damals einen „Sturm aus Verschreibungen, der unsere Konkurrenz begraben wird.“ Das ist ihm gelungen. Noch heute bekommen noch 14,6 Millionen Amerikaner den Wirkstoff Oxycodon verschrieben, der OxyContin zu Grunde liegt.

Bereits im Jahr 2007 stand Purdue Pharma wegen dieser Falschbehauptung vor Gericht. Damals einige man sich auf einen Vergleich, das Pharmaunternehmen zahle 600 Millionen Dollar. Doch der Schaden war angerichtet. Die Opiat-Krise nahm immer dramatischere Formen an - und das Unternehmen nahm die steigenden Nutzerzahlen weiterhin in Kauf. Als etwa ein Lieferant von Purdue im Jahr 2009 seine monatliche Bestellung plötzlich auf über 115.000 Tabletten verdoppelte, brauchte das Unternehmen nur eine Minute, um die ungewöhnlich hohe Order zu genehmigen. „Das Versagen, verdächtige Bestellungen zu überprüfen, war das Geschäftsmodell“, heißt es in einer Klageschrift gegen Purdue.

Die Folgen waren dramatisch. Zwischen 1999 und 2017 sollen bis zu 400.000 Menschen in den Vereinigten Staaten an den Folgen des Opiat-Missbrauchs gestorben sein. Für die Sackler-Familie wiederum lohnte sich das Geschäft. Ihr sollen bis zu 13 Milliarden Dollar an Gewinn ausgeschüttet worden sein. Purdue wiederum sieht sich mehr als 2000 Klagen von Städten, Gemeinden und Bundesstaaten gegenüber. Die ehemalige Gelddruckmaschine hat mittlerweile Gläubigerschutz beantragt.

Der Purdue-Konzern hat Insolvenz beantragt. Quelle: AP

Der Abstieg des Unternehmens geht einher mit dem Ansehensverlust der Sackler-Familie. Für viele Amerikaner ist sie zu einem Symbol geworden für alles, was falsch läuft im US-Kapitalismus. Sie drückte ein Produkt, von dem sie wusste, das es unsicher ist, in den Markt, genoss den Gewinn und überließ die Verantwortung für die harten Konsequenzen ihres Handelns überforderten Städten und Gemeinden. Gleichzeitig unterstützte sie prestigeträchtige Projekte, um den Ruf des Pillendrückers in der Öffentlichkeit loszuwerden.

Durch die Enthüllungen der vergangenen Monate und Jahre ist diese Strategie jetzt an ihr Ende gekommen. Immer mehr Einrichtungen wollen kein Geld mehr von der Familie annehmen – darunter die Tate Gallery, das Guggenheim und die britische National Portrait Gallery. Andere wollen ihre Verbindung zum Clan grundsätzlich überprüfen.

Um nicht völlig blamiert dazustehen, teilte ein Sackler-Trust und eine Familienstiftung schnell mit, sie würden für den Moment von weiteren Spenden ohnehin Abstand nehmen, bis die Rechtsstreitigkeiten ausgeräumt seien. Das kann dauern, zumal einige Kläger einen Vergleich mit Purdue ausgeschlossen haben. Für die Zukunft des Namens Sackler sieht es also in absehbarer Zeit düster aus.

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