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Teure Medikamente Pillen-Preise an der Schmerzgrenze

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Schlupfloch für Big Pharma

Verschärft sich dieses Szenario, wackelt eine der Grundfesten des deutschen Gesundheitssystems: die Garantie auf Behandlung und Heilung, ganz unabhängig vom eigenen Geldbeutel. Denn entweder führen die teuren Mittel zu deutlich höheren Versicherungsbeiträgen als heute, oder die entsprechenden Therapien wären privat zu zahlen. Beide Alternativen aber rücken die brisante Frage nach vorne: Geld oder Gesundheit?

Mondpreise bei Markteinführung: AOK-Vorstand Mohrmann beklagt hohe Ausgaben. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Foto: Patrick Schuch

Der Chef des größten deutschen Uni-Klinikums, der Charité in Berlin, sagte vergangene Woche dem „Handelsblatt“ mit Verweis auf immer teurere Präparate: „Wir werden künftig nicht mehr das ganze Gesundheitssystem solidarisch finanzieren können.“ Damit wird der Preis für Medikamente zur moralischen Kategorie – und zwar für Millionen von Patienten: Denn neben Spezialmitteln wie gegen Hepatitis liegen auch viele neue Mittel gegen häufigere Krankheiten wie Brust- oder Prostatakrebs in der hohen Preisklasse.

Die Pharmaindustrie testet die Schmerzgrenze von Patienten und Krankenkassen: Wie viel echte oder vermeintliche Heilung lassen sich die Kranken vorenthalten, und wie lange ertragen Kassenmanager und Politiker den daraus resultierenden Druck der Versicherten?

Dabei sollten all die Winkelzüge der Konzerne, Horrorpreise durchzusetzen, längst ins Leere laufen. Denn 2011 setzte der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) durch, dass die Hersteller den Nutzen neuer Präparate stärker als bisher belegen müssen. Dazu überprüft der sogenannte unabhängige Gemeinsame Bundesausschuss, eine Art Gesundheitsparlament aus Ärzten und Kassenvertretern, ob ein neues Medikament einen zusätzlichen Nutzen gegenüber vorhandenen Präparaten bringt. Die Wertung, ob dieser „gering“, „beträchtlich“ oder „erheblich“ ist, bildet die Basis für den Preis, den der Hersteller schließlich mit dem Spitzenverband der Krankenkassen aushandelt.

Doch die Politik ließ Big Pharma ein Schlupfloch: Im Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz von 2011 blieb festgehalten, dass die Hersteller im ersten Jahr nach der Marktführung den Preis für ein Medikament völlig frei festlegen können. Damit, so argumentierte die damalige gelb-schwarze Koalition, sollten die Unternehmen einen Anreiz für Innovationen erhalten.

Die größten Deals in der Pharma-Branche
Platz 10 – Roche für Genentech – 47 Milliarden Dollar (2008)Das Schweizer Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche sicherte sich 2008 für 46,7 Milliarden Dollar die amerikanische Biotech-Firma Genentech. Die Übernahme gilt als Glückgriff, da Roche als weltweit führender Produzent von Krebsmedikamenten von der Genforschung Genentechs profitiert. Roches bekanntes Vogelgrippe-Medikament Tamiflu (hier im Bild) hingegen stand mehrfach in der Kritik. Der Schweizer Konzern soll Studien zur Wirksamkeit des Medikaments manipuliert haben. Quelle: REUTERS
Platz 9 – Valeant für Allergan – 49 Milliarden Dollar (2014)Mitte April 2014 wurde bekannt, dass der kanadische Pharmakonzern Valeant den Botox-Hersteller Allergan übernehmen will. Die gebotene Summe katapultiert die geplante feindliche Übernahme direkt in die Top Ten: 49,4 Milliarden Dollar wollen die Kanadier gemeinsam mit dem US-Finanzinvestor Bill Ackman zahlen. Ein erstes Angebot reichte Allergan nicht, das Unternehmen wertete unter anderem die hohe Aktienkomponente als Risiko für die eigenen Anteilseigner. Eine Entscheidung zu der erhöhten Offerte steht noch aus. Allergan ist vor allem bekannt für sein Protein-Präparat Botox, das weltweit unter anderem zur Faltenglättung eingesetzt wird. Quelle: AP
Platz 8 – Pfizer für Pharmacia – 61 Milliarden Dollar (2002)Pfizer zum Ersten: 60,7 Milliarden Dollar in Aktien ließ sich der US-Pharmakonzern im Jahr 2002 die Übernahme des schwedischen Unternehmens Pharmacia kosten. Da nach der Fusion das Haarwuchsmittel Rogaine und die Potenzpille Viagra von einem Unternehmen hergestellt wurden, scherzte der damalige Pfizer-Chef Hank McKinnell (l.): „Rogaine und Viagra zusammen, was kann sich ein Mann mehr wünschen“. Quelle: AP
Platz 7 – Pfizer für Wyeth – 65 Milliarden Euro (2009)Pfizer zum Zweiten: Rund 64,5 Milliarden Dollar bezahlten die New Yorker für Wyeth, das zum Zeitpunkt des Kaufs ebenfalls zu den zehn größten Pharmaunternehmen der Welt zählte. Mit der Übernahme baute Pfizer sein Portfolio aus, vor allem in Richtung Impfstoffe und Biotechnologie. Quelle: dpa
Platz 6: Sanofi fusioniert mit Aventis (2004)Nur auf dem Papier eine Fusion unter Gleichen: Für gut 65,6 Milliarden Dollar übernimmt der französische Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo das deutsch-französische Unternehmen Aventis. Es entsteht Sanofi-Aventis, der größte Medizinhersteller Europas. Die Fusion gilt als kurios, da Sanofi-Synthélabo vor der Übernahme deutlich kleiner als Aventis war. Später legte der Konzern mit Sitz in Paris den Beinamen Aventis wieder ab. Sanofi ist heute Weltmarktführer für Impfstoffe. Quelle: AP
Platz 5 – Abbott Laboratories spaltet sich auf – 67 Milliarden Dollar (2011)Das amerikanische Pharmaunternehmen Abbott Laboratories spaltete rund 66,6 Milliarden Dollar seines Kapitals in Aktien ab und lagert es zunächst in eine Tochtergesellschaft aus. Die Medizintechnik und Generikaproduktion wurde unter dem Namen „Abbott“ weitergeführt, die Sparten Spezialmedikamente und Biotechnologie hingegen unter dem neuen Namen „AbbVie“ ausgegliedert. Auch Abbotts Flaggschiff, das Arthritis-Medikament Humira, ging auf die neue Gesellschaft über. Im Januar 2013 wurde AbbVie schließlich komplett in die Unabhängigkeit entlassen und wird seitdem an der Wall Street unter dem Kürzel „ABBV“ gelistet. Quelle: REUTERS
Platz 4 – American Home Products für Warner-Lambert I – 76 Milliarden Dollar (1999)Rund 75,5 Milliarden Dollar betrug das Volumen bei der freundlichen Übernahme des amerikanischen Hygienekonzerns Warner-Lambert durch American Home Products (AHP). Dem Hygienekonzern gehörten seinerzeit unter anderem die Marken Wilkinson Sword und Listerine. Doch AHP überhob sich: Als der Deal schon als perfekt galt, betrat US-Branchenriese Pfizer die Bühne. Er unterbreitete den Aktionären von Warner-Lambert seinerseits ein feindliches Übernahmeangebot – und erhielt den Zuschlag. Eine Strafzahlung von 1,8 Milliarden Dollar von Pfizer versüßte AHP die Niederlage aber zumindest etwas. Quelle: AP

Die Folgen sind andere, als von den Politikern erhofft. Denn die Konzerne nutzen die Freiheit als Schlupfloch, um quasi durch die Hintertür kräftig in die Gesundheitskassen zu langen. „Bei den neuen Hepatitis-Medikamenten haben wir erlebt, dass Hersteller diese Preissetzung auch völlig losgelöst von tatsächlichen Entwicklungs- und Herstellungskosten vornehmen“, sagt AOK-Vorstand Mohrmann.

Fragwürdige Kostenrechnung

Gleiches beobachtet der Onkologe Bernhard Wörmann von der Berliner Charité bei Krebsmitteln. „Die Einstandspreise sind stark gestiegen, die Präparate kosten inzwischen 8.000 Euro im Monat und mehr, vor Jahren lag der Schnitt noch bei 5.000 Euro.“

Viele teure Präparate, etwa Antidiabetika oder Rheumamittel, sind jedoch auch nicht zwingend besser: Häufig brächten sie für die Patienten keinen wesentlichen Zusatznutzen, sagt der Bremer Pharmazeut Gerd Glaeske.

Die Gründe, die die Hersteller für ihre Exzesse anführen, erweisen sich bei näherer Betrachtung in den seltensten Fällen als stichhaltig. Beliebtestes Argument für Spitzenpreise sind die angeblich hohen Kosten, die insbesondere für die Erforschung und Entwicklung von Medikamenten anfallen würden.

Zwischen 15 und 25 Prozent ihres Umsatzes stecken die Unternehmen in die Erprobung neuer Arzneimittel. „Die Hersteller geben inzwischen deutlich mehr für Forschung und Entwicklung aus als noch vor wenigen Jahren, auch weil die Komplexität und die Anforderungen der Zulassungsbehörden gestiegen sind“, meint Michael Kunst von der Unternehmensberatung Bain & Company, der Pharmaunternehmen berät. „Die Unternehmen gehen dabei hohe Risiken ein, die preisen sie natürlich entsprechend mit ein.“

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