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Teure Reiseeinladungen ThyssenKrupp-Vorstand bittet um Entbindung von Aufgaben

Jürgen Claassen hat den Aufsichtsrat gebeten, ihn „bis auf weiteres“ von seinen Aufgaben zu entbinden. Die Staatsanwaltschaft Essen prüft die Aufnahme von Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue.

Die Stärken und Schwächen von ThyssenKrupp
Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Das aktuelle Liquiditätspolster reicht – abzüglich einer halben Milliarde Euro, die fest im operativen Geschäft gebunden sind – aus, um die in wenigen Monaten fälligen Finanzschulden von 0,6 Milliarden Euro abzulösen. Außerdem kann Thyssen-Krupp auf nicht gezogene Kreditlinien zurückgreifen, um sich bei Bedarf weitere 4,7 Milliarden Euro bei seinen Hausbanken zu borgen. Dank der hohen Liquidität sind die Anleihen von Thyssen-Krupp sogar für einen kleinen Kreis institutioneller Investoren interessant, die ihr Geld auch bei Unternehmen mit einer schlechten Bonitätsnote anlegen. Thyssen-Krupp gibt überwiegend Anleihen mit einem Nennwert von 1.000 Euro aus , wendet sich also gezielt an Privatanleger. Der Ruhrkonzern steht für Seriosität und finanzielle Solidität. Die Sorge, das Unternehmen könne pleitegehen, haben viele Privatanleger nicht. Bei den meisten Dax-Konzernen ist eine Mindeststückelung von 50.000 Euro üblich. Quelle: dapd
Stärke 2: Innovative Ingenieure sichern Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Der Investitionsgüter- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp ist überwiegend auf bereits entwickelten Märkten tätig – und trifft dabei auf Konkurrenten mit günstigeren Kostenstrukturen. Um gegen sie zu bestehen, setzt der Konzern auf die innovative Kompetenz seiner Ingenieure. Denn erfahrungsgemäß sind die Kunden bereit, für bessere Qualität, größere Zuverlässigkeit und längere Lebensdauer eines Produktes einen Aufpreis zu bezahlen. Quelle: dapd
Auch im Geschäft mit seinen wichtigsten Kunden, den deutschen Autokonzernen, folgt Thyssen-Krupp diesem Prinzip. Und bei der wichtigsten Kennzahl, dem operativen Gewinn vor Abschreibungen pro Tonne Stahl, liegt der Konzern mit 124 Euro vor der Konkurrenz: Voestalpine verdient 105, Weltmarktführer Arcelor-Mittal sogar nur 44 Euro. Quelle: dpa
Allerdings musste Thyssen-Krupp auch lernen, dass ein vermeintlich günstiges Angebot am Ende richtig teuer werden kann: Um das Budget für das neue Stahlwerk in Brasilien nicht zu überziehen, hatte der Vorstand entschieden, die für das Milliardenprojekt wichtige neue Kokerei von einem chinesischen Anbieter bauen zu lassen. Der Experte im eigenen Haus, der Anlagenbauer Uhde, kam nicht zum Zug. Das Ergebnis ist bekannt: Die Chinesen lieferten Schrott, und jetzt muss Uhde für viel Geld die Kokerei ans Laufen bringen. Quelle: dpa
Stärke 3: Führende Marktposition in den meisten Geschäftsbereichen. Für einige Experten ist Thyssen-Krupp ein Paradebeispiel für einen Mischkonzern. Für andere ist der Essener Konzern ein unübersichtliches Industriekonglomerat. Tatsächlich zählt das Essener Traditionsunternehmen allein 636 Tochtergesellschaften in mehr als 80 Ländern, deren Geschäftszahlen, also Umsätze und Ergebnisse, voll in die Konzernbilanz einfließen. Quelle: dpa
Viele dieser Unternehmen sind in ihren Märkten tonangebend. Die Tochter Thyssen-Krupp Steel Europe beispielsweise ist nach Umsatz gemessen der zweitgrößte Anbieter auf dem Kontinent – hinter dem Branchenprimus Arcelor-Mittal. Weltweit belegt Thyssen-Krupp mit sämtlichen Stahlaktivitäten in Europa, Nord- und Südamerika sowie der Edelstahlstahlsparte nach Umsatz den siebten Rang. Nach Produktionsmenge zählt der Konzern nicht zu den Top 15. Quelle: dpa

Der seit Wochen wegen Luxusreisen in der Kritik stehende ThyssenKrupp -Vorstand Jürgen Claassen hat sich dem immer stärker werdenden Druck gebeugt. Der Manager habe den Aufsichtsrat gebeten, ihn bis auf weiteres von seinen Aufgaben zu entbinden, teilte der Konzern am Samstagabend in einer kurzen Mitteilung mit. Der Aufsichtsrat werde darüber in seiner Sitzung am 10. Dezember entscheiden. Von Claassen war auf Nachfrage der Nachrichtenagentur Reuters keine Stellungnahme zu erhalten. Der frühere Kommunikationschef des Mischkonzerns und langjährige Vertraute von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme soll Presseberichten zufolge Journalisten zu Luxusreisen eingeladen haben, deren geschätzter Wert zum Teil bei 15.000 Euro lag. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen ihn eingeleitet.

ThyssenKrupp -Vorstand Jürgen Claassen Quelle: ThyssenKrupp AG

Der 54-Jährige begründete seine Entscheidung am Samstag mit der Sorge um das Wohl des Unternehmens. "Durch diesen Schritt möchte ich angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten, dem ich mich seit über 28 Jahren tief verbunden fühle", ließ er über den Konzern mitteilen. Offiziell bleibt er zumindest bis zur Sitzung des Aufsichtsrats am Montag in einer Woche im Amt. Claassen war erst Anfang vergangenen Jahres in den Vorstand aufgerückt und dabei für den Bereich Compliance verantwortlich, bei dem es auch um die Prinzipien einer guten Unternehmensführung geht.

Der Fall Claassen trifft Thyssen in schwieriger Phase

ThyssenKrupp hatte nach den ersten Vorwürfen im November noch die Bedeutung von Pressereisen betont. "Pressereisen sind bei ThyssenKrupp - wie bei vielen anderen großen Unternehmen auch - ein wichtiges Element der Medienarbeit", hieß es vor rund drei Wochen. Pressereisen würden "intern und extern transparent im Einklang sowohl mit unseren internen Regularien als auch mit den einschlägigen Rechtsvorschriften" durchgeführt. Inzwischen hat der Konzern selbst eine interne Untersuchung der Vorwürfe im Zusammenhang mit den Reisen des Vorstands angestoßen.

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Der Fall Claassen kommt für den größten deutschen Stahlkonzern zur Unzeit, so dass Cromme und Vorstandschef Heinrich Hiesinger rasch Klarheit in der Frage anstreben dürften. Der Konzern kämpft noch mit den Folgen seiner jahrelangen Teilnahme an verbotenen Preisabsprachen von Schienenherstellern. Hier drohen hohe Schadenersatzforderungen der Deutschen Bahn und kommunaler Verkehrsbetriebe. Mitarbeiter der Tochter GfT Bautechnik sollen zudem in Osteuropa unsauber gearbeitet haben. Wegen des Verdachts auf Untreue hat ThyssenKrupp deshalb die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Auf seiner Sitzung am 10. Dezember soll sich der Aufsichtsrat auch mit dem Jahresabschluss des Geschäftsjahres 2011/12 (per Ende September) befassen. Dieser wird einen Tag später auf einer Pressekonferenz in Essen präsentiert, bei der Claassen in der Vergangenheit stets dabei war. Für das Geschäftsjahr werden in dem amerikanischen Stahlgeschäft hohe Verluste erwartet. Hiesinger sucht für die Sparte mit den neuen Werken in Brasilien und den USA händeringend nach Käufern, um die hohen Schulden des Konzerns zu drücken.

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