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ThyssenKrupp Cromme forscht bei Siemens

Der dortige Entwicklungschef Reinhold Achatz wechselt zu ThyssenKrupp und damit zu einem Konzern, der mit Forschung bisher nicht viel am Hut hatte – außer in seinen Gründungstagen

Die Stärken und Schwächen von ThyssenKrupp
Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Das aktuelle Liquiditätspolster reicht – abzüglich einer halben Milliarde Euro, die fest im operativen Geschäft gebunden sind – aus, um die in wenigen Monaten fälligen Finanzschulden von 0,6 Milliarden Euro abzulösen. Außerdem kann Thyssen-Krupp auf nicht gezogene Kreditlinien zurückgreifen, um sich bei Bedarf weitere 4,7 Milliarden Euro bei seinen Hausbanken zu borgen. Dank der hohen Liquidität sind die Anleihen von Thyssen-Krupp sogar für einen kleinen Kreis institutioneller Investoren interessant, die ihr Geld auch bei Unternehmen mit einer schlechten Bonitätsnote anlegen. Thyssen-Krupp gibt überwiegend Anleihen mit einem Nennwert von 1.000 Euro aus , wendet sich also gezielt an Privatanleger. Der Ruhrkonzern steht für Seriosität und finanzielle Solidität. Die Sorge, das Unternehmen könne pleitegehen, haben viele Privatanleger nicht. Bei den meisten Dax-Konzernen ist eine Mindeststückelung von 50.000 Euro üblich. Quelle: dapd
Stärke 2: Innovative Ingenieure sichern Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Der Investitionsgüter- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp ist überwiegend auf bereits entwickelten Märkten tätig – und trifft dabei auf Konkurrenten mit günstigeren Kostenstrukturen. Um gegen sie zu bestehen, setzt der Konzern auf die innovative Kompetenz seiner Ingenieure. Denn erfahrungsgemäß sind die Kunden bereit, für bessere Qualität, größere Zuverlässigkeit und längere Lebensdauer eines Produktes einen Aufpreis zu bezahlen. Quelle: dapd
Auch im Geschäft mit seinen wichtigsten Kunden, den deutschen Autokonzernen, folgt Thyssen-Krupp diesem Prinzip. Und bei der wichtigsten Kennzahl, dem operativen Gewinn vor Abschreibungen pro Tonne Stahl, liegt der Konzern mit 124 Euro vor der Konkurrenz: Voestalpine verdient 105, Weltmarktführer Arcelor-Mittal sogar nur 44 Euro. Quelle: dpa
Allerdings musste Thyssen-Krupp auch lernen, dass ein vermeintlich günstiges Angebot am Ende richtig teuer werden kann: Um das Budget für das neue Stahlwerk in Brasilien nicht zu überziehen, hatte der Vorstand entschieden, die für das Milliardenprojekt wichtige neue Kokerei von einem chinesischen Anbieter bauen zu lassen. Der Experte im eigenen Haus, der Anlagenbauer Uhde, kam nicht zum Zug. Das Ergebnis ist bekannt: Die Chinesen lieferten Schrott, und jetzt muss Uhde für viel Geld die Kokerei ans Laufen bringen. Quelle: dpa
Stärke 3: Führende Marktposition in den meisten Geschäftsbereichen. Für einige Experten ist Thyssen-Krupp ein Paradebeispiel für einen Mischkonzern. Für andere ist der Essener Konzern ein unübersichtliches Industriekonglomerat. Tatsächlich zählt das Essener Traditionsunternehmen allein 636 Tochtergesellschaften in mehr als 80 Ländern, deren Geschäftszahlen, also Umsätze und Ergebnisse, voll in die Konzernbilanz einfließen. Quelle: dpa
Viele dieser Unternehmen sind in ihren Märkten tonangebend. Die Tochter Thyssen-Krupp Steel Europe beispielsweise ist nach Umsatz gemessen der zweitgrößte Anbieter auf dem Kontinent – hinter dem Branchenprimus Arcelor-Mittal. Weltweit belegt Thyssen-Krupp mit sämtlichen Stahlaktivitäten in Europa, Nord- und Südamerika sowie der Edelstahlstahlsparte nach Umsatz den siebten Rang. Nach Produktionsmenge zählt der Konzern nicht zu den Top 15. Quelle: dpa

In diesen Tagen sind Öffentlichkeitsarbeiter von Siemens schwer damit beschäftigt, einem fatalen Eindruck mit der Gewalt eines Dampfkraftwerks zu begegnen: Dass der Wechsel des Siemens-Forschungskoordinators Reinhold Achatz zu ThyssenKrupp in gleicher Funktion etwas mit einer strategischen Annäherung der beiden Dax-Konzerne, so wie sie in den vergangenen Tagen kolportiert wurde - zu tun haben könnte, möglicherweise auch in Form von Gemeinschaftsunternehmen der Dax-Riesen auf dem Technologiesektor. Die Siemens-Manager legen laut Presseberichterstattung aber die Vermutung nahe, bei dem Wechsel sei eher der Zufalls-Generator mit im Spiel gewesen.

Rheinhold Achatz Quelle: dapd

Bislang nur krasse Dementis

Kann man Reinhold Achatz verwehren, seine berufliche Zukunft auch außerhalb von Siemens zu suchen und zu finden? Wohl kaum. Gibt es für ihn ein ThyssenKrupp-Verbot, weil der Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme auch Chefkontrolleur und maßgeblicher Einflussfaktor beim Revierkonzern ThyssenKrupp in Essen ist? Auch das muss vereint werden. Trotzdem mehren sich an Isar, Rhein und Ruhr die Gerüchte, dass Achatz den Weg von München nach Essen findet, um bei ThyssenKrupp eine Art „Technologieabgleich“, ein „Monitoring“ zu starten, das im einzelnen ausloten soll, was im Reich der Technologie bei ThyssenKrupp geht und was nicht geht, also entwicklungsfähig ist - was eine größere Schwungkraft braucht, möglicherweise mit Partnern – und wer diese Partner sein könnten. „Siemens wäre da in vielen Fällen ideal“, sagt ein Branchenkenner. Doch dazu gab es bisher von Siemens und ThyssenKrupp nur krasse Dementis.

Interner Zwist nach außen getragen

Der Verdacht, dass Cromme quasi geeignetes Personal bei Siemens für ThyssenKrupp abwirbt, konnte bisher niemand erhärten. Auch ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger war vor eineinhalb Jahren von Siemens zum Revierkonzern gekommen – bei Siemens war er für das Industriegeschäft verantwortlich und hatte eine lupenreine Siemens-Inhouse-Karriere hingelegt. Ist Achatz nun der zweite Fall? Das kann nicht bewiesen werden. Es ist allerdings auffällig, dass Siemens-Manager in diesen Tagen deutlich machen, dass Achatz mit neuen Vorgesetzten bei Siemens nicht mehr klar gekommen ist. Soll hier ein Zwist nach außen hin konstruiert werden, um den Weggang von Achatz in Richtung Essen unternehmensintern und individuell plausibel zu machen? Auch diese Vermutung schwebt im Raum. In diesen Tagen kocht die Gerüchteküche hoch, da wird vieles verschwommen gesehen.

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