WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

ThyssenKrupp Cromme legt sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender nieder

Gerhard Cromme wirft bei ThyssenKrupp das Handtuch: Zum Monatsende legt er sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender des Stahlunternehmens nieder, wie am Freitag überraschend bekannt gegeben wurde.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Der Aufsichtsratsvorsitzende der ThyssenKrupp AG, Gerhard Cromme spricht am 18. Januar in Bochum auf der Hauptversammlung zu den Aktionären. Am Freitag gab er bekannt, dass er sein Amt niederlegt. Quelle: dpa

Der in der Kritik stehende ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme legt nach zwölf Jahren an der Spitze des Kontrollgremiums überraschend sein Amt nieder. Der 70-jährige verzichte zum 31. März auf sein Amt, teilte ThyssenKrupp am Freitag mit. Gleichzeitig habe er den ThyssenKrupp-Großaktionär Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gebeten, seine Entsendung in das Kontrollgremium zum gleichen Zeitpunkt zu beenden.

Cromme, der auch an der Spitze des Siemens-Aufsichtsrates steht, werde ebenfalls sein Amt als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender und Mitglied der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung niederlegen. Er zieht sich somit komplett aus dem Unternehmen zurück. Mit diesem Schritt wolle er auch im Aufsichtsrat einen personellen Neuanfang ermöglichen, begründete Cromme den Schritt. Er wünsche dem Unternehmen, dass es aus der derzeitigen Krise gestärkt hervorgehe.

Diese Figuren bestimmen das Machtspiel
Gerhard Cromme, 69, der Aufsichtsratschef der ThyssenKrupp AG Seit seinem Einstieg Ende der 1980er Jahre saß er an allen wichtigen Schaltstellen des Essener Konzerns - und war für den Umbau des Traditionsunternehmens mitverantwortlich. Stets unter dem wachsamen Auge von Berthold Beitz, mit dem er sich abspricht. Cromme saß im Krupp-Chefsessel, schon bevor diese in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde , und noch bevor diese mit der Thyssen Stahl AG fusionierte. Seit 2001 ist er der Aufsichtsratsvorsitzende der ThyssenKrupp AG - und in dieser Position war er an allen wesentlichen Entscheidungen beteiligt, die schließlich zur Fehlinvestition der Stahlwerke in Brasilien und den USA führten. Nun dürften nicht wenige Aktionäre die Frage stellen: Was und wie viel wusste Gerhard Cromme genau? Quelle: dapd
Berthold Beitz, 99, Vorsitzender der Krupp-Stiftung Er ist ein Urgestein bei Krupp, für das Unternehmen arbeitet er seit bald 60 Jahren. Im Jahr 1968 übernahm Beitz den Vorsitz des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Dieser Stiftung, in die das Kruppsche Privatvermögen überführt wurde, gehört wiederum 25,3 Prozent an Thyssen-Krupp. Beitz ist somit einer der mächtigsten Manager in der deutschen Wirtschaft. Als Vorsitzender der Stiftung unternimmt Beitz auch informelle Intervention im ThyssenKrupp-Konzern, gemeinsam mit Cromme bildet Beitz ein gehärtetes Duo, an dem keiner im Konzern vorbeikommt. Beitz gab eine Biographie heraus, die er vor Drucklegung absegnete. Infolgedessen ist fast nur Positives über ihn dort zu lesen, wenig Selbstkritisches. Eine überragende Position nimmt Beitz in der Nazizeit ein. Er ist zwar kein Widerstandskämpfer, rettet aber - ähnlich wie Oskar Schindler - hunderten von Juden das Leben, in dem er sie als Direktor der Kapathen-Öl in Russland anstellt und somit vor dem Tod bewahrt. Quelle: dpa
Heinrich Hiesinger, 52, Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp AG Vor seinem Aufstieg in den Chefsessel der ThyssenKrupp Anfang 2011 war Hiesinger bei Siemens für den Sektor Siemens Industry zuständig. Bei ThyssenKrupp hat sich der Schwabe vorgenommen, die alten Seilschaften zu kappen und den Konzern nach den Maßstäben des Weltmarktes zu richten. Dafür möchte Hiesinger Kosten senken und die Effizienz steigern. Die Losung lautet: Weg vom Stahl und dafür mehr Industrie- und Anlagenbau, Aufzüge und Marineschiffbau. Quelle: dpa
Guido Kerkhoff, 44, Finanzvorstand der ThyssenKrupp AG Gemeinsam mit Konzern-Chef Hiesinger steht Kerkhoff vor der Aufgabe, ThyssenKrupp wieder auf Vordermann zu bringen. Vor seinem Managerposten bei ThyssenKrupp war er Mitglied des Vorstands der Deutsche Telekom AG, verantwortete die Region Süd- und Osteuropa und ab April 2010 die Region Europa. Als Finanzchef der ThyssenKrupp AG möchte er am operativem Geschäft teilnehmen und die hierarchische Kultur im Konzern abschaffen. Quelle: dapd
Bertin Eichler, 61, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der Thyssen Krupp AG, Vorstandsmitglied der IG Metall Eichler musste jüngst einräumen, dass er mit dem Aufsichtsrat von ThyssenKrupp auf Kosten des Unternehmens in der Ersten Klasse nach China, Thailand, in die USA und nach Kuba geflogen war. Sein Einwand: Es habe sich um dienstliche Reisen gehandelt. Eichler will sich zur Hauptversammlung im Jahr 2014 aus dem Aufsichtsrat zurückziehen. Zudem kündigte der Gewerkschafter an, die Differenz zwischen den Kosten der meist von Geschäftsreisenden benutzten Business-Klasse und der Ersten Klasse zu erstatten. Denn: „Es ist nicht alles richtig, was zulässig und üblich war“. Quelle: dpa
Diese Vorstandmitglieder mussten wegen der schweren Managementfehlern und Fehlinvestitionen auf Anordnung Crommes ihren Platz räumen: (von links nach rechts) Compliance-Vorstand Jürgen Claassen (54), Technologie-Vorstand Olaf Berlien (50) und Stahl-Vorstand Edwin Eichler (54).

Stiftungschef Berthold Beitz hob die "langjährige enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit" hervor. Er habe die Entscheidung Crommes "mit großem Respekt" angenommen. Beitz führt die Krupp-Stiftung, die gut 25 Prozent an dem Unternehmen mit 150.000 Mitarbeitern hält - und ohne die im Konzern nichts geht. Der Patriarch hatte Cromme in der Vergangenheit gestützt und diesen sogar zu seinem Wunschnachfolger an der Spitze der Stiftung ernannt. Beitz muss nun einen neuen Kandidaten für die Stiftung und den Aufsichtsrat suchen. Die Stiftung kann drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat entsenden.

Bei den Aktionären stößt Crommes Rücktritt auf Beifall. "Wir finden das richtig“, sagte der Geschäftsführer der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer. Ein Neuanfang nach den Fehlentscheidungen und Skandalen im Konzern dürfe sich nicht nur auf den Vorstand beschränken, sondern müsse auch den Aufsichtsrat einschließen. Er hoffe, dass Crommes Nachfolger als Aufsichtsratschef von außerhalb kommen werde, sagte Hechtfischer.

Cromme war angezählt

Das sind die wunden Punkte von ThyssenKrupp
Ein Stahlarbeiter im ThyssenKrupp-Werk in Bochum steht vor einem glühenden Stahlcoil Quelle: dpa
Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von ThyssenKrupp Quelle: dpa
Unter Cromme als Vorsitzendem des Prüfungsausschusses im Siemens-Aufsichtsrat bis 2007 fließen in dem Konzern Schmiergelder von 1,3 Milliarden Euro an Auftragsnehmer. Quelle: dpa
Berthold Beitz (99), Vorsitzender der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, lauscht in der Villa Hügel der Rede von Ministerpräsident Sellering (SPD). Quelle: dpa
Der Ex-Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz, rechts, und der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme Quelle: AP
Zuege stehen vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main Quelle: dapd
Der Formel-1 Fahrer Sebastian Vettel fährt am 17.04.2010 in Shanghai während eines Formel-1 Rennens an einer Zuschauertribüne vorbei. Quelle: dpa

Der Siemens-Konzern will sich nicht zum Rücktritt Crommes äußern und begründete dies damit, dass Crommes Entscheidung "eine klare Angelegenheit von ThyssenKrupp" sei.

Cromme war zwar bereits angezählt. Bereits seit seinem Einstieg bei ThyssenKrupp Ende der 80er saß er an allen wichtigen Schaltstellen des Konzerns - und war für den Umbau des Traditionsunternehmens mitverantwortlich. 2001 ist er an die Spitze des Aufsichtsrats der ThyssenKrupp AG vorgerückt. In dieser Position war er an allen wesentlichen Entscheidungen beteiligt, die schließlich zur Fehlinvestition der Stahlwerke in Brasilien und den USA führten. Er hatte zuletzt auf der Hauptversammlung des Konzerns im Januar dieses Jahres Fehler eingeräumt und sich der harschen Kritik der Aktionäre gestellt. "Wenn Sie mich fragen, ob wir als Aufsichtsrat in der Vergangenheit etwas hätten besser machen können, dann will ich ehrlich sagen: Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können", hatte Cromme den Anteilseignern zugerufen. Diese hatten seine Rede teils mit Buhrufen quittiert. Aktionärsvertreter hatten ihn für das Desaster mit den neuen Stahlwerken in Übersee mitverantwortlich gemacht - die Kosten für die Werke waren auf zwölf Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Einen Willen zum Rücktritt hatte Cromme damals jedoch nicht erkennen lassen.

Rostiger Stahl

Starker Mann im Konzern ist nun Konzernchef Heinrich Hiesinger. Er steht vor wichtigen Entscheidungen: ThyssenKrupp sucht Käufer für die defizitären Stahlwerke in Übersee. Hiesinger will zudem in der europäischen Stahlsparte über 2000 Stellen abbauen, weitere 1800 könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen.

Dem Konzern machen auch Korruptionsfälle und Kartellverstöße zu schaffen. Drei Vorstände hatten ihre Posten räumen müssen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%