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ThyssenkruppDarum ist die Vorstandserweiterung so umstritten

Die Arbeitnehmer sprechen von „Kulturbruch“, „Zäsur“, die „Maske sei gefallen“: Der Thyssenkrupp-Aufsichtsrat unter BDI-Chef Russwurm hat am Mittwoch gegen ihre Stimmen den Vorstand erweitert – vor allem eine Personalie ist umstritten.Florian Güßgen, Angela Maier 30.11.2023 - 11:50 Uhr

Unentspannte Lage bei Thyssenkrupp: Die Belegschaft sieht die Vorstandserweiterung kritisch.

Foto: dpa Picture-Alliance

Unter der früheren Chefin Martina Merz fand der Ärger bei Thyssenkrupp eher immer verhalten, leise Ausdruck. „Schwierig“ sei diese oder jene Entscheidung, hieß es, „schwer nachvollziehbar“ dieser oder jener Weg. Ziviler Widerstand, würde man das nennen, wenn auch effektiv: Seit dem Frühjahr ist Merz raus. Und die Lautstärke hat sich verändert. Unter dem neuen Chef Miguel López knallt’s, in jeder Hinsicht. Am Mittwochabend verschickten die Arbeitnehmer eine wütende Mail, die selbst digitale Postfächer erzittern ließ. Von einem „Kulturbruch in der Mitbestimmung“ ist da die Rede, von einer „Zäsur“, die „Spuren hinterlassen werde.“ „Die Maske ist heute gefallen“, heißt es.

Und in der Tat. Was am frühen Mittwochabend im Aufsichtsrat der Thyssenkrupp AG geschehen ist, lässt sich aus Sicht der Arbeitnehmer als unfreundlicher Akt werten. Denn gegen die Stimmen aller Arbeitnehmervertreter, darunter IG-Metall-Vize Jürgen Kerner und Konzernbetriebsratschef Tekin Nasikkol, hat das Gremium den Konzernvorstand von drei auf fünf Vorstände erweitert. Zur Vorständin ist Ilse Henne, bisher Vorstandsmitglied des Segments Material Services, berufen worden. Diese Berufung wäre an sich noch weitgehend unstrittig gewesen. Zum Vorstand ist allerdings im Paket auch Volkmar Dinstuhl berufen worden, bisher CEO des Thyssenkrupp-Segments „Multi Tracks“ sowie zuständig für M&A-Projekte. Vor allem gegen Dinstuhl haben sich die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gesperrt.

Russwurm setzt das Paket durch

Weil die Arbeitnehmer geschlossen gegen die beiden Personalien stimmten, herrschte im Aufsichtsrat ein Patt. Entscheidend war in dieser Situation die Doppelstimme von Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm, der auch Chef des Industrieverbands BDI ist. Aus Arbeitnehmerkreisen wurde gemutmaßt, dass Henne einzig deshalb nominiert worden sei, um Dinstuhl durchzudrücken. Bei einer Erweiterung auf fünf Vorstände muss mindestens eine Vorständin dabei sein. „Auch ein Dutzend Vorstände wird dieses Unternehmen nicht gegen die eigenen Mitarbeitenden führen können“, heißt es in der Mitteilung der IG Metall am Mittwochabend. Angesichts des Performanceprogramms „Apex“, das die Effizienz im Konzern erhöhen solle, sei der Schritt das falsche Signal an die Mitarbeiter. „Wasser predigen und Wein trinken wird nicht zum Erfolg führen.“

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Der offene Bruch der Anteilseigner – größte Einzelaktionärin ist die Krupp-Stiftung mit einem Anteil von rund 21 Prozent – und Russwurms mit den Arbeitnehmern ist überraschend, nicht nur, weil Russwurm bisher eher auf Ausgleich bedacht war. Am frühen Donnerstagmorgen verschickte die Stiftung eine Mail mit einem Statement, das die Entscheidung begrüßte. Wegen des von López aufgelegten „Performanceprogramms“ sind die Gewerkschafter ohnehin in Habachtstellung. Und auch beim geplanten Teilverkauf der Stahlsparte Thyssenkrupp Steel Europe (TKMS) an den tschechischen Investor Daniel Křetínský und dessen Energieholding EPH, ist die Zustimmung der Arbeitnehmerseite unerlässlich. Zum neuen Finanzvorstand berufen hat der Aufsichtsrat, in diesem Fall allerdings einstimmig, zudem Jens Schulte, bisher Finanzvorstand der Schott AG. Schulte soll auf den bisherigen Finanzvorstand Klaus Keysberg folgen. Alle drei Vorstände wurden zu Beginn des Jahres 2024 auf drei Jahre berufen.

Wieder alle Macht der Zentrale?

Zudem hat der Aufsichtsrat eine neue Geschäftsverteilung des Vorstands beschlossen, um sich, wie es in der am Mittwoch verschickten Pressemeldung heißt, auf die „operative Steuerung des Unternehmens mit den Schwerpunkten Performance und Portfolio“ zu konzentrieren. Demnach soll CEO López für das neue, grüne Segment „Decarbon Technologies“ und das Stahlsegment Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE) verantwortlich sein, Dinstuhl für das Segment Automotive Technology, Personalvorstand Oliver Burkhard für die Kieler Schiffbausparte Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), die er auch als CEO führt, und Henne für den Bereich Materials Services. Die neue Aufteilung ist zwar mitunter kurios, weil nun etwa Burkhard, der auch CEO von TKMS ist, gleichsam an sich selbst berichtet. Sie markiert aber eine deutliche Abkehr von der Management-Strategie der López-Vorgängerin Martina Merz. Die hatte aus Thyssenkrupp eine „Group of Companies“ formen wollen – und dabei auf eine Dezentralisierung der Segmente gesetzt. Das bedeutete auch eine Stärkung der Sparten-CEOs und eine Verschlankung des Vorstands. Nun rückt die Macht wieder stärker nach Essen.

„Diese Zäsur wird Spuren hinterlassen“

Die Wut der Arbeitnehmervertreter sprang in ihrer Mitteilung am Mittwochabend aus jeder Zeile. „Mit der heutigen Bestellung von zwei zusätzlichen Vorstandsmitgliedern gegen die Stimmen der Arbeitnehmerbank findet ein Kulturbruch in der Mitbestimmung statt“, hieß es. „Die Anteilseigner und der neue CEO López brechen mit der bewährten Mitbestimmungspraxis bei Thyssenkrupp.“ Zum „ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens“ würden Vorstände trotz der geschlossenen Ablehnung der Arbeitnehmerseite bestellt.

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„Diese Zäsur wird Spuren hinterlassen und dem bislang ausgewogenen und konstruktiven Dialog im Aufsichtsrat dauerhaft Schaden zufügen. Unter Merz wäre die Zentrale in Essen zeitweise am „liebsten aufgelöst worden. Nun folgt die radikale Kehrtwende und die Devise lautet: Alle Macht der Zentrale – der Vorstand wird nahezu verdoppelt.“ Der „Alleingang“ im Aufsichtsrat zeige, dass die „Anteilseigner bei Thyssenkrupp kein Interesse mehr an einem belastbaren Miteinander mit der Arbeitnehmerseite“ hätten. Die Signale an die fast 100.000 Beschäftigten seien „verheerend“. Es liefen Sparprogramme, die Performance solle erhöht werden. Gleichzeitig werde der Vorstand erweitert.

Was ist die Mission des Schachspielers Dinstuhl?

Im Zentrum der Kritik steht Volkmar Dinstuhl. Die bisherige Sparte „Multi Tracks“ galt unter Merz als Sammelsurium von Unternehmen, die im Konzern größtenteils keine Zukunft haben würden, saniert oder verkauft werden sollten. Dinstuhl, der auch im Ruf stand, der früheren Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz nahe zu stehen, war früher in dem Konzern für Mergers & Acquisitions zuständig, hat eine maßgebliche Rolle beim Verkauf der Aufzugsparte von Thyssenkrupp an die Finanzinvestoren Advent International und Cinven gespielt. 17 Milliarden Euro erbrachte der 2020. Dieser Verkauf gilt bis heute als Erfolg und spülte dringend benötigtes Geld in die Kasse, von dem Thyssenkrupp bis heute zehrt. Auch als Chef von Multi Tracks ist es ihm gelungen, einige Unternehmen zu verkaufen. Die Zuständigkeit für Mergers und Acquisitions gehört offenbar auch zu seinem Vorstandsportfolio. Insider beschreiben Dinstuhl als „introvertierten Typen“. Er ist Schachspieler, auch seine Management-Aufgaben, heißt es, handhabe er wie ein Schachspiel.

Volkmar Dinstuhl als Spieler des SV Mühlheim Nord bei der Schach-Bundesligaspieltag in Mühlheim an der Ruhr im Mai 2022.

Foto: imago images

Aus Aufsichtsratskreisen hieß es, Russwurm habe bei der Sitzung am Mittwoch Dinstuhls Kompetenz in diesem Bereich ausdrücklich gelobt. López dagegen steht nicht im Ruf, ein M&A-Experte zu sein. Möglich, dass Russwurm ihm nun einen starken Vorstand an die Seite stellt, der mit Ablauf und Handhabung von Veräußerungen im Detail vertraut ist. Die Veräußerung von Teilen der Stahlsparte sowie von Teilen der Schiffbausparte sind seit Jahren erklärtes Ziel bei Thyssenkrupp. Arbeitnehmer werfen Dinstuhl vor, dass die entsprechenden Veräußerungen mit Entlassungen verbunden gewesen seien.

Kommt CVC wieder ins Spiel?

Was Russwurms Personal-Coup für den Verkauf der Stahlsparte bedeutet, ist offen. Auf der Bilanzpressekonferenz hatte López erst vergangene Woche für das vergangene Geschäftsjahr ein dickes Minus von zwei Milliarden Euro verkünden müssen. Das erklärte sich vor allem durch ein schwaches Ergebnis und Wertberichtigungen in Höhe von 2,1 Milliarden Euro in der Stahlsparte. Allerdings hatte López auch gesagt, dass er sich in konstruktiven Gesprächen mit der Energieholding EPH des tschechischen Investors Daniel Kretinsky befinde. Ziel sei die Bildung eines Joint Ventures, dem Vernehmen nach soll die EPH die Hälfte der Stahlsparte übernehmen. López begründet die Anbahnung mit dem Ziel einer „Energiepartnerschaft“. Um künftig klimaneutralen, grünen Stahl in Duisburg herzustellen, sei grüner Wasserstoff und zu dessen Erzeugung große Mengen an grünem Strom notwendig. Um hier Kosten zu senken, sei eine Partnerschaft mit einem Energiekonzern sinnvoll, so das Argument.

Hinsichtlich dieses geplanten Deals hatte sich das Verhältnis von López und den Gewerkschaftern gerade erst wieder etwas beruhigt. López hatte bei den Vertretern der IG Metall für einigen Ärger gesorgt, als er ankündigte, schon im Oktober erste Schritte eines Verkaufs an Kretinsky unter Dach und Fach bringen zu wollen. Erst indem Kretinsky Anfang November eine kleine Delegation der Arbeitnehmer in Essen persönlich traf, entspannte sich die Situation.

Bei der Vorstellung der Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr nannte López keinen konkreten Zeitraum für den Abschluss dieser Verhandlungen mehr. Auch ist trotz aller Bekenntnisse längst nicht sicher, dass Kretinsky am Schluss zum Zug kommt. An dem industriellen Konzept gibt es Zweifel. Noch verfügt die EPH etwa gar nicht über jenen grünen Strom, den Thyssenkrupp bräuchte. In Finanzkreisen gilt auch als denkbar, dass der Investor CVC beim Stahl wieder ins Spiel kommt.

Lesen Sie auch unseren Kommentar, was für und was gegen den Investor Daniel Kretinsky spricht.

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