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ThyssenKrupp So übersteht ThyssenKrupp sein Debakel

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Der Kartellsumpf

Kuriose Nebengeschäfte der Großkonzerne
Eine Vorliebe für Altes scheint man beim Energiekonzern Eon zu haben. Das mittelalterliche Schloss Oefte in der Nähe von Essen ging 1940 an das Hydrierwerk Scholven AG, das nach einigen Jahren und Fusionen schließlich zum Energieriesen Eon anwuchs. Trotz zahlreicher Einsparungen bestand der ehemalige Eon-Chef Ulrich Hartmann darauf, die Anlage samt Schlosspark zu behalten. Ein Golfclub hat das Schloss gepachtet. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Eigentlich investiert Eon in neue Anlagen. Mit dem Kraftwerk Ulrich Hartmann steht in Irsching das Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk mit dem weltweit höchsten Wirkungsgrad. Quelle: AP
Die Netzgesellschaften der RWE Deutschland-Gruppe betreiben insgesamt 342.000 Kilometer Strom-, 38.000 Kilometer Gas- und 9.100 Kilometer Wassernetz in der Bundesrepublik. Der Energieversorger erweitert und modernisiert sein Stromverteilnetz laut eigenen Angaben mit rund zwei Milliarden Euro pro Jahr. Doch der Konzern betreibt noch ein weiteres Geschäft in luftigen Höhen... Quelle: Presse
RWE gehören drei Bergbahnen. Diese sind mit der Elektrifizierung historisch verbunden. Als der bayerische Unternehmer Otto von Steinbeis 1912 eine der Bahnen bauen ließ, plante er auch gleich ein Wasserkraftwerk zur Stromversorgung dazu. Die Wasserkraft wurde ein Geschäftszweig der Bahngesellschaft. Über Fusionen und Übergaben landeten die Erbstücke schließlich bei RWE. Quelle: Presse
Aspirin ist das wohl bekannteste Produkt des Chemiekonzerns Bayer. Im Jahr 2011 erwirtschaftete das Unternehmen einen Gesamterlös von rund 36,5 Milliarden Dollar. Doch Bayer hat sich nicht nur als Pharmaspezialist einen Namen gemacht. Quelle: dpa
Es war im Jahr 1983 als die Redaktion des Magazins „Stern“ glaubte, mit der Veröffentlichung der vermeintlichen Hitler-Tagebücher einen Riesencoup gelandet zu haben. Auf Anfrage des Bundeskriminalamtes stellten Bayer-Mitarbeiter fest, dass das Blankophor, das in den Tagebüchern als Papier-Weißtöner benutzt worden war, vor dem zweiten Weltkrieg höchstens im Versuchsstadium war und nicht auf dem Markt zu finden gewesen sein konnte. Rund sechseinhalb Kilometer Aktenmaterial wurden durchforstet. Letztlich haben die Bayer-Mitarbeiter einen entscheidenden Teil zur Entlarvung der Fälschung beigetragen. Quelle: dpa
Die Münchener Schörghuber-Gruppe hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten ihr Geld mit Getränken, Immobilien, Hotels und Flugzeugleasing verdient. Zu den bekanntesten Produkten gehört das Bier Paulaner. Die Unternehmerin Alexandra Schörghuber hat sich zum bunten Portfolio ein weiteres, besonders exotisches Geschäft ausgesucht... Quelle: AP

3) Was kosten die Stahlwerke in Übersee ThyssenKrupp noch?

Zwölf Milliarden Euro verschlangen die beiden Stahlwerke in den USA und Brasilien statt wie geplant vier Milliarden Euro. Als die Anlagen im vorigen Jahr in Betrieb gingen, blieben die erwarteten Kunden in den USA weg. Auch dort schlug die Stahlrezession zu. In jedem Quartal produzieren die Werke Verluste zwischen 200 und knapp 400 Millionen Euro. Geht das so weiter, bescheren sie ThyssenKrupp bis Ende des Jahres 800 Millionen bis 1,6 Milliarden Euro Miese.

Bisher hat Konzernchef Hiesinger 3,6 Milliarden Euro auf die beiden Werke abgeschrieben. Nun bleibt ihm nur, die Werke so schnell wie möglich abzustoßen. Doch wollen die Kaufinteressenten, darunter Tata und ArcelorMittal, zum Teil nicht mehr als eine Milliarde Euro bezahlen. Mit acht Milliarden Euro standen die Werke im September 2012 noch zu Buch. Mittlerweile beträgt der Buchwert nur noch knapp vier Milliarden Euro. Wird Hiesinger sie wirklich nur zu diesem Preis los, drohen weitere Abschreibungen.

4) Wie tief ist der Kartellsumpf wirklich?

Es war ein Schlag gegen die Nerven des ThyssenKrupp-Managements: Ende Februar durchsuchte das Bundeskartellamt zusammen mit der Bundespolizei die Geschäftsräume des Stahlwerks in Duisburg. Der Verdacht: ThyssenKrupp habe sich ein weiteres Mal eines groß angelegten Kartellvergehens schuldig gemacht. Nachdem das ältere Aufzugskartell mit einer Strafzahlung in Höhe von über 300 Millionen Euro abgeschlossen wurde, poppte 2011 ein Kartell des Ruhrkonzerns beim Handel mit Schienen auf. Die geschädigte Deutsche Bahn klagt nun gegen ThyssenKrupp.

Sollte sich der Verdacht eines Kartells beim Flachstahl mit ArcelorMittal bestätigen, wäre dies der bisher größte Schlag dieser Art für ThyssenKrupp mit noch unabsehbaren Folgen. Denn die Herstellung von Karosserieblechen für die Autokonzerne ist das Hauptgeschäft von ThyssenKrupp. Geschädigt sind Vorzeigekonzerne wie Daimler, BMW, VW samt so renommierter Töchter wie Porsche und Audi.

Hiesinger will deshalb ein schlagkräftiges Team zusammenschweißen und einen durchsetzungsstarken Vorstand für Compliance, also die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften, berufen. Bis 2014 wird er das Thema aber kaum los.

Die Tatorte der Stahlkartelle
ThyssenKrupp fördert AufklärungMitarbeiter, die mehr über die Kartell- und Korruptionsfälle beim Industriekonzern wissen, sollen jetzt auspacken, ohne mit Entlassung oder Schadenersatzklagen rechnen zu müssen. Konzernchef Heinrich Hiesinger hat ein Amnestieprogramm aufgelegt - bis zum 15. Juni können Beschäftige gefahrfrei ihr Schweigen brechen. Die harten Sanktionen gegen Mitarbeiter, die an Kartellen beteiligt waren, hatten dazu geführt, dass sich niemand mehr zu den Vorfällen äußern wollte. ThyssenKrupp war an mehreren Kartellen in den Bereichen Schienen, Aufzüge und wohl auch Autoblech beteiligt. Die Details. Quelle: dpa
AutoblechDas Bundeskartellamt verdächtigt ThyssenKrupp, Preisabsprachen für Autoblech getroffen zu haben. Am 10. April 2013 wurde bekannt, dass die deutsche Autoindustrie möglicherweise seit über einem Jahrzehnt zu viel beim Stahleinkauf bezahlt hat. Schon seit dem Jahr 1998 hätten sich die Konzerne ThyssenKrupp, Voestalpine und ArcelorMittal beim Verkauf von Autoblechen abgesprochen, berichtete das "Handelsblatt" unter Berufung auf Branchenkreise. Diese Jahreszahl sei auch in einer Anzeige vermerkt, die anonym beim Bundeskartellamt eingereicht worden ist. Die Behörde hatte Ende Februar Büros und Privaträume von Mitarbeitern der drei Konzerne durchsucht und umfangreiche Unterlagen beschlagnahmt. Im September 2013 hat das deutsche Bundeskartellamt Lieferanten von Autoblechen, Hutablagen und Kofferraumisolierungen durchsucht. Die Industrie rechnet nun mit weiteren hohen Strafzahlungen, mindestens im dreistelligem Millionenbereich. Allein der deutsche Wälzlagerspezialist Schaeffler hatte unlängst 380 Millionen Euro wegen zu erwartender Bußgelder zurückgestellt. Quelle: gms
Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, dann drohen den Unternehmen neben einem hohen Bußgeld auch Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe. Allein ThyssenKrupp erzielt im europäischen Stahlgeschäft ein Drittel des jährlichen Umsatz von elf Milliarden Euro mit der Automobilindustrie. Die Geschädigten: Die Deutschen Autobauer wie Volkswagen, Mercedes und BMW - die seit Jahrzehnten dem Stahlunternehmen aus Essen die Treue halten, obwohl andere Hersteller zum Teil preiswerter anbieten. Auch Daimler, Ford und General Motors mit seiner deutschen Tochter Opel zählen zu den wichtigsten Kunden. Vertreter von ThyssenKrupp und Voestalpine betonten im Bericht des "Handelsblatt", dass sie intensiv an der Aufklärung der Vorwürfe arbeiteten. Quelle: dpa
Schienen und WeichenDer Stahlriese ThyssenKrupp nannte die an den Absprachen beteiligten Unternehmen auch "Schienenfreunde". Den Schaden hatten die Nahverkehrsbetriebe der Kommunen, die den Stahlunternehmen drei Jahrzehnte lang überteuerte Schienen und Weichen abkauften. Auch die Deutsche Bahn gehörte zu den Opfern. Sie verklagte ThyssenKrupp im Dezember 2012 auf Schadensersatz in Höhe von 550 Millionen Euro. Auch einige Städte bereiten eine Klage gegen ThyssenKrupp vor. Die Preise hatte ThyssenKrupp gemeinsam mit dem österreichischen Konzern Voestalpine und dem Bahntechnikunternehmen Vossloh ausgehandelt. Das Bundeskartellamt erließ gegen den Essener Stahlriesen bereits ein Bußgeld in Höhe von 103 Millionen Euro. Weitere Bußgeldbescheide in Millionenhöhe erhielten die seit 2010 zum Vossloh-Konzern gehörende Firma Stahlberg Roensch und die Voestalpine-Töchter TSTG Schienen Technik und Voestalpine BWG. Quelle: dpa
Arcelor Mittal wusste von den Preisabsprachen auf dem deutschen Schienenmarkt - und schwieg gegenüber den Behörde, wie das Handelsblatt seiner Zeit in Erfahrung brachte. Ab dem Jahr 2009 wurde der Weltmarktführer einer der größten Lieferanten der Bahn. Da Arcelor-Mittal gewusst habe, wie das Kartell ticke, sei es ein Leichtes gewesen, die Preise des Kartells zu unterbieten, hieß es in der Branche, so das Handelsblatt im November 2011. Juristisch war Arcelor-Mittal nicht verpflichtet, Behörden und Bahn über das Kartell zu informieren. Ob der Konzern moralisch richtig handelte, ist eine andere Frage. Quelle: dpa
AufzugskartellDie Städte und die Bahn verklagen ThyssenKrupp auch wegen des Verdachts auf Preisabsprachen bei Aufzügen und Rolltreppen.
Die EU-Kommission hatte schon 2007 wegen des Aufzugskartells eine Geldbuße in Höhe von fast einer Milliarde Euro verhängt. Die betroffenen Unternehmen: der US-Gigant Otis, Schindler AG aus der Schweiz, Kone aus Finnland - und ThyssenKrupp. Die Deutschen übernahmen den Löwenanteil von 480 Millionen Euro. Später korrigierte ein EU-Gericht den Betrag auf 320 Millionen Euro. Quelle: dpa/dpaweb

5) Gibt es eine Zukunft für die Autozuliefersparte?

Der Geschäftsbereich „BA Components“ (BA ist Konzernjargon für Business Area) krankt an seiner geringen Größe. Er ist mit einem Umsatz von sieben Milliarden Euro zu klein, um auf dem Weltmarkt langfristig profitabel zu überleben. Die einzelnen Betriebe sind noch immer mittelständisch geprägt: zum Beispiel Bilstein-Stoßdämpfer in der Eifel und Presta-Lenksäulen in Düsseldorf. Damit hat die Sparte im Konzern kaum Zukunft. Hiesinger wird Bilstein verkaufen, irgendwann einmal, so heißt es im Konzern. Vorher will ThyssenKrupp noch kräftig investieren, um die Braut aufzuhübschen. Das kostet Geld und Zeit. Beides hat ThyssenKrupp nicht mehr.

6) Bleibt die Aufzugssparte auf dem Weltmarkt der ewige Dritte?

Weltgrößter Aufzugsbauer ist der US-Hersteller Otis, zweitgrößter ist Schindler in der Schweiz, Nummer vier ist Kone in Finnland. Schindler und Kone gehören zu Familien, die nicht daran denken, ihr profitables Liftgeschäft zu verkaufen.

Damit hat Hiesinger keine Chance, die eigenen Aufzugs- und Rolltreppensparte durch Übernahme eines der beiden Konkurrenten an die Weltspitze zu katapultieren. Allerdings bringt das Geschäft gute Gewinne. Hiesinger wird es deshalb ausbauen, denn in China gab es zuletzt ein Wachstum von 50 Prozent und in Indien von 20 Prozent. In beiden Ländern eröffnet ThyssenKrupp neue Aufzugswerke. Und in Stuttgart wird die Aufzugsfabrik zu einem Technologiepark ausgebaut. Das klingt nach seltenem Aufbruch im Konzern.

Cromme und Beitz trugen alles mit...

7) Könnte eine Allianz mit Siemens dem Ruhrkonzern helfen?

Die Fantasie beherrschte lange Zeit die Gemüter bei Siemens in München und ThyssenKrupp in Essen. Es war nicht nur das Doppelmandat von Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef bei beiden Unternehmen, das die Gedankenspiele über eine Allianz der beiden Konzerne befeuerte. Es sind auch einzelne Geschäftsbereiche, die zueinander passen würden: zum Beispiel die Sparte Building-Technologies bei Siemens, die Hiesinger vor seinem Job bei ThyssenKrupp leitete. Zur Gebäudetechnik von Siemens würde die Sparte Aufzüge von ThyssenKrupp passen.

Eine Vollfusion zählte nie zu den Gedankenspielen, gleichwohl aber ein Zusammengehen von ThyssenKrupp-Teilen mit Siemens, möglicherweise mit Beteiligung von ThyssenKrupp an Siemens. Vor allem für die Krupp-Stiftung wäre dies eine Art ganz große Zukunftssicherung. Hiesinger und sein Finanzchef Guido Kerkhoff haben zurzeit jedoch andere Probleme. „Vor 2015 wird dieses Thema nicht angepackt werden“, weiß ein ThysenKrupp-Manager.

8) Wie kann Thyssenkrupp gesetzestreu werden?

Die Durchsetzung gesetzestreuen Handelns wird für ThyssenKrupp-Chef Hiesinger eine Mammutaufgabe. „Da weiß er inzwischen nicht mehr, wo er anfangen soll“, sagt ein Konzernmanager fast schon mitfühlend. Hiesinger muss Compliance-Verantwortliche nicht nur an der Spitze, sondern in allen Geschäftseinheiten installieren, besonders im Großkundengeschäft Stahl, Aufzug sowie Schienen und in anfälligen Ländern wie Indien und China. „Bei uns gibt es eine Angstkultur vor dem Vorstand, wenn man seine Ziele nicht erreicht“, sagt ein Konzernmanager. „Die Angst davor, bei Kartellverstößen aufzufliegen, ist kleiner.“

Hiesinger hat den Umfang des Kulturwandels erkannt und bereits Compliance-Manager aus ganz Deutschland in Essen zum Erfahrungsaustausch zusammengetrommelt. Vorgabe für ThyssenKrupp: Was können wir von den anderen lernen?

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