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Thyssenkrupp Expedition zum digitalen Schrottplatz

Hier schlummern Profite: ThyssenKrupp startet einen Marktplatz für recycelten Stahl, der bisher meist auf Schrottplätzen wie diesem nahe Leipzig landet. Foto: dpa Quelle: dpa

Eine Sparte des kriselnden Thyssenkrupp-Konzerns steigt in den Onlinehandel mit recyceltem Stahl ein. Noch ist dabei vieles unklar – und das ganz planmäßig.

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Ein Start-up, das aus Schrott Geld machen will – und zwar im Wortsinn: Mit diesem Vorhaben läuft Thyssenkrupp Materials Services in diesen Tagen los. Die Werkstoffsparte des kriselnden Industriekonzerns hat dafür Anfang Juni ein eigenes Unternehmen gegründet und betritt dabei Neuland: 50 Prozent der Anteile der neuen Firma gehören dem Münchener Company Builder Mantro. „Das ist das erste Joint-Venture dieser Art – alle Prozesse sind neu für uns bei Materials Services“, sagt Jan Crommelinck. Er verantwortet die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle bei Thyssenkrupp Materials Services und ist nun Co-Geschäftsführer des Start-ups „mt industry recycling“.

Noch ist das Unterfangen in einer frühen Phase: Drei Mitarbeiter plus Crommelinck und Mantro-Manager Dirk Müller wollen in den kommenden Monaten nach einem konkreten Geschäftsmodell suchen. Klar ist bislang nur der inhaltliche Fokus. Das Start-up soll sich um das Recycling von Stahl kümmern. Der Austausch zwischen Unternehmen, bei denen enorme Mengen an Metallresten anfallen, und Stahlwerken, die das Material wieder einschmelzen, erfolge heute vor allem über zwischengeschaltete Schrotthändler, so Crommelinck: „Wer welchen Schrott hat, wo der liegt und in welchen Mengen er verfügbar ist, ist oft unklar – das alles führt zu einem hochgradig ineffizienten Prozess.“

Bis zum Herbst soll ein Geschäftsmodell stehen

Unklar ist jedoch auch, an welcher Stelle sich das Joint-Venture genau einschalten will. Denkbar sei ein rein digitaler Marktplatz, ein Logistikgeschäft oder ein Zusammenschalten von Partnern, so Crommelinck. Ein paar Anregungen kann das Team sogar in der eigenen konservativen Stahlbranche finden. Wertstoffkonzern Alba hat vor knapp zwei Jahren das eigene Start-up Scrappel ins Leben gerufen: Auf dem Portal sollen gewerbliche Verkäufer und Käufer von Schrott und Metall zusammenfinden, Remetal aus Essen holt übrig gebliebenes Metall aus Privathaushalten ab und der Duisburger Konzern Klöckner hat vor knapp zwei Jahren XOM Materials als eigenen Online-Shop gestartet. Über die Plattform werden fabrikneue Stahl- und Metallteile gehandelt. Mehr als 60 Händler mit 22.000 Produkten und 700 Kunden vermeldete Klöckner vor wenigen Wochen.

Das neue Thyssenkrupp-Beiboot will sich den Resten widmen, die bei der Produktion von Rohren oder Gittern anfallen. Als großen Vorteil sehen die beteiligten Partner den direkten Zugang zu den beteiligten Unternehmen in der Wertschöpfungskette. „Jedes andere Start-up kann das auch versuchen – aber die werden erst gar nicht auf den Hof gelassen“, ist Dirk Müller überzeugt. Bis zum Herbst soll ein konkreteres Geschäftsmodell stehen – dann muss sich das junge Team noch einmal das Okay und auch die notwendige Anschlussfinanzierung von beiden Gesellschaftern sichern.

Mit dem Joint-Venture testet die Materials-Sparte ein neues Format der Innovationsentwicklung. Zahlreiche Konzerne wollen alternative Geschäftsmodelle erproben. Die konkrete Abwickelung ist häufig eine Herausforderung: Als Einheit komplett innerhalb der Unternehmensmauern fällt das Querdenken oft schwer – und Ideen stoßen schnell auf interne Konkurrenz. „Wir entwickeln schöne Lösungen, die gut für uns funktionieren“, sagt auch Crommelinck. „Aber bei der Skalierung wird es dann manchmal schwierig. Und auch der Verkauf an Externe ist eine ganz andere Hausnummer.“ In Acceleratoren, in denen etablierte Unternehmen jungen Start-ups mit Kapital und Know-how auf die Sprünge helfen, fehlt derweil häufig der konkrete Einfluss auf das Geschäft.

Ein Start-up vom Reißbrett

Als eine Alternative bieten sich sogenannte Company Builder an. Eine ganze Reihe von Agenturen hat sich in den vergangenen Jahren darauf spezialisiert, etablierten Unternehmen beim Aufbau von Start-ups zu helfen. Die Konzerne stellen dabei ihre Expertise und Kontakte ihrer Branche zur Verfügung.  Company Builder wie die Digital Ventures-Tochter der Beratung BCG, NBT, Stryber, Bridgemaker oder eben Mantro (https://gruender.wiwo.de/harald-zapp-anfangen-ist-nicht-das-schwierige/) bringen die Erfahrung mit, wie aus Ideen schnell ein funktionierender Prototyp entstehen kann. Dazu beschäftigen die Agenturen Mitarbeiter, die sich mit der Programmierung von Plattformen oder der digitalen Nutzerführung auskennen. Die ersten Gespräche zwischen Thyssenkrupp und Mantro begannen im September, im Februar wurden drei Ideen präsentiert, Ende April gab der Materials-Vorstand grünes Licht.

Manchmal lassen sich die Company Builder wie ein Dienstleister für ihre Arbeitszeit bezahlen. Häufiger jedoch gehen sie mit ins Risiko – und beteiligen sich an einem gemeinsam gegründeten Unternehmen. Ein Vorteil bei dieser Aufteilung: Interessenkonflikte können reduziert werden – schließlich haben beide Partner ein wirtschaftliches Interesse daran, dass aus der Idee auch etwas entsteht. „Natürlich haben wir eine Vorstellung davon, wie Märkte oder Kunden aussehen können“, sagt Thyssenkrupp-Materials-Manager Crommelinck. „Aber wenn jemand Externes ebenfalls Geld dazu legt, dann ist das ein Qualitätssiegel, das ich kaum bezahlen kann.“

Eine Erfolgsgarantie ist die Zusammenarbeit zwischen Company Builder und Konzern allerdings nicht. BCG baute etwa für Bosch das Elektroroller-Sharing Coup auf. Das gab der baden-württembergische Konzern jedoch Ende vergangenen Jahres auf – der Scooter-Verleiher Tier übernahm Ende Februar die Flotte. Insgesamt 22 Neugründungen habe man so bereits mit ins Leben gerufen, sagt Mantro-Verantwortlicher Müller. „Und es ging immer weiter – wenn auch manchmal anders als gedacht.“

Start in unruhigen Zeiten 

Gleich zwei besondere Faktoren begleiten dabei den Start des Stahlschrott-Experiments. Zum einen fiel die erste Aufbauarbeit mitten in die Hochzeit der Kontaktbeschränkungen. Für das kleine Team sei das jedoch sogar von Vorteil gewesen. „Wir hatten dadurch Zugang zu Kollegen, die ansonsten fast in Arbeit ertrinken“, berichtet Crommelinck.

Glück gehabt haben die neuen Partner mit der Wahl des Standorts. Während die Verhandlungen über ein Joint-Venture bereits liefen, gründete Mantro einen Ableger im Herzen des Ruhrgebiets. Aus der ehemaligen Innovationseinheit des Familienunternehmens Haniel entstand zum Jahresbeginn der eigenständige „Schacht One“ mit Sitz auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein. Hier wurde bis in die 80er-Jahre Kohle gefördert, die auch für die Stahlerzeugung benötigt wurde. Nun soll das neue Start-up von dort die Expedition zum digitalen Schrottplatz vorantreiben.

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