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Thyssenkrupp Guido Kerkhoff macht bei der Aufspaltung Druck

Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff treibt die Aufspaltung zügig voran Quelle: imago

Vor der Teilung kämpft Thyssenkrupp-Vorstandschef Guido Kerkhoff nicht nur mit Einbußen im Geschäft, sondern auch mit Brüssel um die Stahlfusion mit Tata. Mit hohen Auflagen könnte die EU die Stahl-Ehe noch gefährden.

Schon wieder Einbußen im Stahl bei Thyssenkrupp. Das Niedrigwasser des Rheins im vergangenen Herbst führte zu Produktionsunterbrechungen, und dann schwächte sich auch noch die Nachfrage in der Automobilindustrie ab.

Das Stahlgeschäft sorgt beim Essener Industriekonzern Thyssenkrupp immer wieder für Dellen in der Bilanz. Die Sparte kam gerade noch auf ein operatives Ergebnis von 38 Millionen Euro. Vor Jahresende war es mehr als viermal so viel gewesen. Nicht nur der Stahl schwächelt: Das Ergebnis im Werkstoffhandel schmolz mit 22 Millionen Euro auf weniger als die Hälfte zusammen und selbst die lukrative Aufzugssparte fuhr mit 204 Millionen Euro 16 Millionen Euro weniger als zuvor ein. In den ersten drei Monaten des neuen Geschäftsjahres 2018/2019 verdienten die Essener operativ gut ein Viertel weniger. Operativ erzielte der Konzern im ersten Quartal einen um Sondereffekte bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 333 Millionen Euro - ein Minus von 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Immerhin legte der Mischkonzern mit weltweit rund 160.000 Beschäftigten beim Auftragseingang und beim Umsatz zu. Auch der Überschuss ist mit 145 Millionen Euro höher ausgefallen als im Vorjahr. Die Prognose für das Gesamtjahr bestätigte Kerkhoff. Aber er warnte vor konjunkturellen und politischen Risiken.

Stahlfusion zu jedem Preis?

Mit einem Risiko muss sich der Top-Manager des Industriegiganten noch in dieser Woche auseinandersetzen. Die EU-Kommission will in dieser Woche ihre Liste mit Einwänden für die geplante Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata nach Essen schicken. Kerkhoff wird sich mit Tata tief über die Liste beugen, dann intensive Gespräche mit der Kommission führen und Zugeständnisse machen müssen. Denn eins ist klar: Thyssenkrupp will diese Fusion mit Tata. Aber will der Konzern die Fusion auch um jeden Preis?

Kerkhoff hofft auf Synergien in Höhe von 400 bis 500 Millionen Euro jährlich, wenn die beiden Stahlhersteller ihre europäischen Geschäfte zusammenlegen. Auflagen von der EU-Kommission wird es geben, so viel steht fest. Kritisch betrachtet die EU-Kommission die Produktion von Stahl für die Autoindustrie, Verpackungsstahl und Produkte zur Herstellung von Transformatoren.

Wie ernst es die Wettbewerbshüter mit ihren Untersuchungen meinen, bewiesen sie erst in der vergangenen Woche als sie den geplanten Zusammenschluss der Zugsparte von Siemens mit dem französischen Konkurrenten Alstom untersagten. Allerdings rücken Thyssenkrupp und Tata mit ihrem neuen Stahlriesen lange nicht an die Größe des europäischen Marktführers ArcelorMittal heran. Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff ist deshalb zuversichtlich, dass die Stahl-Transaktion tatsächlich im Frühjahr abgeschlossen werden kann.

Kein Vorstand mehr für Compliance

Das muss sie auch. Denn das geplante Stahl-Joint-Venture ist der zentrale Baustein für Kerkhoffs großen Plan, Thyssenkrupp in zwei Teile aufzuteilen. Dieser Plan schreitet mit großen Schritten voran. Schlanker, agiler und effizienter sollen die beiden neuen Unternehmen, Thyssenkrupp Industrials und Thyssenkrupp Materials werden. Zentrale Funktionen sollen zusammengelegt, Vorstandsressorts reduziert werden. Sowohl bei der neuen Thyssenkrupp Industrials wie auch bei Thyssenkrupp Materials wird es nur noch drei Vorstandsposten geben: Einen Vorstandsvorsitzenden, einen Finanzvorstand und einen Personalvorstand. Für Recht und Compliance wird es keinen Vorstand mehr geben. Das wichtige Thema soll der jeweilige Vorstandsvorsitzende übernehmen.

Auch die komplexe Matrixstruktur des Konzerns soll aufgelöst werden. Die einzelnen Geschäftsbereiche bekommen damit nicht nur mehr Freiheit, sondern auch mehr Verantwortung. Zwei Unternehmenszentralen wird es zukünftig trotzdem noch im Quartier an der Altenessener Straße geben. Allerdings sollen die Verwaltungskosten für beide Unternehmen auf unter 300 Millionen Euro sinken, von derzeit rund 380 Millionen Euro. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben. Für den 1. Oktober ist der Startschuss für die beiden neuen Unternehmen geplant. Vorher allerdings sucht der Aufsichtsrat noch nach neuen Vorständen für die beiden neuen Thyssenkrupps. Im Frühjahr will die Konzernspitze darüber entscheiden.

Vor der Sommerpause will Kerkhoff außerdem über die genaue Finanzstruktur beider Firmen, die zukünftige Strategie und den Markenauftritt entscheiden. Im Januar 2020 könnte dann die Hauptversammlung über die Spaltung des Essener Industriekonzerns abstimmen.

Kneipe auf dem Thyssenkrupp-Campus

Vor der Sommerpause werden alle 2700 Thyssenkrupp-Mitarbeiter in der Zentrale ein neues Arbeitsplatzangebot bekommen: Entweder bei Thyssenkrupp Industrials oder bei Thyssenkrupp Materials. Für den Fall, dass der Teilungsprozess und die neue Kultur in Essen bei dem einen oder anderen noch Fragen aufwirft, gibt’s seit dieser Woche eine Ruhrgebietstypische Kneipe mitten auf dem Campus: In Q3,so ihr Name, gibt’s Bier, Darts und einen richtigen Tresen für lange Gespräche.

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