ThyssenKrupp Hiesinger, der Wiederholungstäter

Optimismus ja, aber bloß nicht zu viel: Bei der Hauptversammlung von ThyssenKrupp wechselt Konzernchef Heinrich Hiesinger zwischen Gaspedal und Bremse. Mantraartig wiederholt Hiesinger seine Schlagworte, um sich die Zustimmung für seinen Kurs zu sichern – die ist wackeliger als gedacht.

Heinrich Hiesinger

Heinrich Hiesinger darf als erster sprechen, gleich nach der Eröffnung der ThyssenKrupp-Hauptversammlung erteilt Aufsichtsratschef Ulrich Lehner dem Konzernvorstand das Wort. Seine dreiviertelstündige Rede richtet er zwar an alle anwesenden Aktionäre, besonders aber dürfte Hiesinger einen im Sinn haben, der zu diesem Zeitpunkt noch ein Schattenmann aus der Zukunft ist: Jens Tischendorf, Deutschland-Chef des Finanzinvestors und zweitgrößten ThyssenKrupp-Aktionärs Cevian Capital.

Diversifiziert, integriert und Verbund sind die drei Schlagworte, die Hiesinger weit mehr als ein Dutzend mal in seine dreiviertelstündige Rede packt, das Signal: An der Aufstellung des Konzerns will Hiesinger nicht rütteln, an eine Aufspaltung nicht denken. Cevian spielt offenbar mit der Idee, die traditionsreiche, aber zuletzt belastende Stahlsparte abzuspalten, Tischendorf ist Kandidat für die später folgende  Aufsichtsratswahl.

Wieder und wieder wiederholt Hiesinger also seine Schlagworte. „Das übergeordnete Ziel ist es, ThyssenKrupp zu einem diversifizierten Industriekonzern umzubauen, der durch eine bessere Integration nachhaltig profitabel und dividendenfähig ist“, sagt Hiesinger. Er wolle „ThyssenKrupp zu einem diversifizierten Industriekonzern machen, der im Verbund nachhaltig wert schafft“ und nennt Beispiele für spartenübergreifende Projekte, die zeigen, „welche Kraft in uns steckt, wenn wir als integrierter Konzern agieren.“

ThyssenKrupp in Zahlen

Hiesingers Motto lautet offensichtlich, seine Strategie per ständiger Wiederholung in die Köpfe zu hämmern. Die Kritik, die Hiesinger auf seinem geplanten Weg überwinden muss, ist aber größer, als er selbst angenommen haben dürfte – und ebenso die Rückendeckung für Cevian. Die Schweden seien „uns bisher nicht als Heuschrecke aufgefallen“, sagt etwa der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und plädiert für eine Wahl Tischendorfs in den Aufsichtsrat.

Der Vertreter von Union Investment – dem Fondshaus der Volksbanken und Raiffeisenbanken, nicht gerade als Hochburgen des angelsächsischen Finanzkapitalismus bekannt – kritisiert, dass er von „echten Umbaumaßnahmen“ in Richtung Hochtechnologiekonzern noch nicht allzu viel gesehen habe. Und auch er spricht sich „ausdrücklich“ für die Wahl von Cevian-Vertreter Tischendorf in den Aufsichtsrat aus. 

Später zieht Tischendorf mit starken 99,15 Prozent Zustimmung in das Kontrollgremium ein – der drittbeste Wert der acht Kandidaten, ein Vertrauensbeweis, vor allem: Weit besser als das Ergebnis von Lehner selbst. Mit 94,68 Prozent fährt Lehner das schlechteste Ergebnis von allen ein. Neben Tischendorf wird auch KFW-Vorstandsmitglied Ingrid Hengster neu in den Aufsichtsrat gewählt. Dafür scheiden Ex-BDI-Präsident Jürgen Thumann und der Franzose Christian Streiff (Ex-Kurzzeitchef von Airbus, später Chef von PSA Peugeot Citroën) aus dem Aufsichtsrat aus.

Schaufelräder, Zementwerke und U-Boote
Künftig soll das reine Stahlgeschäft wie etwa die Produktion von veredelten Blechen für die Automobilindustrie nur noch 30 Prozent des Konzern-Geschäfts ausmachen. Dennoch bleiben Blechrollen wie diese ein Kernprodukt. Quelle: PR
Rolltreppen und Fahrsteige – etwa in Flughafen-Terminals – gehören ebenfalls zum ThyssenKrupp-Produktspektrum. Dieses Foto ist in einem Essener Einkaufszentrum aufgenommen worden. Quelle: PR
Allen Negativ-Schlagzeilen zum Konzern trotzt das Aufzuggeschäft von ThyssenKrupp. Vor allem starke Absatzzuwächse in Asien erfreuen das Unternehmen. Das Bild zeigt ein System mit zwei Kabinen in einem Aufzugschacht beim Einbau in der Essener Konzernzentrale Anfang 2010. Quelle: PR
Für die Automobilindustrie bietet ThyssenKrupp auch den Aufbau von Anlagen, die etwa automatisch Fahrwerke oder andere Komponenten einbauen. Quelle: PR
ThyssenKrupp setzt vermehrt auf Planung und Bau ganzer Chemie- und Industrieanlagen. Im Bild ein Zementklinkerwerk im Senegal. Quelle: PR
Dieses Schaufelradladgeärt steht im Hafen von Rotterdam und wird zur Verladung von Eisenerz eingesetzt. Geliefert wurde es von der ThyssenKrupp-Sparte „Plant Technology“. Quelle: PR
Großwälzlager von ThyssenKrupp kommen etwa in Kränen zum Einsatz, die schwere Lasten bewegen. Quelle: PR

Hiesinger wird sich also darauf einstellen können, dass Tischendorf mit reichlich Selbstvertrauen im Aufsichtsrat auftreten und bei Reformen aufs Tempo drücken wird. Denn obwohl sich die Lage zuletzt verbessert hat, ThyssenKrupp nach drei Jahren erstmals wieder einen kleinen Gewinn schreiben konnte, steht das Unternehmen vor großen Herausforderungen.

Daran ließ nicht einmal Hiesinger selbst einen Zweifel aufkommen. „Die Wende ist noch nicht geschafft, aber wir sind auf einem guten Weg“, sagte der 54 Jahre alte Ingenieur und wiederholte sich auch hier in seinem Wechselspiel zwischen verbalem Brems- und Gaspedal – fast wortgleich hatte er sich schon bei der Bilanzpressekonferenz im November geäußert, und auch in seiner Rede auf der Hauptversammlung betonte er diesen Spagat mehrfach: Optimismus ja, aber nicht zu viel, es gibt noch jede Menge zu tun.

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