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ThyssenKrupp Kranker Mann mit Heilungschancen

Der Revierkonzern weist in den ersten neun Monaten einen Verlust aus. Aber die vergangenen drei Monate liefen dennoch vielversprechend. Konzernchef Heinrich Hiesinger trauen Aktionäre viel zu.

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Mitarbeiter Thyssenkrupp Quelle: dapd

Wenn der Essener Stahl- und Technologiekonzern mit einem kranken Mann verglichen werden kann - es gab im vergangenen Geschäftsjahr einen Milliardenverlust und die Stahlgeschäfte laufen in Brasilien und USA katastrophal und in Deutschland abgeschwächt - so gab es für den Patienten Ende der Woche ein vielversprechendes Bulletin: Besserung spürbar, Heilung in Sicht, Gesundung möglich.

Gewöhnlich fällt Verwandten bei solchen Arztberichten ein Stein vom Herzen, manchmal bricht sogar Euphorie aus. Als am Freitag klar war, dass der Konzern in den ersten neun Monaten zwar immer noch einen Verlust in Höhe von 220 Millionen Euro auftürmte, war bei vielen Aktionären Erleichterung zu spüren. Es wären 938 Millionen Euro Verlust gewesen, wenn die Edelstahltochter Inoxum (Marke „Nirosta“) mit eingerechnet worden wäre. Fazit: Das Fieber ist noch da, aber extrem gesunden. Inoxum wurde mehrheitlich an die finnische Outokumpu verkauft und wird nicht mehr mit eingerechnet. Das feierten die Aktionäre am Freitag als Siegesmeldung, der Kurs der Aktie stieg zeitweilig um sechs Prozent.

Thyssen Krupp lässt kräftig Federn

Entwarnung? Natürlich nicht. Der Patient ist bettlägerig, aber der Adlerlass zeigt Wirkung, die Therapie springt an. Dem behandelnden Arzt Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzenden von ThyssenKrupp, wird nun auch noch die völlig Genesung des kranken Mannes an der Ruhr zugetraut. Die Stimmung steigt, und das ist viel wert. Da soll es nicht stören, dass der Gewinn in den vergangenen drei Monaten nur durch einen Sondereffekt, den Verkauf der amerikanischen Gießerei Waupaca zustande kam. Und auch der Verkauf von Inoxum, dem alten Krupp-Edelstahl führte zu dem überraschend niedrigen Verlust des ersten Dreivierteljahres. Aber das soll jetzt die Erleichterung nicht schmälern. Was wäre, wenn Inoxum nicht verkauft worden wäre? Was wäre, wenn Waupaca nicht den Verbund verlassen hätte? Alles noch viel schlimmer.

Keimende Hoffnung

Die Stärken und Schwächen von ThyssenKrupp
Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Das aktuelle Liquiditätspolster reicht – abzüglich einer halben Milliarde Euro, die fest im operativen Geschäft gebunden sind – aus, um die in wenigen Monaten fälligen Finanzschulden von 0,6 Milliarden Euro abzulösen. Außerdem kann Thyssen-Krupp auf nicht gezogene Kreditlinien zurückgreifen, um sich bei Bedarf weitere 4,7 Milliarden Euro bei seinen Hausbanken zu borgen. Dank der hohen Liquidität sind die Anleihen von Thyssen-Krupp sogar für einen kleinen Kreis institutioneller Investoren interessant, die ihr Geld auch bei Unternehmen mit einer schlechten Bonitätsnote anlegen. Thyssen-Krupp gibt überwiegend Anleihen mit einem Nennwert von 1.000 Euro aus , wendet sich also gezielt an Privatanleger. Der Ruhrkonzern steht für Seriosität und finanzielle Solidität. Die Sorge, das Unternehmen könne pleitegehen, haben viele Privatanleger nicht. Bei den meisten Dax-Konzernen ist eine Mindeststückelung von 50.000 Euro üblich. Quelle: dapd
Stärke 2: Innovative Ingenieure sichern Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Der Investitionsgüter- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp ist überwiegend auf bereits entwickelten Märkten tätig – und trifft dabei auf Konkurrenten mit günstigeren Kostenstrukturen. Um gegen sie zu bestehen, setzt der Konzern auf die innovative Kompetenz seiner Ingenieure. Denn erfahrungsgemäß sind die Kunden bereit, für bessere Qualität, größere Zuverlässigkeit und längere Lebensdauer eines Produktes einen Aufpreis zu bezahlen. Quelle: dapd
Auch im Geschäft mit seinen wichtigsten Kunden, den deutschen Autokonzernen, folgt Thyssen-Krupp diesem Prinzip. Und bei der wichtigsten Kennzahl, dem operativen Gewinn vor Abschreibungen pro Tonne Stahl, liegt der Konzern mit 124 Euro vor der Konkurrenz: Voestalpine verdient 105, Weltmarktführer Arcelor-Mittal sogar nur 44 Euro. Quelle: dpa
Allerdings musste Thyssen-Krupp auch lernen, dass ein vermeintlich günstiges Angebot am Ende richtig teuer werden kann: Um das Budget für das neue Stahlwerk in Brasilien nicht zu überziehen, hatte der Vorstand entschieden, die für das Milliardenprojekt wichtige neue Kokerei von einem chinesischen Anbieter bauen zu lassen. Der Experte im eigenen Haus, der Anlagenbauer Uhde, kam nicht zum Zug. Das Ergebnis ist bekannt: Die Chinesen lieferten Schrott, und jetzt muss Uhde für viel Geld die Kokerei ans Laufen bringen. Quelle: dpa
Stärke 3: Führende Marktposition in den meisten Geschäftsbereichen. Für einige Experten ist Thyssen-Krupp ein Paradebeispiel für einen Mischkonzern. Für andere ist der Essener Konzern ein unübersichtliches Industriekonglomerat. Tatsächlich zählt das Essener Traditionsunternehmen allein 636 Tochtergesellschaften in mehr als 80 Ländern, deren Geschäftszahlen, also Umsätze und Ergebnisse, voll in die Konzernbilanz einfließen. Quelle: dpa
Viele dieser Unternehmen sind in ihren Märkten tonangebend. Die Tochter Thyssen-Krupp Steel Europe beispielsweise ist nach Umsatz gemessen der zweitgrößte Anbieter auf dem Kontinent – hinter dem Branchenprimus Arcelor-Mittal. Weltweit belegt Thyssen-Krupp mit sämtlichen Stahlaktivitäten in Europa, Nord- und Südamerika sowie der Edelstahlstahlsparte nach Umsatz den siebten Rang. Nach Produktionsmenge zählt der Konzern nicht zu den Top 15. Quelle: dpa

Und wo die Prognose von „Schlimm“ auf „Weniger Schlimm“ herabgestuft wird, keimt Hoffnung. Hiesinger scheint den richtigen Weg zu gehen. Er hat aber noch ein großes Stück vor sich: Größter Ballast für den Patienten sind die Stahlwerke in Brasilien und Alabama (USA). Sie produzieren Verluste, fraßen drei Mal soviel Geld als geplant. Und jetzt halten sich die amerikanischen Kunden zurück, die weltweite Stahlkonjunktur fängt an zu lahmen. Doch die Stahlwerke in Übersee sind unter dem Labor-Mikroskop nicht krankes sondern gesundes Gewebe. Sie belasten ThyssenKrupp deswegen, weil sie Milliarden zu viel verschlungen haben. Aber sie sind auch das modernste an Stahlproduktions-Anlagen, was es auf der Welt zur Zeit gibt, nagelneu, noch nicht ganz eingeschwungen, aber auf dem letzten Stand der Technik. Wer diese Produktionsanlagen von ThyssenKrupp günstig erwerben kann, dem könnte beim nächsten Stahlaufschwung ein echter Coup im US-Raum gelingen, die Verfügbarkeit einer modernen Stahlproduktion für eine US-Wirtschaft, die in zwei, drei Jahren wieder an Fahrt gewinnt.

Industrie



Fände ThyssenKrupp einen Käufer, der sich auf diese Hoffnung einlässt, dann wäre der Revierkonzern so ziemlich befreit von seinen schwersten Sorgen. Ob das bis zum Ende des Geschäftsjahres im September 2012 gelingt? ThyssenKrupp könnte sich dann ganz dem Ausbau seines Technologiegeschäfts widmen, das bisher grob vernachlässigt wurde. Eine Fusion mit Technologiegeschäften von Siemens fällt dabei erst einmal flach.

Der Aufsichtsratsvorsitzende beider Konzerne, Gerhard Cromme, hat einer Teilfusion kürzlich eine Absage erteilt. Das werde es unter ihm nicht geben, beruhigte er die Gemüter vor allem bei Siemens. Sein Wiederwahl als Aufsichtsratschef von Siemens steht im Januar 2013 an. Einen Monat drauf wird er 70 Jahre alt. Dann könnte er weitermachen. Adenauer wurde ja mit 78 auch erst Kanzler, ein ziemlich erfolgreicher sogar.

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