Thyssenkrupp und Tata Die Stahl-Fusion nimmt Fahrt auf

Eine mögliche Fusion der Stahlsparte von Thyssenkrupp und dem indischen Stahlkocher Tata geht in die entscheidende Phase. Bereits kommende Woche könnte Thyssenkrupp eine Absichtserklärung zur Fusion abgeben.

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Thyssenkrupp Steel und Tata Quelle: dpa

Die Särge und roten Fahnen ließen die Stahlarbeiter diesmal zu Hause. Anders als noch im Mai, als die Arbeiter mit martialischem Protest auf die Sparankündigung von Thyssenkrupps Stahlsparte reagierten, gab es vor der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch keine größeren Kundgebungen. Dabei steht für die Arbeiter in den kommenden Tagen einiges auf dem Spiel: So hat die gestrige Sitzung des Aufsichtsrats der Stahlsparte die heiße Phase der möglichen Fusion von Thyssens Stahlsparte mit dem indischen Konzern Tata Steel eingeläutet.

Seit Anfang vergangenen Jahres verhandeln die Konzerne über eine Zusammenlegung ihres europäischen Stahlgeschäfts. Bisher ohne Ergebnis. Doch nun soll es Schlag auf Schlag kommen: So verlagert sich am Freitag der Schauplatz der möglichen Stahl-Hochzeit nach Großbritannien, wo die Einspruchsfrist einer Vereinbarung zwischen Tata und der britischen Pensionsbehörde endet.

Wenn alles klappt, kann Tata seine Pensionsverpflichtungen vom Konzern abtrennen. Rund 15 Milliarden Pfund würde das den Konzern kosten. Bereits kommende Woche könnte der Plan für die Fusion laut „Börsen-Zeitung“ den Arbeitnehmervertretern bei der für Dienstag anberaumten Tagung des Konzernaufsichtsrat von Thyssenkrupp mitgeteilt werden.

Umsatz, Mitarbeiter und Investitionen von Thyssenkrupp nach Sparten

Dass in den kommenden Wochen Fakten geschaffen werden, gilt einigen in der Branche als sicher. So hält es Christian Obst, Analyst der Baader Bank, etwa für möglich, dass das Thyssen-Management „in den kommenden Tagen eine Art Letter of Intent aussendet, also eine Absichtserklärung, die Fusion mit Tata weiter vorzubereiten“. Gar nicht zufrieden mit der Annäherung der Stahl-Schwergewichte ist hingegen die Gewerkschaft IG Metall. Sie lehnt die Fusion weiter ab. Ein heißer Herbst ist den Stahlkochern damit in jedem Fall gewiss.

„Die Fusion gefährdet Arbeitsplätze“

Mike Schürg von der IG Metall NRW betonte gegenüber der WirtschaftsWoche den Standpunkt seiner Gewerkschaft: „Wir sind kategorisch gegen den Zusammenschluss von Thyssen und Tata. Das gefährdet Arbeitsplätze. Zudem sehen wir sehen keine ausreichende finanzielle Grundlage und keine Zukunftsperspektive in einem Zusammenschluss und auch das deutsche Mitbestimmungsmodell ist dadurch gefährdet.“

von Angela Hennersdorf, Melanie Bergermann, Rüdiger Kiani-Kreß

Mit welchen Mitteln die IG Metall auf eine Absichtserklärung von Thyssen reagieren würde, sagte Schürg nicht. „Wir können erst reagieren, wenn uns etwas vorgelegt wird. Der Konzern legt seine Pläne uns gegenüber aber nicht offen. Das geht ja jetzt schon seit eineinhalb Jahren so. Die Verunsicherung ist sehr groß.“ Ob die Gewerkschaft für den Fall der Fusion Proteste plane, wollte Schürg nicht beantworten. 

Analyst Obst versteht die Verunsicherung der Arbeiter: „Ich kann die Sorgen der Stahlarbeiter nachvollziehen. Ich glaub zwar nicht an Werksschließungen und wenn, dann würden davon wohl nur sehr kleine Standorte betroffen sein. Aber natürlich lässt man sich bei der Fusion auf ein Abenteuer mit vielen unbekannten Faktoren ein. Und eine dieser Unbekannten ist die Frage, wie es nach dem Brexit mit der britischen Industrie überhaupt weitergeht.“ Dass der Brexit den Deal aufhalten könnte, bezweifelt Obst jedoch: „Sowohl das Management von Thyssenkrupp als auch von Tata wollen den Deal.“

Experte sieht keine Werksschließungen

Commerzbank-Analyst Ingo Schachel sieht den Deal ebenfalls auf gutem Weg: „Die Pensionsrückstellungen waren bisher das größte Problem einer Fusion. Wenn das ausgeräumt ist, sehe ich keine größeren Schwierigkeiten.“ Doch auch die Kartellbehörden müssten der Fusion erst zustimmen. Von ihnen erwartet Schachel keine Widerstände: „ArcelorMittal produziert doppelt so viel Stahl wie Thyssen und Tata zusammen. Insofern sehe ich keinen Grund, warum die Kartellbehörden den Zusammenschluss untersagen würden.“ Werksschließungen hält auch Schachel für unwahrscheinlich: „Strukturell halte ich keine wesentliche Schließung von Standorten für notwendig. Die Profitabilität der Werke ist insgesamt gut.“

Alte Sünden, neue Probleme bei Thyssenkrupp

Alternativen zur Stahlhochzeit treten mit diesen Aussichten wieder in den Hintergrund. So kochte erst im Sommer abermals die Diskussion um eine sogenannte Deutsche Stahl AG hoch. Spekuliert wurde über einen möglichen Zusammenschluss der Stahlkocher Georgsmarienhütte, Salzgitter und der Stahlsparte von Thyssenkrupp. Die Unternehmen selbst wiesen die Spekulationen zurück oder ließen sie unkommentiert.

Ein „Plan B“ ist unwahrscheinlich

Unwahrscheinlicher wird nun auch die „Plan B“ genannte Möglichkeit, dass Thyssenkrupp seine Stahlsparte abspalten und an die Börse führen könnte. „Ein Börsengang der Stahlsparte wäre sicher umsetzbar. Thyssen hat allerdings keinen Grund, hier in Aktionismus zu verfallen, solange andere strategische Optionen noch greifbar sind“, sagt Analyst Schachel.

von Angela Hennersdorf, Yvonne Esterházy, Andreas Macho, Christof Schürmann, Cornelius Welp

Doch auch wenn in den kommenden Tagen das Problem mit der britischen Pensionsbehörde ausgeräumt werden könnte, wird eine endgültige Fusion der Stahlriesen wohl noch Jahre dauern. „Die Verträge von Tata mit dem englischen Pensionsfonds müssen von Thyssen erst noch geprüft werden. Vor allem die Frage, ob Thyssen haftet, ist noch zu klären“, sagt Analyst Obst. Zudem müssten laut Obst noch die Synergien zwischen den Unternehmen herausgearbeitet werden. „Vor 2021 wird eine Fusion sicher nicht gelingen“, sagt der Analyst.

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