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Thyssenkrupp verkauft Aufzugssparte Der Anfang vom Ende einer deutschen Industrieikone

Thyssenkrupp verkauft Aufzugssparte Quelle: ddp images

Mit dem Verkauf der Aufzugssparte ist das Ende des deutschen Traditionskonzerns Thyssenkrupp besiegelt. Warum der Überlebenskampf für den Rest des Unternehmens erst so richtig beginnt.

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Der Verkauf des besten Pferdes im Stall in Essen ist besiegelt. Die internationalen Finanzinvestoren Advent und Cinven schnappen sich gemeinsam mit der Steinkohle-Stiftung RAG das wertvolle Geschäft mit dem Bau von Aufzügen und Rolltreppen von Thyssenkrupp für 17,2 Milliarden Euro. Die Aufzugssparte ist aus Sicht der Investoren also drei Mal so wertvoll wie der gesamte Konzern an der Börse.

Es ist eine mutige Entscheidung, das Tafelsilber des Unternehmens vollständig zu verkaufen. Aber in der Not hatte Konzern-Chefin Martina Merz keine andere Wahl. Selbst ein Börsengang war ihr zu riskant. Und sie hat dem Konzern eine klitzekleine Hintertür offen gelassen: Thyssenkrupp werde einen Teil des Kaufpreises von rund 1,25 Milliarden Euro in eine Rückbeteiligung am verkauften Aufzugsgeschäft investieren, teilte der Konzern mit. Und das bedeutet: Was auch immer die Finanzinvestoren zukünftig mit dem Aufzugsgeschäft vorhaben, ob sie es zerschlagen, weiterverkaufen oder irgendwann doch an die Börse bringen, mit einem kleinen Teil ist Thyssenkrupp dabei. Bezogen auf den Kaufpreis wären die 1,25 Milliarden Euro ein Anteil von knapp 7 Prozent.

Zugeständnis an die Krupp-Stiftung

Möglich, dass dies ein Zugeständnis an die Krupp-Stiftung war – mit 21 Prozent größte Einzelaktionärin des Konzerns. Die teilte zwar mit, die getroffene Entscheidung sei richtig. Aber die Stiftung bedauerte gleichzeitig, dass das lukrative Aufzugsgeschäft nicht im Konzern verbleiben könne. Sie forderte Konzernchefin Merz auf, die Verkaufserlöse rasch und gezielt so einzusetzen, dass sich das Unternehmen erfolgreich weiter entwickeln könnte. „Thyssenkrupp muss wieder wettbewerbs- und dividendenfähig werden“, so die Stiftung. Mit Blick auf die eigene finanzielle Lage ist diese Forderung gut zu verstehen. Die Krupp-Stiftung lebt von den Dividendenzahlungen des Konzerns.

Voll zufrieden mit dem Verkauf des Aufzugsgeschäfts an Private-Equity-Fonds ist ausgerechnet die IG-Metall. Ein außergewöhnlicher Vorgang. Aber die Gewerkschaft hatte den Finanzinvestoren schon im Vorfeld Zugeständnisse abgerungen. „Kern dieser Vereinbarungen ist eine Standort- und Beschäftigungssicherung für sieben Jahre und einen Monat“, heißt es von der IG-Metall. Diese laufe mindestens bis Ende März 2027. „Während dieser Laufzeit sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen, alle bestehenden Standorte in Deutschland bleiben mit ihren wesentlichen Funktionen erhalten und sollen gestärkt werden.“

Thyssenkrupp hatte zunächst einen Börsengang der Aufzugssparte vorbereitet, der mit dem Verkauf an die Finanzinvestoren abgesagt wird. Interesse hatten auch Konkurrenten wie der finnische Kone-Konzern. Die Finnen zogen sich aber aus dem Bieterrennen zurück. Zuletzt hatten auch noch die Investoren Blackstone, Carlyle und Canadian Pension Plan gemeinsam für die Aufzugssparte geboten.

Zünglein an der Waage für den Zuschlag an die beiden Finanzinvestoren Advent und Cinven dürfte die Beteiligung der RAG-Stiftung gewesen sein. Die milliardenschwere Bergbaustiftung gehört auch zu den Käufern. Sie ist für die Finanzierung der dauerhaften Folgekosten des Steinkohlenbergbaus zuständig und dafür auf sichere Erträge ihres Kapitals angewiesen. So bleibt vom besten Pferd im Stall doch noch ein Teil in Essen. Bernd Tönjes, Vorstandsvorsitzender der RAG-Stiftung, sagte, dass man sich der Tradition und Geschichte von Thyssenkrupp Elevator sehr bewusst sei. Das Konsortium fühle sich dem Erhalt des Unternehmenssitzes und den starken Wurzeln des Unternehmens in Deutschland verpflichtet.

Finanzieller Befreiungsschlag

Sicher ist der Verkauf der Aufzugssparte für Konzern-Chefin Martina Merz ein finanzieller Befreiungsschlag. Mit 17 Milliarden Euro lassen sich einige Löcher stopfen, aber die sind groß und zahlreich bei Thyssenkrupp: Milliardenschwere Finanzschulden und Pensionsverpflichtungen werden das schöne neue Geld schnell auffressen. Das Geschäft mit Aufzügen war zuletzt der einzige nennenswerte Gewinnbringer in dem Mischkonzern. Ob Anlagenbau, Automobiltechnik, Marine, nirgendwo läuft es gut.

Ganz zu schweigen vom Stahlgeschäft. Das steckt tief in den roten Zahlen. Jahrelang wurde dort zu wenig investiert. Das konjunkturabhängige Geschäft leidet unter einer schwachen Nachfrage, Preisdumping und Überkapazitäten. Die Stahlsparte lieferte im ersten Quartal einen operativen Verlust von 164 Millionen Euro ab. Ausgerechnet der Stahl soll nun wieder zum Kerngeschäft werden.

Ob die Verkaufserlöse aus dem Aufzugsgeschäft reichen, um den Umbau des Ruhrgebietskonzerns zu stemmen, ist fraglich. „Mit dem Verkauf könne Thyssenkrupp wieder Fahrt aufnehmen“, sagte Konzernchefin Merz. Die Frage ist nur, in welche Richtung die Fahrt geht. Insgesamt sollen rund 6000 Stellen wegfallen. Davon 2000 im Stahl. Mittelfristig könnten weitere 800 Jobs wegfallen. Das Stahl-Werk in Duisburg-Hüttenheim steht vor der Schließung oder dem Verkauf. Und auch für weitere Geschäfte sucht Konzernchefin Merz Interessenten. Nach „Fahrt aufnehmen“ hört sich das nicht an.

Was am Ende noch übrig bleibt, das ist die wohl wichtigste Antwort, die Konzernchefin Merz jetzt geben muss. Viel Zeit bleibt ihr nicht. Im Herbst will sie den Vorstandsposten wieder aufgeben und zurück in den Aufsichtsrat wechseln. Ach, ja: Die Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin für sie an der Spitze steht nebenbei auch noch an.

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