Thyssenkrupp: Warum Chefin Martina Merz gehen muss
Schuld waren auch die Umstände, klar. Aber nicht nur. Martina Merz gibt ihren Job als Thyssenkrupp-Chefin auf.
Foto: REUTERSEs ist erst ein paar Wochen her, da hatte Martina Merz, ausgerechnet an ihrem Geburtstag, wieder einen Termin, der alles in helle, fröhliche Farben tauchte. In Duisburg, im Besucherzentrum des Stahlwerks, hatte sie Hendrik Wüst zu Gast, den Ministerpräsidenten aus Düsseldorf, und Burkhard Dahmen, den Chef des Anlagenbauers SMS-Group. Sie feierten, dass die SMS-Group für Thyssenkrupp jetzt in Duisburg die neue Direktreduktionsanlage bauen soll, Investitionsvolumen rund zwei Milliarden Euro, mit 700 Millionen Euro Zuschuss vom Bund. Auf geht’s, sollte das heißen, in die grüne Zukunft des Stahls, weg von Kohle und Koks. Vor glühend leuchtendem Hintergrund und hinter dem Schriftzug „#Nextgenerationsteel“ ließ Merz sich mit Wüst fotografieren.
Angeschlagen war die einst so strahlende Managerin auch da schon, trotz der guten Inszenierung. Was machen Sie nur mit der Stahlsparte? Das war die entscheidende Frage, die Merz wieder und wieder nicht überzeugend hatte beantworten können. Verkaufen Sie die Sparte endlich, drängten die Anteilseigner. Ach was, behalten Sie den Stahl, er ist das Herz des Konzerns, forderten die Arbeitnehmer. Die Absicht, Thyssenkrupp Steel Europe loszuwerden, in die Selbstständigkeit zu entlassen, hatte dabei Merz selbst zum Kern ihrer Strategie erkoren. Aus Thyssenkrupp wollte sie eine „Group of Companies“ formen, eine Art Holding. Jetzt musste sich Merz an ihren eigenen Zielen messen lassen – und sah gar nicht gut aus. Bis zuletzt konnte sie etwa trotz vieler Bemühungen keinen ernsthaften Interessenten für den Stahl präsentieren.
Die Kritik war umfassend
Aber das war nicht alles, was Merz an Kritik entgegenschlug. Sie setze ihre Strategie auch jenseits des Stahls kaum um, hieß es. Die Marinesparte Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) soll ebenfalls selbstständig werden. Zwar hat sich zuletzt etwas bewegt, es gibt Fortschritte, aber noch keine Entscheidung. Der Elektrolyseur-Hersteller Nucera sollte eigentlich schon längst an der Börse sein. Auch hier ist noch nichts geschehen, dazu blieb der Cashflow negativ. Und es ging weiter mit der Kritik: Sie kommuniziere nicht ausreichend, habe sich mit ihren Vorstandskollegen Oliver Burkhard und Klaus Keysberg überworfen, hieß es. Der Unmut auf allen Seiten des Aufsichtsrats war groß – und das, obwohl Merz in diesem Jahr endlich wieder einmal eine Dividende auszahlte, immerhin 15 Cent pro Aktie, und damit zumindest die Thyssenkrupp-Stiftung, mit knapp 21 Prozent die größte Anteilseignerin, ruhig stellte.
Zum Schwur ist es wohl Ende März in einer Sondersitzung des Aufsichtsrats gekommen. Manche nahen Beobachter hatten vorab schon geunkt: „Achtung, Achtung, der März ist bei Thyssenkrupp immer ein heikler Monat.“ Aber ungeachtet aller unheilvoller Ahnungen war klar: Merz würde bei dieser Aufsichtsratssitzung Konkretes vorlegen müssen. Das ist offenbar nicht geschehen. In einem wütenden internen Schreiben bezeichneten die Arbeitnehmervertreter Merz' Strategie nach der Sitzung als „gescheitert“. Bei der nächsten regulären Aufsichtsratssitzung im Mai, hieß es bald, würde es für Merz wirklich um alles gehen.
Der neue Chef hat einen Siemens-Hintergrund
So weit ist es nicht gekommen. Am Montag hat Thyssenkrupp per Adhoc-Meldung verkündet, dass Martina Merz um eine einvernehmliche Auflösung ihres Mandats als Vorstandsvorsitzende bitte. Der Personalausschuss des Aufsichtsrats werde nun mit ihr über eine einvernehmliche Auflösung des Vertrags sprechen. Zum 1. Juni soll Miguel Ángel López Borrego, derzeit Interimschef des Autozulieferers Norma-Gruppe, vorher Chef von Siemens Spanien, neuer Thyssenkrupp-Chef werden. López Borrego hat nach seinem Abitur in Hessen Betriebswirtschaft in Mannheim und Toronto studiert. Seine berufliche Laufbahn begann der in Deutschland geborene Spanier als Controller beim Autoelektronikhersteller VDO. Bei Siemens war er Finanzvorstand verschiedener Geschäftseinheiten. Von 2018 bis 2022 war er Chef von Siemens Spanien und Vorsitzender des Direktoriums von Siemens-Gamesa Renewable Energy. Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm bezeichnete López Borrego als „international geprägten Manager mit breiter Industrieerfahrung auf den Gebieten Digitalisierung und Industrie 4.0“. Auch sei er ein sehr erfahrener Finanz-Experte. „Mit ihm an der Spitze werden wir den Weg der Transformation auf Basis der entwickelten strategischen Linien fortführen.“ Dies sei herausfordernd, aber notwendig, da der Umbau von Thyssenkrupp noch nicht abgeschlossen sei.
Für Martina Merz ist es das Ende einer erstaunlichen Karriere bei Thyssenkrupp. 2019 war sie erst Aufsichtsratschefin geworden, dann auf den Chefposten in Essen gewechselt, hatte schnell Erfolge gefeiert, als sie die Aufzugsparte zu einem guten Preis verkaufte. Ihr Plan, Thyssenkrupp in die „Group of Companies“ zu verwandeln, überzeugte zumindest auf dem Papier. Martina Merz hatte dabei, das steht außer Frage, kein leichtes Erbe. Es gibt den Plan, den Stahl in irgendeiner Form loszuwerden, seit Jahrzehnten. Die Beharrungskräfte bei Thyssenkrupp sind enorm, die Machtstrukturen schwierig, der Einfluss der Gewerkschaften gewaltig. Und die Zeiten – ob Coronapandemie oder der russische Angriff auf die Ukraine – machten es Merz auch nicht leichter. Sie selbst hat auch immer wieder auf die Umstände, das Umfeld, die Krisen verwiesen – und versprochen, ihre Strategie umzusetzen, sobald es irgendwie gehe. Der Aufsichtsrat hat sie auch lange gestützt, ihren Vertrag erst im vergangenen Mai bis 2028 verlängert. Im Nachhinein war das wohl vor allem der Versuch, Merz den Rücken zu stärken. Andere sagten, man müsse nur immer genau darauf achten, wen Siemens in seinen Aufsichtsrat berufe. Der oder diejenige werde wohl bald wechseln, dafür hätten sie bei Siemens ein gutes Gespür – und wollten sich dann die Besten früh sichern.
Stiftungs-Chefin Gather dankt Merz
Die Thyssenkrupp-Stiftung teilte am Montagnachmittag mit, dass sie die Entscheidung von Martina Merz „außerordentlich“ bedauere. „Die Erarbeitung der transformativen Strategie für das Unternehmen, die erfolgreich umgesetzten Portfoliomaßnahmen und schon ihr kluges Handeln beim Verkauf der Elevator-Sparte – all dies hat Thyssenkrupp in einem extrem herausfordernden Umfeld auf einen zukunftsfähigen Weg gebracht“, hieß es. Und die Stiftungsvorsitzende Ursula Gather, die bis zuletzt als Stütze Merz' galt, sagte: „Persönlich danke ich Martina Merz für ihren großen unternehmerischen Einsatz und ihre stets wertschätzende Haltung. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Thyssenkrupp mit dem von ihr eingeschlagenen strategischen Kurs nachhaltig wettbewerbs- und langfristig dividendenfähig werden kann“, so Gather.
Auch Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance von Deka Investment, sagte: „Wir bedauern, dass Martina Merz geht. Sie stand für eine Erneuerung des Thyssen-Konzerns. Zuletzt lief die Entflechtung aber schleppend, Erfolge blieben weitestgehend aus. Die internen Widerstände waren offenbar zu groß. Thyssen verliert jetzt wieder kostbare Zeit. Der neue Vorstandschef muss nun schnell Mut und Entschlossenheit zeigen, um die Weichen des Konzerns richtig zu stellen.“
Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und stellvertretender Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp, sagte: „Jetzt geht es darum, dass wir unter einer neuen Führung schnell ins Handeln kommen. Herr López wird leider nicht viel Zeit zum Einarbeiten haben. Die Probleme liegen auf dem Tisch, die Zeit drängt. Wir erwarten, dass der Vorstand unter seiner Führung schnell Lösungskonzepte entwickelt und die Arbeitnehmerseite dabei eng einbezieht.“
Am Tag nach dem Tag der Arbeit wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Stahlwerk an der Kaiser-Wilhelm-Straße erwartet. Es geht darum, dass Steinmeier sich ansehen will, wie die Zukunft von Thyssenkrupp genau gestaltet wird. Ganz genau werden sie das wohl bis dahin nach dem Abgang von Martina Merz selbst noch nicht wissen.
Korrektur: In einer ursprünglichen Fassung des Artikels stand, dass Martina Merz den Besuch des Bundespräsidenten in Duisburg wohl verpassen werde. Tatsächlich, heißt es aus dem Unternehmen, habe sie die Absicht, bei dem Termin anwesend zu sein. Wir haben die Stelle nachträglich korrigiert.
Lesen Sie hier, woran sich die Kritik an Martina Merz genau festgemacht hat – und was ihr vor allem intern vorgeworfen worden ist.