ThyssenKrupp Was wusste Peer Steinbrück?

Der SPD-Politiker saß seit Anfang 2010 im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp. Auch bei der WestLB gehörte er einem wichtigen Gremium an. Doch nachher wollte er vom Desaster bei der Landesbank nichts gewusst haben.

Wie Berthold Beitz ThyssenKrupp prägte
Berthold BeitzDer Vorsitzende der Krupp-Stiftung hätte am 26. September 2013 seinen 100. Geburtstag gefeiert, doch er starb Ende Juli in seinem Ferienhaus auf Sylt. Sein wichtigster Mann im Konzern war über viele Jahre Gerhard Cromme, zunächst als Vorstandsvorsitzender von Krupp und ThyssenKrupp, später als Aufsichtsratschef. Cromme sollte auch den Stiftungsvorsitz übernehmen, wenn Beitz einmal nicht mehr sein sollte. Doch im März 2013 war plötzlich alles aus. Cromme trat von allen Ämtern zurück. Zuvor hatte es Razzien wegen des Verdachts auf Kartellabsprachen bei Karosseriestahl gegeben. Cromme fiel bei Beitz in Ungnade. 2011 erschien eine Biographie über Beitz, die er vor Drucklegung absegnete. Infolgedessen ist dort nun wenig Kritisches zu lesen. Eine überragende Position nimmt Beitz in der Nazizeit ein. Er ist zwar kein Widerstandskämpfer, rettet aber - ähnlich wie Oskar Schindler - hunderten von Juden das Leben, indem er sie als Direktor der Karpathen-Öl in Russland anstellt und somit vor dem Tod bewahrte. Quelle: dpa
Berthold Beitz, Alfried Krupp Quelle: ThyssenKrupp AG
Villa Hügel Quelle: AP
Alfred Krupp Quelle: ThyssenKrupp AG
Margarethe Krupp, Bertha Krupp
Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Quelle: dpa
Radreifen-Skizze von Alfred Krupp Quelle: ThyssenKrupp AG

Er gilt als Schnellredner, Schnelldenker und Analytiker von Rang: Aber das Milliardendesaster der neugebauten Stahlwerke von ThyssenKrupp in Brasilien und Alabama (USA) hat auch er nicht verhindern können. Das sagen ThyssenKrupp-Manager, kurz nachdem bekannt wurde, dass Steinbrück wegen seiner Kanzlerkandidatur aus dem Aufsichtsrat des Stahlriesen von der Ruhr ausscheidet und durch einen unbekannten früheren Krupp-Manager aus der Krupp-Stiftung ersetzt wird.

Beiräten, Kuratorien und Aufsichtsräten von Dax-Konzernen gehören auch Politiker an, die dort mehr oder weniger eine repräsentative Funktion erfüllen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zum Beispiel gehört dazu, sie ist zwar Mitglied des Kuratoriums des mächtigsten ThyssenKrupp-Aktionärs Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, hat aber dort neben dem Stiftungschef Berthold Beitz, 99, wenig zu sagen. Es wird lediglich über Fördergelder für Kunst und Kultur gesprochen, Beitz duldet keine Redebeiträge oder Fragen, sagt ein Stiftungsinsider.

Aus der ThyssenKrupp-Bilanz 2011/2012

Peer Steinbrück aber war nicht so ein Mithörer, der mehr oder weniger zur Zierde dem Gremien angehört. Steinbrück zählte zu dem inneren Machtzirkel des ThyssenKrupp-Aufsichtsrates, dort wo Milliardeninvestitionen von der Größe und strategischen Bedeutung von Brasilien und Alabama eingehend besprochen und überprüft wurden. Der frühere SPD-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Bundeswirtschaftsminister war von Anfang 2010 bis jetzt Mitglied des „Strategie, Finanz- und Investitionsausschuss“ im ThyssenKrupp-Aufsichtsrat, dem obersten Gremium, dass über die Investition der beiden Stahlwerke in Übersee entschied und sich über die Kostenexplosion von drei auf zwölf Milliarden Euro unterrichten ließ.

Peer Steinbrück, 65, gelernter Volkswirt, saß in den vergangenen zwei Jahren in diesem Gremium, dem nur acht Mitglieder angehören, direkt neben ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Nun wird deutlich: Im Investitionsausschuss wurden Fehlinvestitionen beschlossen, die den Fortbestand des Konzerns in seiner jetzigen Form gefährden.

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