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ThyssenKrupp Der tiefe Fall des Gerhard Cromme

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Wie unschuldig ist Cromme wirklich?

Die Tatorte der Stahlkartelle
ThyssenKrupp fördert AufklärungMitarbeiter, die mehr über die Kartell- und Korruptionsfälle beim Industriekonzern wissen, sollen jetzt auspacken, ohne mit Entlassung oder Schadenersatzklagen rechnen zu müssen. Konzernchef Heinrich Hiesinger hat ein Amnestieprogramm aufgelegt - bis zum 15. Juni können Beschäftige gefahrfrei ihr Schweigen brechen. Die harten Sanktionen gegen Mitarbeiter, die an Kartellen beteiligt waren, hatten dazu geführt, dass sich niemand mehr zu den Vorfällen äußern wollte. ThyssenKrupp war an mehreren Kartellen in den Bereichen Schienen, Aufzüge und wohl auch Autoblech beteiligt. Die Details. Quelle: dpa
AutoblechDas Bundeskartellamt verdächtigt ThyssenKrupp, Preisabsprachen für Autoblech getroffen zu haben. Am 10. April 2013 wurde bekannt, dass die deutsche Autoindustrie möglicherweise seit über einem Jahrzehnt zu viel beim Stahleinkauf bezahlt hat. Schon seit dem Jahr 1998 hätten sich die Konzerne ThyssenKrupp, Voestalpine und ArcelorMittal beim Verkauf von Autoblechen abgesprochen, berichtete das "Handelsblatt" unter Berufung auf Branchenkreise. Diese Jahreszahl sei auch in einer Anzeige vermerkt, die anonym beim Bundeskartellamt eingereicht worden ist. Die Behörde hatte Ende Februar Büros und Privaträume von Mitarbeitern der drei Konzerne durchsucht und umfangreiche Unterlagen beschlagnahmt. Im September 2013 hat das deutsche Bundeskartellamt Lieferanten von Autoblechen, Hutablagen und Kofferraumisolierungen durchsucht. Die Industrie rechnet nun mit weiteren hohen Strafzahlungen, mindestens im dreistelligem Millionenbereich. Allein der deutsche Wälzlagerspezialist Schaeffler hatte unlängst 380 Millionen Euro wegen zu erwartender Bußgelder zurückgestellt. Quelle: gms
Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, dann drohen den Unternehmen neben einem hohen Bußgeld auch Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe. Allein ThyssenKrupp erzielt im europäischen Stahlgeschäft ein Drittel des jährlichen Umsatz von elf Milliarden Euro mit der Automobilindustrie. Die Geschädigten: Die Deutschen Autobauer wie Volkswagen, Mercedes und BMW - die seit Jahrzehnten dem Stahlunternehmen aus Essen die Treue halten, obwohl andere Hersteller zum Teil preiswerter anbieten. Auch Daimler, Ford und General Motors mit seiner deutschen Tochter Opel zählen zu den wichtigsten Kunden. Vertreter von ThyssenKrupp und Voestalpine betonten im Bericht des "Handelsblatt", dass sie intensiv an der Aufklärung der Vorwürfe arbeiteten. Quelle: dpa
Schienen und WeichenDer Stahlriese ThyssenKrupp nannte die an den Absprachen beteiligten Unternehmen auch "Schienenfreunde". Den Schaden hatten die Nahverkehrsbetriebe der Kommunen, die den Stahlunternehmen drei Jahrzehnte lang überteuerte Schienen und Weichen abkauften. Auch die Deutsche Bahn gehörte zu den Opfern. Sie verklagte ThyssenKrupp im Dezember 2012 auf Schadensersatz in Höhe von 550 Millionen Euro. Auch einige Städte bereiten eine Klage gegen ThyssenKrupp vor. Die Preise hatte ThyssenKrupp gemeinsam mit dem österreichischen Konzern Voestalpine und dem Bahntechnikunternehmen Vossloh ausgehandelt. Das Bundeskartellamt erließ gegen den Essener Stahlriesen bereits ein Bußgeld in Höhe von 103 Millionen Euro. Weitere Bußgeldbescheide in Millionenhöhe erhielten die seit 2010 zum Vossloh-Konzern gehörende Firma Stahlberg Roensch und die Voestalpine-Töchter TSTG Schienen Technik und Voestalpine BWG. Quelle: dpa
Arcelor Mittal wusste von den Preisabsprachen auf dem deutschen Schienenmarkt - und schwieg gegenüber den Behörde, wie das Handelsblatt seiner Zeit in Erfahrung brachte. Ab dem Jahr 2009 wurde der Weltmarktführer einer der größten Lieferanten der Bahn. Da Arcelor-Mittal gewusst habe, wie das Kartell ticke, sei es ein Leichtes gewesen, die Preise des Kartells zu unterbieten, hieß es in der Branche, so das Handelsblatt im November 2011. Juristisch war Arcelor-Mittal nicht verpflichtet, Behörden und Bahn über das Kartell zu informieren. Ob der Konzern moralisch richtig handelte, ist eine andere Frage. Quelle: dpa
AufzugskartellDie Städte und die Bahn verklagen ThyssenKrupp auch wegen des Verdachts auf Preisabsprachen bei Aufzügen und Rolltreppen.
Die EU-Kommission hatte schon 2007 wegen des Aufzugskartells eine Geldbuße in Höhe von fast einer Milliarde Euro verhängt. Die betroffenen Unternehmen: der US-Gigant Otis, Schindler AG aus der Schweiz, Kone aus Finnland - und ThyssenKrupp. Die Deutschen übernahmen den Löwenanteil von 480 Millionen Euro. Später korrigierte ein EU-Gericht den Betrag auf 320 Millionen Euro. Quelle: dpa/dpaweb

Es ist noch zu früh, diese Fragen zu beantworten. Es scheint, als ob sich nicht nur ThyssenKrupp, sondern das ganze Ruhrgebiet in Schweigen hüllt wegen des Schock-Rücktritts. Für einige ist es auch ein Befreiungsschlag, für ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger zum Beispiel, der nun nicht mehr im Schatten des allmächtigen Cromme agieren muss. Er ist der neue, ganz starke Mann bei ThyssenKrupp – und weit darüber hinaus.

In München greift dieses Schock-Schweigen des Ruhrgebiets nicht um sich. Und in München, dem Sitz von Siemens, wird auch die Antwort zu suchen sein auf die letzte Frage, die im Fall Cromme nun noch offen ist. Die Frage, ob sich Cromme nun nach seinem Rücktritt von allen Ämtern bei ThyssenKrupp noch als Aufsichtsratschef von Siemens halten kann. In München nämlich haben noch einige Manager eine Rechnung mit Gerhard Cromme offen. Mit Cromme, der als Aufsichtsratschef gnadenlos jeden verfolgte, der nur in den Verdacht geriet, in Mauscheleien verwickelt zu sein. Der Konzern war in einen milliardenschweren Korruptionsskandal verwickelt gewesen, Cromme galt als harter Aufräumer.

Aber dass auch er in der fraglichen Korruptionszeit dem Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat vorsaß, wurde fleißig unter den Teppich gekehrt. Ein Gutachten, wie so oft im Berufsleben des Gerhard Cromme, ergab seine Unschuld. Kann er nun nach seinem Rücktritt in Essen noch Aufsichtsratschef von Siemens bleiben? Hat er dort noch die Autorität, den Mann mit der weißen Weste zu geben?, fragt ein Siemens-Manager despektierlich.

Fehlte ein Entlastungsgutachten jetzt zum Schluss bei ThyssenKrupp? Was macht Berthold Beitz nun allein auf dem Thron auf dem Hügel in Essen, dem inzwischen zum Museum mutierten früheren Wohnhaus der untergegangenen Industriellenfamilie Krupp? Wie will Beitz nun als alleiniger Großaktionär von ThyssenKrupp agieren, so ganz ohne designierten Nachfolger?

Industrie



Ein König ohne Kronprinz, das ist wie ein Cromme ohne Gutachten, welches ihn im letzten Moment noch entlastet. Es wird viele Bewerber geben, die nun auf dem Hügel auf der Matte stehen: In München wird schon der scheidende Linde-Chef Wolfgang Reitzle genannt.

Mit Cromme tritt ein ganz Großer von der Bühne ab. Ein Industriekapitän der alten Schule, der die erste feindliche Übernahme wagte, die es in Deutschland gab. Der die Wut Tausender von Stahlarbeitern auf sich zog, als er deren Arbeitsplätze wegrationalisierte, die nach den Fusionen nicht mehr nötig waren. Und der bei Siemens wie ein Großinquisitor auftrat, dessen heiliger Zorn, das vermeintlich korrupte Management hinwegzufegen drohte.

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