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TNK-BP Wie das britische Russland-Abenteuer zum Kreml-Krimi wurde

Es sollte eine Investition in die Zukunft der Ölförderung sein. Doch am Ende handelte sich der britische Konzern BP mit seinem Russland-Abenteuer vor allem Ärger ein. Ein grotesker Wirtschafts- und Politkrimi entflammte.

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Der britische Ölriese TNK-BP steigt aus dem russischen Abenteuer aus. Quelle: Reuters

Düsseldorf Im Jahr 2003 feierte der britische Ölkonzern BP den Einstieg in die russische Erdölförderung. Der damalige Konzernchef John Browne schmiedete ein Gemeinschaftsunternehmen mit russischen Oligarchen, die ihre Ölförderanlagen unter einer Allianz unter dem Namen Alfa-Access-Renova (AAR) zusammengeschlossen hatten. Die milliardenschwere Beteiligung an dem Joint Venture TNK-BP sollte den Briten den Zugang zu den sibirischen Ölquellen sichern.

Doch die Feierlaune der Briten verflog rasch. Zwischen BP und den russischen Oligarchen verschärfte sich der Ton. Ein Streit um die strategische Ausrichtung und Fragen der guten Unternehmensführung brach los. BP sah das Joint Venture als langfristige Investment, die russischen Partner dagegen drängten auf rasche Gewinne.

Der damalige Chef von TNK-BP, der BP-Manager Bob Dudley, setzte zudem rigoros westliche Bilanzierungsstandards durch – und brachte die Oligarchen gegen sich auf. Offen brach der Konflikt schließlich im Jahr 2008 aus. Sogar der Kreml mischte sich ein – und stellte sich auf die Seite der heimischen Milliardäre.

Die Regierung startete eine ganze Serie von Schikanen gegen BP. Die Behörden durchsuchten Büros. Angeblich gab es Unregelmäßigkeiten  Die Techniker von BP durften nicht mehr in Russland arbeiten. Schließlich kam es zum Eklat: Der damalige Chef von TNK-BP, der BP-Manager Bob Dudley, musste in einer Nacht-und Nebel-Aktion das Land verlassen. Angeblich war sein Visum ausgelaufen.

Hinter der Einmischung des Kremls steckte mehr als eine patriotische Parteinahme für die heimischen Oligarchen. Die Regierung will die Macht über die heimische Industrie wiedererlangen. Viele Branchen waren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er Jahren hastig privatisiert worden. Besonders die reichen Rohstoffquellen des Landes wollen die Machthaber um Präsident Wladimir Putin wieder unter ihrem Einfluss wissen.

Die Strategie des Kremls offenbarte sich schon 2004. Damals drängte Putin den Gaslieferanten Gazprom und den Ölkonzern Rosneft zu einer Fusion. Doch der damals 7,6 Milliarden schwere Zusammenschluss kam letztlich nicht zustande. Die beiden Konzerne konnten sich trotz Druck aus dem Kreml nicht auf die Details der Fusion einigen.


Kreml greift nach den heimischen Rohstoffen

Zudem räumten die Machthaber den Putin-Kritiker Michail Chodorkowski und seinen Ölkonzern Yukos aus dem Weg. Chordorkowski wurde in spektakulären Prozessen wegen Steuerhinterziehung, Unterschlagung und Geldwäsche zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, Yukos musste in die Insolvenz und wurde zerschlagen. Damit begann der Aufstieg des staatseigenen Konzerns Rosneft.

Dieser übernimmt nun die BP-Anteile an TNK-BP. Die Lage zwischen den Briten und AAR hatte sich nie wieder gänzlich entspannt. Zwar schlossen die Parteien noch 2008 eine Art Friedensvertrag. Dudley zog sich zurück und die Oligarchen installierten bei TNK-BP einen Firmenchef aus den eigenen Reihen.

Doch 2011 kam es wieder zu Streitigkeiten, als BP eine Partnerschaft mit Rosneft anstrebte, um Öl- und Gasvorkommen in der Arktis auszubeuten. Die Anteilseigner von TNK-BP warfen den Briten Vertragsbruch vor. BP hätte zuerst mit TNK-BP seine Arktis-Pläne ausloten müssen.

Nach diesen Querelen begann BP, nach einem Ausstieg aus seinem russischen Abenteuer zu suchen. Das Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP hat den britischen Ölkonzern BP zwar reich gemacht. Im Laufe von neun Jahren kamen 19 Milliarden Dollar zusammen. BP hatte der Anteil damals sieben Milliarden Dollar gekostet. Aber die Briten wurden niemals wirklich glücklich mit dem Engagement.

Doch selbst der Ausstieg geriet am Ende holprig. Mal sollten die Oligarchen den Ölförderer komplett übernehmen, mal Rosneft. Am Ende dürfte der frühere TNK-BP-Chef und heutige BP-Konzernlenker Dudley dankbar über das Ende des russischen Abenteuers sein.

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