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ToilettenpapierEssity-Werke in Neuss und Witzenhausen stehen zum Verkauf

Der Toilettenpapierproduzent Essity bereitet sich auf einen harten Winter vor. Der Hersteller von Zewa, Tempo und Tork hofft auf den Industriestrompreis – und will zwei seiner vier deutschen Werke verkaufen.Nele Husmann 04.10.2023 - 14:27 Uhr

Am Essity-Standort in Neuss werden unter anderem Tempo-Taschentücher hergestellt.

Foto: imago images

Der größte europäische Hersteller von Hygienepapieren, Essity mit Marken wie Zewa, Tempo und Tork, plant den Verkauf seiner Handelsmarken-Produktion. Insgesamt sieben Werke sind betroffen – zwei davon in Deutschland, der Rest in Italien, Belgien und Frankreich. Hierzulande könnten die Produktionen im nordrhein-westfälischen Neuss und im hessischen Witzenhausen abgegeben werden.

In der Vorbereitung wurden bereits die Produktionslinien für Tempotaschentücher von Neuss nach Mannheim verlagert. Dafür zog die Private-Label-Produktion von Mannheim nach Neuss. Das Geschäft lohnt sich angesichts des Risikos nicht mehr: „Die Kostensituation ist insgesamt zu volatil angesichts der Gewinnmargen“, sagt Essity-CEO Magnus Groth. „Die Absicherung des Energiepreises reicht nicht, auch der Preis für Zellstoff schwankt weiterhin stark.“ Noch aber steht kein Käufer bereit. 

Hygienepapierhersteller haben seit der Coronapandemie mit den Hamsterkäufen und Lieferkettenengpässen noch nicht wieder voll ins Gleichgewicht zurückgefunden. Die durch den Ukrainekrieg ausgelösten Energiepreiserhöhungen sorgen für zusätzliches Ungemach. Der deutsche Traditionshersteller Hakle ging sogar in die Insolvenz und musste die Markenrechte an den Branchenzweiten Sofidel nach Italien verkaufen.

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Genauso wichtig aber findet Groth, dass der Spitzenausgleich für energieintensive Unternehmen doch erhalten bleibt. Das ermöglicht Unternehmen aus Branchen wie Papier, Zement oder Stahl sich die Energiesteuer um bis zu 90 Prozent erstatten zu lassen. Der aktuelle Haushaltsentwurf sieht vor, ihn ab 2024 zu streichen: „Die Abschaffung würde für Essity in Deutschland mehr als zehn Millionen Euro Mehrkosten bedeuten“, sagt Groth. Bei einem so voluminösen Material wie Toilettenpapier ist eine Verlagerung der Produktion weg von den Verbrauchern nicht kosteneffizient, ein Wegsiedeln scheidet also aus. Steuerliche Mehrkosten würden stattdessen voll an die Verbraucher weitergereicht, so Groth. Die politischen Entscheidungen hätten aber keine Auswirkungen auf den geplanten Verkauf der Handelsmarken. 

Fit für den Winter

Die Vorbereitungen für den Winter laufen auf Hochtouren bei Essity. Der schwedische Konzern hat in einen eigenen LNG-Terminal investiert, wo im Notfall LKWs mit Lieferungen von Flüssiggas entladen können: „Wir sind vorbereitet“, sagt Magnus Groth, der Konzernchef aus Stockholm. „Wir werden auch dann unsere Produktion aufrechterhalten, wenn die deutschen Pipelines leer bleiben sollten.“ Zehn Tanklaster pro Tag wären nötig dafür – die Optionen auf den Bezug des LNG habe Essity sich bereits gekauft. 70 Prozent des Energiebedarfs habe der Hersteller von Toilettenpapier und Hygieneartikeln am Terminmarkt abgesichert, mit 30 Prozent geht er am Spotmarkt ins Risiko.

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Schon im vergangenen Winter produzierte Essity durchgehend, während mancher Konkurrent die Fabrikation stilllegte, als die Energiepreise im September und Oktober des vergangenen Jahres auf ein Mehrfaches der üblichen Kosten ausuferten.

Mit Stroh und Wasserstoff zukunftsfähig

Essity experimentiert gern. Vor zwei Jahren hatte der schwedische Hersteller in Mainz die erste Produktion mit Zellstoff aus Stroh eröffnet. Schon mischt der Konzern seinen Zewa-Toilettenpapieren zehn bis 15 Prozent des nachhaltigen, lokalen Rohstoffs bei. Für eine Ausweitung auf andere Werke aber ist es noch zu früh: „Unser Ziel ist, pro Tag 100 Tonnen Zellstoff aus Stroh herzustellen – aktuell aber schaffen wir nur 60 bis 70 Tonnen“, sagt Groth. Der chemikalische Prozess, Lignin aus Stroh zu extrahieren, sei neu und das Unternehmen müsse noch lernen.

Essity stellte auch eine Produktionslinie in Kostheim auf den Betrieb mit Wasserstoff um – die Stadtwerke Mainz können grünen Wasserstoff aus einer nahegelegenen Windkraftanlage liefern: „Zum Winter planen wir, aus dieser Anlage ein CO2-neutralisiertes Toilettenpapier auf den deutschen Markt zu bringen“, sagt Groth. Essity verfolge das Ziel, bis 2030 insgesamt 35 Prozent weniger CO2 auszustoßen als 2016. 

In einem Pilotprojekt mit dem Papiermaschinenhersteller Voith überdenkt Essity den Produktionsprozess von Hygienepapier auch ganz grundlegend: „Seit 100 Jahren gab es keine Innovation bei der Papierherstellung“, sagt Groth. Aktuell sei im Prozess eine Pulpe mit 99 Prozent Wassergehalt nötig, der später energieintensiv herausgetrocknet werden müsse. Ziel sei, mit einer dickeren Pulpe Wasser und Energie in der Herstellung zu sparen.

Auch sonst übt sich Essity in Innovationen: In Mexiko führte Essity ein Toilettenpapier mit geruchsneutralisierendem Kern ein. Dort ist es üblich, das Papier nicht herunterzuspülen, sondern in Mülleimern zu sammeln. Ein Präparat blockiert speziell die Rezeptoren für schlechte Gerüchte in der Nase. Unter dem Namen Zewa Lufterfrischer ist das Produkt inzwischen auch im deutschen Handel.

Lesen Sie auch: Warum Hakle seine Traditionsmarke verkaufen musste – und sich bald mit der Produktion von Handelsmarken über Wasser halten muss

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