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Übernahme durch AMS Osram ringt mit österreichischem Bieter

Osram wehrt sich gegen die Kaufofferte des österreichischen Konkurrenten AMS. Quelle: dpa

Die Übernahmeofferte des Sensorikherstellers AMS ist nicht willkommen. Doch bei allzu großem Widerstand drohen Schadenersatzklagen.

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Mitten in München ereignete sich in den vergangenen Tagen Bemerkenswertes. Manch einem erschien es gar als schlechtes Omen. Am Karlsplatz, von den Einheimischen Stachus genannt in Erinnerung an die einst gleichnamige Gaststätte an diesem Ort und ihren Wirt Mathias Eustachius Föderl, wurde ein Denkmal gestürzt. „Osram, hell wie der lichte Tag“ prangte dort 60 Jahre lang als Leuchtreklame an den neobarocken Gebäuden zu beiden Seiten des Rondells. Nun musste der Schriftzug weichen: Die Leuchtstoffröhren waren weder besonders umwelt- noch wartungsfreundlich, und für eine Umrüstung auf moderne LEDs wollte die Stadtverwaltung keine Genehmigung erteilen.

Also ging das Osram-Licht hier für immer aus. Ausgerechnet mitten im Übernahmekampf um das Münchner Traditionsunternehmen, das selbst wie eine Art Denkmal zur Stadt gehört, und dessen mögliche Zerschlagung deshalb vor allem die Arbeitnehmervertreter mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern wollen. Bei ihrem Widerstand gegen eine Kaufofferte des österreichischen Konkurrenten AMS bewegen sie sich allerdings auf einem ebenso schmalen wie riskanten Grat: Wie bereits in früheren Fällen könnten Aktionäre Schadenersatzklagen anstrengen, wenn sie sich um ihren Gewinn gebracht sehen.

„Einem aktivistischen Aktionär ist die IG Metall egal und auch, dass in Deutschland sogar die Bundeskanzlerin vor ihr Respekt hat,“ heißt es in Industriekreisen. Würde das für die Aktionäre lukrativere Angebot von AMS verhindert, etwa weil die Gewerkschaft massiv darauf hingewirkt hat, könnte es teuer werden. Erinnert sei nur an die Übernahme von Kabel Deutschland durch Vodafone 2013. Der britische Telekommunikationskonzern ließ sich den Kauf inklusive Schuldenübernahme rund 10,7 Milliarden Euro kosten. Bis heute streiten Vodafone und ehemalige Aktionäre von Kabel Deutschland – allen voran der US-Hedgefonds Elliott – vor dem Münchner Landgericht darüber, ob die Barabfindung nicht um 3 Milliarden Euro zu niedrig war. Eine Entscheidung wird für November erwartet.

60 Jahre lang prangten die Worte „Osram, hell wie der lichte Tag“ als Leuchtreklame an einem Gebäude am Karlsplatz in München. Quelle: imago images

Im Fall von Osram bietet der Sensorikhersteller AMS aus Premstätten in der Steiermark mit 38,50 Euro je Osram-Aktie 3,50 Euro mehr als die beiden Private-Equity-Gesellschaften Bain und Carlyle. Da AMS aber dreimal weniger Umsatz macht als Osram und sich für die Übernahme in Höhe von mehreren Milliarden Euro verschulden müsste, gibt es erhebliche Zweifel an der Machbarkeit der Pläne. Selbst die von AMS ausgesprochene Bestandsgarantie für die deutschen Osram-Standorte und die Ankündigung von mehreren hundert neuen Stellen etwa im Regensburger Werk kann das Misstrauen nicht reduzieren. Im Gegenteil. Das sei eine „vergiftete Praline“, argwöhnen Mitarbeiter. Zumal AMS gleichzeitig mit Synergien von 300 Millionen Euro pro Jahr kalkuliert und Teile des Unternehmens wie etwa das Digitalgeschäft veräußern will. Synergien sind bei Übernahmen normalerweise gleichbedeutend mit Stellenabbau. Bei Osram hat man das durchgerechnet – und ist auf mindestens 2500 weltweit zu streichende Jobs gekommen.

Deshalb hat die IG Metall nach einem ersten negativen Votum gegen AMS in den vergangenen Tagen noch einmal nachgelegt. Nach den Osram-Aktionären, die ihre Papiere bis Anfang Oktober einem der beiden Bieter andienen können, berührt sie nun den vermeintlich wunden Punkt der AMS-Aktionäre. „Die IG Metall wird eine Zerschlagung von Osram nicht hinnehmen,“ erklärte eine Sprecherin. „Diese dann zu erwartende Auseinandersetzung kann nicht im Interesse der hinter AMS stehenden Investoren sein,“ schickte sie eine wenig verklausulierte Drohung hinterher. Dem Vernehmen nach soll der angekündigte Krach inklusive möglicher Protestaktionen die Kosten für die Österreicher derart in die Höhe treiben, dass deren Aktionäre vor einer Übernahme zurückschrecken und entsprechend in Premstätten intervenieren.

„Theoretisch ließe sich aus Gewerkschaftssicht eine Übernahme dadurch erschweren, dass man kollektivarbeitsrechtliche Hemmnisse im Betrieb kreiert, die es einem Bieter erschweren würden, seine Ziele zu erreichen,“ sagt Mario Schulz, auf Unternehmensübernahmen spezialisierter Kapitalmarktrechtler der Prüf- und Beratungsgesellschaft Rödl & Partner in München. Die IG Metall habe zwar kein formales Verhinderungsinstrument in der Hand. Die Einflussmöglichkeiten durch öffentliche Äußerungen seien aber nicht zu unterschätzen. In der Tat werde die Auseinandersetzung längst im öffentlichen Raum geführt.

Die IG Metall hat dabei auch im Blick, dass AMS-Anteilseigner bei einer Hauptversammlung eine Kapitalerhöhung von 1,5 Milliarden Euro absegnen müssen, mit der ein Teil der Übernahme finanziert werden soll. Deshalb hat sie sich sogar direkt an den größten AMS-Anteilseigner gewandt: Temasek, eine Investmentgesellschaft der Regierung von Singapur, dürfte sich über die Post aus Deutschland gewundert haben. Der Vorstoß ist durchaus als ungewöhnlich einzustufen.

„Generell ist der Widerstand nur schwer nachzuvollziehen, denn durch die AMS-Übernahme würde ein internationaler Champion entstehen,“ kritisiert Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Dadurch könnten seiner Überzeugung nach bestehende Arbeitsplätze gesichert und wohl zukünftig viele neue Stellen geschaffen werden. „Es scheint, als würden die Gewerkschafter hier eher Partikularinteressen verfolgen als Interessen der Gesamtbelegschaften.“

Kapitalmarktrechtler Schulz weist darauf hin, dass die von vielen Seiten lancierten Botschaften und Gerüchte sehr vorsichtig gehandhabt werden müssten. „Die Äußerungen der IG Metall sollen natürlich in erster Linie von den Osram-Aktionären gehört werden. Aber auch der Vorstand von Osram wird diese sehr genau zur Kenntnis nehmen.“ Darüber hinaus habe die IG Metall Einflussmöglichkeiten über den Betriebsrat und auch über den Aufsichtsrat von Osram.

Laut Kapitalmarktrecht ist die Firmenleitung dem Unternehmensinteresse verpflichtet und unterliegt bei Übernahmeangeboten dem Neutralitätsgebot. Beides immer unter den kritischen Augen der Kapitalmarktteilnehmer. Deshalb wäre es rechtlich bereits mehr als riskant gewesen, wenn die Osram-Führung das ursprünglich mit AMS vereinbarte Stillhalteabkommen nicht aufgelöst und damit die Vorlage eines Übernahmeangebots unmöglich gemacht hätte. Sie machte am 21. August den Weg schließlich frei, wenngleich zögerlich und mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass „noch kein ausreichendes Verständnis erzielt“ werden konnte über die Ausrichtung der Geschäfte, die globale Standortstrategie und das Integrationskonzept. Fragen sind nicht nur bei den Arbeitnehmern offen.

Eine Pflichtverletzung von Vorstand und Aufsichtsrat macht SdK-Chef Bauer bisher nicht aus. Das Risiko von Schadenersatzansprüchen bestehe bislang allenfalls abstrakt, meint Kapitalmarktrechtler Schulz. Die nächste Gratwanderung steht mit der begründeten öffentlichen Stellungnahme an, die Osram zu dem AMS-Gebot abgeben muss. Bei Bain und Carlyle sprachen sich Vertreter des Kapitals und der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat geschlossen dafür aus. Jetzt dürfte die Formulierung komplizierter sein. Die Frist dafür läuft Mitte übernächster Woche aus.

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