Übernahme-Poker Staatspatriotismus bringt Siemens zu Fall

Den Münchnern und ihren japanischen Partnern von MHI bleibt die Tür zum französischen Alstom-Konzern versperrt. Womöglich ist das keine schlechte Nachricht.

Wie die Chancen beim Kampf um Alstom stehen
Siemens Quelle: REUTERS
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Die französische Flagge Quelle: dpa

Siemens und sein japanischer Allianz-Partner Mitsubishi Heavy Industries (MHI) haben den Kampf um Alstom verloren. Das Risiko, dass die seit acht Wochen geführte Übernahmeschlacht mit einer Niederlage enden würde, war von Anfang an sehr hoch. Rückblickend werden viele zu der Einschätzung gelangen, der französische Staat in Person seines Wirtschaftsministers Arnaud Montebourg habe die Münchner nur benutzt, um den Preis in die Höhe zu treiben und den US-Konkurrenten General Electric (GE) zu massiven Zugeständnissen zu bewegen. Ob die Amerikaner sich nun tatsächlich über einen Sieg freuen können, darf zumindest bezweifelt werden. Frankreich bleibt ein Land, in dem Privatunternehmen nicht Herr im eigenen Haus sind, sondern von der Gunst der Staatsführung abhängen.

Das Tauziehen um Alstom

Als Montebourg bei Siemens vorstellig wurde, um die Konzernführung um Joe Kaeser zu einem Gegenangebot für die GE-Offerte zum Aufkauf der Alstom-Energiesparte zu bewegen, da mag die Idee von der Schaffung zweier europäischer Champions im Energie- und Bahnsektor tatsächlich eine verlockende Vorstellung gewesen sein. In erster Linie aber war der Minister wütend darüber, dass ihn Alstom-Chef Patrick Kron nicht über seine Verhandlungen mit GE-Chef Jeff Immelt informiert hatte. Das wäre nach Überzeugung Montebourgs dessen Pflicht gewesen. Trotz der hohen Schuldenlast Alstoms gilt der Konzern in Frankreich noch immer als einer Industrie-Ikone, und Industriepolitik schreibt bei den Nachbarn seit den Tagen Ludwig XIV. dem Staat eine tragende Rolle zu.

Ob die Wut des Ministers tatsächlich ausgereicht hätte, das von ihm selbst in Windeseile im Mai initiierte Veto-Recht des Staates gegen unliebsame Unternehmensdeals in strategischen Bereichen wie dem Energiesektor gegen GE zu aktivieren, bleibt nun eine offene Frage. Zweifellos hätte eine solche Einmischung außerhalb des eigenen Landes ein negatives Licht auf Frankreich geworfen. Ausländische Investoren, die ohnehin wegen hoher Steuern und Sozialabgaben verunsichert sind, hätte es womöglich nachhaltig abgeschreckt.

Statt dessen wurden die Amerikaner dazu bewegt, dem Vorschlag der Siemens-MHI-Allianz folgend ebenfalls Gemeinschaftsprojekte mit Alstom beim Geschäft mit Turbinen für Offshore-Windkraftanlagen, Wasserkraft und mit Stromnetzen anzubieten. Bei den Dampfturbinen für das in Frankreich besonders sensible Kernkraftwerksgeschäft und für Kohlekraftwerke hatte Immelt am Donnerstag nachgelegt und dem französischen Staat umfassende Mitspracherechte sowie das Recht auf das intellektuelle Eigentum zugesichert.

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