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Umstrittene Gasförderung Imagepolitur für Fracking

Ist die Gasförderung durch Fracking die Antwort auf die Energiesorgen des Westens oder ein riesiges Umweltrisiko? Mit teuren Kampagnen poliert die Branche ihr Image auf doch Negativschlagzeilen kann sie kaum abschütteln.

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Gefährdet Erdgasförderung mit Fracking das Trinkwasser? Quelle: ap

Charlotte Ein Pferd galoppiert über saftige Wiesen, ein Kind schaukelt im Garten und im Hintergrund glitzert ein glasklarer See. In dieser Idylle wird gefrackt – das heißt, Chemikalien werden tief in die Erde gepresst, um das Gestein aufzubrechen und so den Weg zu Erdgas freizumachen. „Jasons Großeltern haben diese Ranch gebaut. Also tun wir unser Bestes, um das zu schützen, was uns gehört“, sagt Jasons Frau Anne, eine robuste Farmerin in Jeansbluse, in die Kamera. „Wir haben die Fakten über Öl- und Gasbohrungen gelernt. Und wisst ihr was? Es ist ungefährlich.“

Diesen Werbespot verbreitet die Organisation „Energy from Shale“, ein Interessenverband der Gasbranche, derzeit im Netz und über das Internetradio Pandora – also über Kanäle, die Zuschauer und Zuhörer per IP-Adresse orten und gezielt ansprechen können. Denn in Bundesstaaten wie Colorado und Pennsylvania, wo die Gasförderung ausgeweitet werden soll, wollen Konzerne den Menschen klarmachen: Es gibt keinen Grund, sich vor Fracking zu fürchten.

Das Video wurde vom American Petroleum Institute finanziert, dem größten Branchenverband für Öl- und Gaskonzerne in den USA. Es ist lange nicht die einzige Initiative der Branche, um ihr Image aufzupolieren. Konzerne geben über speziell dafür geschaffene Organisationen Millionen Dollar für die Kommunikation mit dem skeptischen Bürger aus.

Es gibt unzählige Internetportale, die frackingfreundliche Studien sammeln und gegen die Kritik von Umweltschützern ankämpfen. Die Marcellus Shale Coalition, ein Branchenverband, der die Aktivitäten einer großen Schieferformation im Nordosten der USA abdeckt, veranstaltet jährlich eine Konferenz, bei der Politiker und Umweltschützer zu Debatten eingeladen werden.

Vor kurzem hat die Organisation Fragen von Menschen gesammelt, die in der betroffenen Gegend leben, und sie auf ihrer Webseite beantwortet. Mit gutem Grund: Die wohl größte Hürde für Bürger, die sich informieren wollen, ist die technische und chemische Komplexität des Frackings, die wiederholt zu Ratlosigkeit und Missverständnissen führt.


Bürger lassen sich nicht so einfach besänftigen

Doch weder kritische Aktivisten noch besorgte Bürger lassen sich so einfach besänftigen. Auf der eng mit der Ölindustrie verwandten Erdgasbranche lastet das Erbe von ölverseuchten Ozeanen und anderen Umweltsünden, die bei der Förderung von fossilen Brennstoffen immer wieder vorkommen. Für viele ändert es an ihrem Misstrauen auch nichts, dass durch den Erdgasboom in den USA die Energiepreise sowie die Abhängigkeit von anderen Rohstofflieferanten sinken und zahlreiche Jobs entstehen sollen.

Der Branche macht zu schaffen, dass Kritik und vermeintliche Umweltskandale oft bessere Schlagzeilen ergeben als eine Richtigstellung, die nur mit technischen Details oder Studienergebnissen effektiv sein kann. „Die Kritiker haben Erfolg, denn sie können oft in einem Satz die ganze Branche verleumden. Ausräumen kann man diese Mythen jedoch nicht in einem Satz“, sagt Steve Everley, Kommunikationsdirektor für Energy in Depth, der Informationsplattform der Independent Petroleum Association of America (IPAA). Die Beweispflicht dafür, dass Fracking sicher ist, liegt oft bei der Gasbranche.

Energy in Depth wird von der IPAA finanziert. Wie viel Geld der Organisation zur Verfügung steht, wollte Everley jedoch nicht sagen. Die Marcellus Shale Coalition finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen sowie aus Einkünften von Konferenzen und anderen Dienstleistungen. Jährlich stehen ihr etwa 15 Millionen Dollar zur Verfügung.

Trotz ihrer Anstrengungen werden die am Fracking beteiligten Konzerne von Negativschlagzeilen verfolgt. Als es in Colorado, einem Zentrum der amerikanischen Gasförderung, zu Überschwemmungen kam, kursierten im Internet Fotos von gefluteten Bohrstellen und in den Köpfen die Ängste vor einer Umweltkatastrophe. „In Colorado machten Umweltgruppen schon Anschuldigungen, bevor eine Verschmutzung des Grundwassers überhaupt festgestellt wurde – das sagt doch viel über die Kritiker aus“, sagt Everley. Die Verschmutzung, die später tatsächlich festgestellt wurde, sei durch Abwasser entstanden, nicht durch Gasbohrungen, sagt er.

Ein mit gefährlichen Chemikalien verschmutztes Grundwasser ist für US-Bürger laut Energy in Depth der größte Angstfaktor. Dass es bestimmte Gefahren gibt, muss die Branche zugeben: „Fracking ist kein risikofreier Prozess, genau wie jede andere Art der Energiegewinnung. Die Frage ist: Können wir mit diesem Risiko umgehen?“, sagt Everley.

Wie einige Firmen in der Branche mit dem Risiko umgehen, hat sich im Örtchen Mount Pleasant im Bundesstaat Pennsylvania gezeigt. Der Ort liegt im Gebiet des Marcellus-Beckens, wo es große Erdgasvorkommen gibt. Direkt neben dem Grundstück der Familie Hallowich wurde gefrackt: Vier Gasbohrungen, eine Kompressorstation und ein Abwasserbecken standen dort. Plötzlich sollen die Kinder der Familie Halsschmerzen, brennende Augen und Kopfschmerzen entwickelt haben.


Kritik an der Branche steigert die Bedeutung von Transparenz

Die dort aktiven Firmen Range Resources, Williams Gas/Laurel Mountain Midstream und MarkWest Energy beugten einem Gerichtsstreit mit einer Zahlung von 750.000 Dollar an die Hallowichs vor. Im Gegenzug musste die Familie ihr Haus in der Nähe der Gasbohrungen übergeben. Außerdem unterschrieb sie, keine Ansprüche mehr gegen die Firmen zu erheben, und nie mehr über das Marcellus-Becken und Fracking zu sprechen. Dieser Maulkorb gilt laut dem Gerichtsprotokoll auch für die damals minderjährigen Kinder.

Kathryn Klaber ist die Chefin der Marcellus Shale Coalition, dem Interessenverband, der auch die Region um Mount Pleasant abdeckt. Dem Verband gehören etwa 300 Unternehmen an, darunter bekannte Konzerne wie Chevron, Statoil und Halliburton sowie die US-Sparten der deutschen Unternehmen Linde und Dräger. Klaber äußert sich nur ungern zu dem Fall. Eine eigene Meinung habe sie nicht, weil sie die rechtlichen Details nicht kenne. „Das war ein unschöner Fall, aber man muss ihn immer von zwei Seiten betrachten“, sagt sie dazu dem Handelsblatt – mehr nicht.

Energy in Depth hat eine lange Ausführung veröffentlicht, die die Berichterstattung zu dem Fall kritisiert und auf Fehlinterpretationen hinweisen sollen. So heißt es darin, dass Range Resources den Maulkorb gegen die Kinder nicht geltend machen werde. Außerdem gebe es keine medizinischen Beweise dafür, dass die Gesundheitsprobleme der Kinder mit den Fracking-Aktivitäten zu tun hatten. Doch offenbar wollten die Firmen es auf eine solche Ermittlung nicht ankommen lassen.

Der Fall ereignete sich schon 2011, doch erst im vergangenen August konnte eine Lokalzeitung aus Pennsylvania, die Pittsburgh Post Gazette, eine Veröffentlichung der Gerichtsdokumente erwirken. Den Fracking-Unternehmen wäre es wohl lieber gewesen, die Akten wären unter Verschluss geblieben, denn die empörten Schlagzeilen zogen sich um die ganze Welt.

„Die Kritik an der Branche hat die Bedeutung von Transparenz gesteigert“, sagt Klaber. Doch je mehr Studien, Werbevideos und Streitschriften Umweltschützer einerseits und die Gasbranche andererseits verbreiten, desto undurchsichtiger scheint das Thema für den Landbesitzer in den USA, der am liebsten beides hätte: sauberes Trinkwasser und billigen Strom.

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