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Umstrittenes Ackergift Warum Glyphosat, wenn auch heißes Wasser hilft?

Löwenzahn zwischen Wegplatten: Viele Städte verzichten auf Stadtflächen größtenteils auf den Einsatz von Glyphosat zur Unkrautbekämpfung. Quelle: dpa

Ab Ende 2023 darf das Pflanzenschutzmittel Glyphosat in Deutschland nicht mehr verwendet werden. In vielen Kommunen ist das Mittel bereits heute tabu. Doch es gibt eine Alternative: heißes Wasser.

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Die beiden überdimensionalen Kanister fassen 1600 Liter Wasser. Ein Boiler sorgt die nötige Betriebstemperatur. Mit einer Spritze, die an einen Handstaubsauger erinnert, zielt Markus Semler auf den Löwenzahn. Das Wasser ist jetzt auf 98 Grad Celsius erhitzt. Das Unkraut vergeht sofort. Das eben noch aufrecht wachsende Pflänzchen sackt in sich zusammen. Rund 200 Quadratmeter schafft Semler pro Stunde.

Semler ist bei der Kommune Felsberg (rund 10.000 Einwohner) in der Nähe von Kassel angestellt. Gemeinsam mit seinen Kollegen sorgt er dafür, die öffentlichen Parks und Grünanlagen von Unkraut zu befreien. Früher haben sie hier das umstrittene Pflanzengift Glyphosat versprüht. 2015 verbot das Land Hessen jedoch dessen Einsatz auf kommunalen Flächen. Stattdessen haben sie nun in Felsberg für rund 20.000 Euro die Heißwasser-Anlage angeschafft. „Der Effekt ist durchaus vergleichbar“, sagt Semler. In einigen Punkten ist das heiße Wasser sogar Glyphosat überlegen: „Heißwasser darf auch in der Nähe von Kanalisationen gespritzt werden, Glyphosat nicht. Heißwasser darf bis zu achtmal im Jahr aufgebracht werden, Glyphosat nur zweimal.“

Das Zeitalter von Glyphosat geht, zumindest in Europa, zu Ende. Von Ende 2023 an darf Glyphosat in Deutschland ohnehin nicht mehr verwendet werden; so beschloss es die Bundesregierung vor einigen Wochen. In öffentlichen Parks und Grünflächen darf Glyphosat häufig schon heute nicht mehr eingesetzt werden. Viele Kommunen haben sich von dem Pflanzengift verabschiedet. Auch die Deutsche Bahn, neben der Landwirtschaft der größte Nutzer von Glyphosat, arbeitet an alternativen Verfahren wie der Unkrautbekämpfung mittels Stromschlägen oder durch UV-Licht.

Die wichtigsten Fakten zu Glyphosat

Spätestens, seit die internationale Krebsforschungsagentur IARC 2015 feststellte, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei, drehte sich die Stimmung. Der deutsche Bayer-Konzern, einer der größten Hersteller von Glyphosat (Marke: Roundup), hat in den USA drei Prozesse erstinstanzlich verloren, in denen es um die Krebsgefahr von Glyphosat ging; möglicherweise steht bald ein milliardenschwerer Vergleich an. Rund 18.000 Klagen sind in den USA noch anhängig. Bayer weist die Vorwürfe freilich zurück: Glyphosat sei seit Jahrzehnten zugelassen und von den Behörden genehmigt; zahlreiche Studien hätten die Sicherheit von Glyphosat bestätigt.

Doch es hilft wohl nichts: Auf den meisten kommunalen Grünflächen wird Glyphosat, falls überhaupt noch im Einsatz, künftig nicht mehr genehmigt werden. Die städtischen Gärtner sind auf der Suche nach Alternativen. Bei der Gemeinde Felsberg fragen manche schon mal nach, wie es dem Heißwasser-System so läuft.

Dabei hat sich der Einsatz des erhitzten Wassers bislang als beste Alternative erwiesen. Das hessische Unternehmen Tiedemann, das sich als grüner Dienstleister für Städte und Kommunen versteht, hat in den vergangenen Jahren verschiedene Verfahren – von der Hacke über die Wildkrautbürste bis zum Heißluft-Verfahren – durchprobiert. Das Fazit ist auch auf der Website des Unternehmens nachzulesen: „Wer effektiv, kostengünstig, nachwirkend und anhaltend chemiefrei Wildbewuchs beseitigen möchte, kommt schlicht und einfach am Heißwasser-System nicht vorbei.“

Freilich gibt es Einschränkungen: Nicht alle Wildkräuter beugen sich dem heißen Wasserstrahl. Bei einigen sehr hartnäckigen Unkräutern wie dem schwarzen Nachtschatten ist Glyphosat im Vorteil. Und auch für landwirtschaftliche Großflächen erscheint das Heißwasser-System eher unpraktikabel.

Der Deutsche Bauernverband argumentiert ohnehin gegen das Glyphosat-Verbot. „Ein Verbot bringt nicht ein Insekt mehr“, sagt dessen Präsident Joachim Rukwied. Viele Landwirte stellen sich inzwischen darauf ein, künftig ihre Felder wieder zu pflügen, um das Unkraut zu beseitigen. Durch die zusätzlichen Traktorfahrten steige allerdings der Treibstoffverbrauch und es würden mehr Emissionen freigesetzt, warnt Bauernpräsident Rukwied: „Die Klimabilanz verschlechtert sich.“

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