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Unternehmensfusionen "Die Gefahr, übernommen zu werden, steigt"

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Viel spricht für kleinere Deals

Dabei stehen deutsche Unternehmen an sich stark da. Nach der Krise 2008 haben sie intern aufgeräumt, ihr Geschäft stabilisiert und schrittweise ausgebaut. „Mittlerweile stoßen etliche an die Grenzen organischen Wachstums“, sagt Kai Tschöke, Mitglied der Geschäftsführung bei der Investmentbank Rothschild. Eine Welle großer Übernahmen erwartet er dennoch nicht. „Die finden vor allem in Branchen wie Energie statt, in denen Deutschland nicht besonders stark ist“, sagt Tschöke. Die Grenze für Zukäufe sieht er aktuell bei fünf Milliarden Euro.

Selbst die hat in diesem Jahr bisher nur eine Übernahme übersprungen. Die Deutsche Wohnen kaufte die Düsseldorfer LEG Immobilien für knapp acht Milliarden Euro. In ähnlicher Größenklasse spielt sonst nur der Erwerb der italienischen Italcementi durch HeidelbergCement. Andere Großprojekte sind kaum über eine erste Annäherung hinausgekommen. So waren die Gespräche zwischen Axel Springer und ProSiebenSat.1 beendet, bevor sie richtig angefangen hatten. Der Konsumgüterhersteller Henkel interessierte sich zwar heftig für die Procter & Gamble-Tochter Wella, ließ dann aber dem US-Konkurrenten Coty den Vortritt. Mit gutem Grund: Wella war schlicht zu teuer.

Die größten Transaktionen mit deutscher Beteiligung

Dabei hatten im Spätsommer 2014 einige große Zukäufe in den USA für ein Zwischenhoch gesorgt. Der Autozulieferer ZF kaufte den Wettbewerber TRW, der Pharmakonzern Merck übernahm den Laborausrüster Sigma-Aldrich, und der Softwarehersteller SAP verleibte sich Concur ein, einen Spezialisten für Reiseabrechnungen. Die USA sind immer noch ein attraktives Zielland. Doch der gestiegene Dollar-Kurs macht Zukäufe teurer. Das Volumen deutscher Akquisitionen im Ausland sank auch deshalb gegenüber dem Vorjahr um 82 Prozent.

Wegen des schwachen Euro geraten deutsche Unternehmen verstärkt ins Visier ausländischer Konkurrenten. „Die Gefahr, übernommen zu werden, steigt. Bisher ist vor allem deshalb wenig passiert, weil sich US-Unternehmen so stark auf dem Heimatmarkt engagiert haben“, sagt Christian Kames, Leiter des deutschen Übernahmegeschäfts bei der US-Bank Citi. Deutschland gilt in den USA als offenes, erfolgreiches und damit attraktives Land. Arbeitnehmerrechte sind aus US-Perspektive zwar ein Nachteil, verhindern aber keine Übernahmen.

Die größten Transaktionen weltweit

Auch ohne Angriffe aus dem Ausland, drohen deutsche Unternehmen im weltweiten Wettbewerb ins Hintertreffen zu geraten. „In einigen Branchen findet durch die großen Übernahmen oder Aufspaltungen von Unternehmen eine strukturelle Neuordnung statt“, sagt Investmentbanker Fürst. Die deutschen Pharmaunternehmen haben darauf durchaus reagiert. So kaufte Bayer dem US-Konkurrenten Merck das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten ab und trennt sich im Gegenzug von der Kunststoffsparte Covestro. Als aber der US-Agrarkonzern Monsanto jüngst vergeblich um den Schweizer Wettbewerber Syngenta warb, hielten sich Bayer und BASF von Beginn an zurück, obwohl eine Übernahme auch für sie interessant gewesen wäre.

Die deutschen Unternehmen können auch deshalb am Spielfeldrand bleiben, weil ihre Eigentümer sie mehr in Ruhe lassen. „Der Druck der Investoren, Wachstumsperspektiven aufzuzeigen, ist in den USA deutlich größer“, sagt Investmentbanker Kames. Große Aktionäre äußern sich zwar klar zur Strategie, können die aber schon wegen der starken Stellung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat nur schwer beeinflussen. Selbst den Rückkauf eigener Aktien haben sie bisher kaum gefordert, obwohl deutsche Konzerne über viel Bargeld verfügen. In den USA dagegen erzwang etwa der Investor Carl Icahn die Abspaltung des Bezahldienstes PayPal von Ebay.

Gefragte Technik

So schlagen deutsche Unternehmen vor allem zu, um ihr Geschäft im Detail zu ergänzen. „Oft wollen sie sich den Zugriff auf neue Technologien sichern, die ihr Geschäftsmodell verändern, die sie selbst aber nicht so schnell entwickeln können“, sagt Jens Kengelbach, Übernahmeexperte bei der Beratung Boston Consulting. So kauften die deutschen Autobauer Audi, BMW und Daimler gemeinsam den Nokia-Kartendienst Here. Die Deutsche Börse investierte immerhin 725 Millionen Euro in 360T, eine Plattform für den Devisenhandel. Die Porsche Holding beteiligte sich schon 2014 am Verkehrsinformationsdienst Inrix, Daimler übernahm die Taxi-App MyTaxi.

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