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Unternehmenshistorie Als Merck noch Kokain verkaufte – und Freud davon schwärmte

1884 war ein junger Wiener Assistenzarzt namens Sigmund Freud voll des Lobes über ein Produkt aus dem Hause Merck: Kokain. Quelle: dpa Picture-Alliance

Zum 1. Mai hat die Spanierin Belén Garijo die Führung beim Pharma- und Laborkonzern Merck übernommen. Das 352 Jahre alte Traditionsunternehmen aus Darmstadt hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Zu den Top-Produkten zählt einst Kokain.

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Man schrieb das Jahr 1884 als ein Kunde, ein junger Wiener Assistenzarzt, voll des Lobes über ein Produkt aus dem Hause Merck war. Nach einem sechswöchigen Selbstversuch pries Sigmund Freud die „wunderbare stimulierende Wirkung der Coca.“ Coca steht für Kokain. Seiner Verlobten Martha Bernays schrieb Freud: „Ich nehme es regelmäßig gegen Verstimmungen und gegen Druck im Magen mit dem glänzendsten Erfolg in sehr kleinen Dosierungen…“ 

Die Firma Merck, Hersteller des Kokains, war damals bereits über 200 Jahre alt. Gegründet im August 1668 von Friedrich Jacob Merck als Apotheke. Das älteste chemisch-pharmazeutische Unternehmen der Welt. Bis heute hält die Familie die Aktienmehrheit – auch wenn inzwischen familienfremde Manager wie nun die Spanierin Belén Garijo das Geschäft leiten.  

Wahre Wunderwirkungen

Richtig in Fahrt kam die Firma  allerdings erst, als Heinrich Emanuel Merck 1816 die Apotheke übernahm. Mit Emanuel Merck begann die Produktion von Medikamenten in größerem Stil. Die Passion des Apothekers waren pflanzliche Naturstoffe. Merck interessierte sich auch für die südamerikanischen Coca-Blätter, denen schon seit dem 15. Jahrhundert wahre Wunderwirkungen zugeschrieben wurden: Wer davon kaute, dem verliehen sie angeblich unbändige Kraft und Ausdauer. 1860 gelang es den deutschen Chemikern Friedrich Gaedcke und Albert Niemann, die Substanz aus den sagenumwobenen Blättern zu isolieren. Niemann nannte sie „Kokain“. Schon 1862 nahm Merck das neue Produkt ins Sortiment.  



Das Unternehmen  blieb lange der einzige Hersteller von Kokain. Erst produzierten sie in Darmstadt das Mittel in kleinen Mengen. Dann wurden es immer mehr. 1883/1884 lag die Menge bei anderthalb Kilo pro Jahr. 1913, auf dem Höhepunkt, bei 800.000 Kilo. Seit etwa 1905 bezog Merck die Coca-Blätter von einer Plantage auf der indonesischen Insel Java. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Kokain das wichtigste Produkt im weitverzweigten Portfolio von Merck. Der Anteil am Gesamtumsatz lag bei etwa sieben Prozent.

Früh globalisiert

Auch im Ausland war die stärkende Substanz gefragt. Schon früh hatte sich Merck globalisiert und schon im 19. Jahrhundert Auslandsmärkte erschlossen. Erst Asien sowie Nord- und Südamerika, später Afrika und Australien. 

Seinen Kunden pries Merck vor allem die Reinheit seiner Produkte an. Das Morphium der Darmstädter galt als das Beste seiner Art. Einen ähnlich guten Ruf genoss das Kokain. „Garantiert rein“ warb das Unternehmen in einer Anzeige für sein „Cocain Merck“. Ein frühes Markenprodukt. 

Bayer und das Heroin

Nebenwirkungen? Hinweise auf Suchtgefahren? Spielten damals keine Rolle. Aufwändige Arzneiprüfungen durch unabhängige Behörden gab es noch nicht. Den Kollegen bei Bayer ging es ähnlich wie Merck. Das damals noch in Wuppertal beheimatete Unternehmen brachte im 19. Jahrhundert Heroin auf den Markt – als vermeintliches Hustenmittel. Getestet wurde die Substanz an den eigenen Arbeitern. Weil die sich nach der Einnahme so „heroisch“ fühlten, entstand der Name Heroin.

Kurz nach der Jahrhundertwende ging es mit der pharmazeutischen Produktion der stimulierenden Mittel allerdings schon wieder bergab. Der Erfolg des Kokains hatte zahlreiche Wettbewerber angelockt. Gänzlich unumstritten war die Substanz auch nicht mehr. Erste „Verordnungen gegen den Cocainmissbrauch“ wurden erlassen.

Infolge des Ersten Weltkrieges verlor Merck seine Absatzmärkte im Ausland. Die US-Niederlassung etwa beschlagnahmten die Amerikaner als Feindvermögen – diese firmiert seither als unabhängiger, amerikanischer Pharmakonzern unter dem Namen Merck & Co. (und außerhalb der USA und Kanada als Merck, Sharp & Dohme).

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Die Begeisterung von Sigmund Freud für das Merck-Kokain hatte da schon nachgelassen. Der Begründer der Psychoanalyse verbündete sich stattdessen mit dem US-Unternehmen Parke, Davis & Co. aus Detroit, das inzwischen auch vom Kokainmarkt profitieren wollte, dabei aber gegen das als „bedeutend zuverlässigere“ geltende Merck-Präparat ankämpfen musste. Schließlich beauftragte Parke, Davis & Co. Freud mit einem vergleichenden Gefälligkeitsgutachten. Der Wiener Arzt lieferte prompt das gewünschte Ergebnis: Zu teuer und nicht lieferbar sei das Merck-Präparat, schrieb er über seinen einstigen Kokain-Lieferanten.

Mehr zum Thema: Belén Garijo übernimmt die Führung des Traditionskonzerns Merck. Die erste Solo-Dax-Chefin gilt als außergewöhnlich hartnäckig – eine Eigenschaft, die sie für das leicht angestaubte Pharmageschäft gut gebrauchen kann.

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