Update: Tönnies Kein Friede unter Westfalens Schlachtern

Im Streit um die Macht beim Fleischkonzern Tönnies rückt eine Einigung wieder in weite Ferne. Den Vorschlag seines Neffen, den Schlachtriesen zur Versteigerung zu stellen, weist Clemens Tönnies entschieden zurück.

Clemens und Robert Tönnies Quelle: REUTERS

In der sich seit Jahren hinziehenden Fehde um die Macht beim westfälischen Fleischriesen Tönnies bleiben die Fronten wenige Tage vor dem nächsten Gerichtstermin am kommenden Montag weiter verhärtet. Schien in den vergangenen Tagen eine grundsätzliche Einigung zwischen den beiden zerstrittenen Gesellschaftern bevorzustehen – dem Vernehmen nach hatten sich beiden Seiten bereits auf einen gemeinsamen Notartermin an diesem Samstag verständigt, bei dem eine Art Grundlagenvertrag unterzeichnet werden sollte – herrscht jetzt erst einmal wieder Eiszeit zwischen Onkel und Neffen.

Anlass ist ein Schreiben, dass Neffe Robert nach einem Treffen mit Clemens Tönnies an den Onkel gerichtet hatte. In dem Schreiben vom 15. Oktober, das der WirtschaftsWoche vorliegt, hatte der jüngere Tönnies dem bundesweit bekannten Schalke 04-Boss angeboten, alle juristischen Aktivitäten ruhen zu lassen. Stattdessen, so Robert Tönnies, sollten die beiden Streitparteien außergerichtlich „in den nächsten drei Monaten mit voller Energie versuchen, die Einigungslösung fertigzustellen“.

Die Deutschen stehen auf Wurst und Fleisch

Für den Fall, dass in dem zuvor festgelegten Zeitraum keine Einigung erreicht werde, brachte Robert Tönnies die Trennung der zerstrittenen Gesellschafter ins Spiel: „Nur wenn das misslingt, legen wir schon heute gemeinsam den Modus für eine faire Trennung im Wege einer Auktion im Laufe des nächsten Jahres (…) fest.“ Ziel dieses Bieterwettstreits sei es, dass „nur einer der Gesellschafter übrig bleibt“. Dem Vernehmen nach würden die beiden Gesellschafter dabei jeweils ein Angebot für den Anteil des anderen abgeben und das höhere Angebot am Ende den Ausschlag geben. Mit diesem Modell, so Robert Tönnies in dem Schreiben, wären beide Seiten in der Lage, „sämtliche Prozesse noch diese Woche einzustellen und den Gesellschafterstreit zu beenden.“

Zehn Fakten aus dem Fleischatlas 2014
Unser täglich FleischWar Fleisch noch vor zehn, zwanzig Jahren ein Luxusgut, das sich nicht jeder leisten konnte, gehört inzwischen für immer mehr Menschen weltweit, auch in den Schwellenländern, Fleisch täglich auf den Tisch. In der EU ist vor allem Schweinefleisch beliebt: Durchschnittlich 32,3 Kilogramm Schweinefleisch wurden zwischen 2010 und 2012 pro Kopf und Jahr konsumiert. Es folgt Geflügelfleisch mit 20,8 Kilo und Rind bzw. Kalb mit 11,1 Kilo. Abgeschlagen mit 2,0 Kilo ist das Fleisch von Schafen und Ziegen. Hier gibt es den aktuellen Fleischatlas zum Download Quelle: dpa
Hochleistungsrassen überleben nur mit PharmazeutikaDie Nutztiere in der industriellen Landwirtschaft sind so hochgezüchtet, dass sie anfällig für Schädlinge, Krankheiten und Wetterextreme werden. Heute kontrollieren zum Beispiel drei Unternehmen 95 Prozent des Marktes für Brathähnchen; zwei Unternehmen beherrschen 94 Prozent des Zuchtbestandes an Legehennen. Diese genetisch einheitlichen Hochleistungsrassen können ohne spezielle eiweißreiche Ernährung, teure Medikamente und klimatisierte Umgebung nicht überleben. Langfristig gefährdet das nicht nur die Nutztierrassen, von denen ein Viertel bereits vom Aussterben bedroht ist, sondern auch die Lebensmittelsicherheit, weil die Handlungsmöglichkeiten bei künftigen Umweltproblemen, schwierigen Marktsituationen und dergleichen erheblich eingeschränkt werden. Quelle: dpa
Boomländer haben großen FleischhungerDie weltweite Mittelschicht isst zu viel Fleisch - zunehmend auch in China, Indien und anderen Boomländern. Hier wird aufgrund der immensen Nachfrage der wachsenden Mittelschicht das größte Wachstum in der Fleischnachfrage entstehen. Der Fleischverbrauch nahm in Brasilien, Russland, China, Indien und Südafrika (das sind 40 Prozent der Weltbevölkerung) von 2003 bis 2012 um 6,3 Prozent pro Jahr zu. Von 2013 bis 2022 soll er nochmal jährlich um 2,5 Prozent wachsen. Zugleich ist in Indien der Vegetarismus tief verwurzelt. Bei Umfragen geben ein Viertel bis ein Drittel der Inder an, Vegetarier zu sein - die Zahl der Fleischesser nimmt dennoch zu. Die Anpassung an die westliche Lebensweise machte den Verzehr von Fleisch zum Statussymbol. Quelle: dapd
Fleischproduktion verbraucht kostbare RessourcenDrei Viertel aller landwirtschaftlichen Nutzflächen werden in irgendeiner Weise für die Tierfütterung beansprucht. Für die Produktion von Nahrungsmitteln direkt für den Menschen wären sie viel effizienter zu verwenden. Weltweit wandern von der Jahresernte an Getreide wie Weizen oder Hafer mehr als 40 Prozent in die Futtertröge. Das sind fast 800 Millionen Tonnen. Hinzu kommen 250 Millionen Tonnen Ölschrote, etwa aus Sojabohnen. Anschaulich lässt sich sagen, dass für ein Gericht wie Curryhuhn etwa 1,36 Quadratmeter Land pro Person benötigt werden. Für einen Hamburger sind es sogar 3,61 Quadratmeter - davon 3,38 nur für das Fleisch. Quelle: dpa
Proteine aus alternativen QuellenUm zu naturgemäßeren Agrarsystemen zu finden, versuchen viele Organisationen und Netzwerke, andere Arten der Ernährung einzuführen. So werden etwa Wasserpflanzen wie Seetang als pflanzliche Protein-Alternativen beworben. In Asien sind sie bereits weit verbreitet: In Südkorea etwa werden 16,5 Kilogramm pro Person und Jahr verzehrt, in China sind es 7,9 Kilogramm. Quelle: dpa
Proteine aus alternativen QuellenEine andere Möglichkeit sind Insekten als Bestandteil der Nahrung. In Industrieländern verhindert allerdings bislang weitverbreiteter Ekel die Einbindung dieser Tiere in den Speiseplan. Einige Unternehmen loten die Möglichkeiten dennoch aus. So hat etwa die New Yorker Firma Exo einen Proteinriegel entwickelt, der Mehl aus Grillen enthält. Das ist clever, denn der essbare Anteil einer Grille beträgt 80 Prozent! Zum Vergleich: Bei Schwein und Geflügel sind es 55, bei Rind sogar nur 40 Prozent. Grillen emittieren zudem 80 Prozent weniger klimaschädliches Methangas als Vieh. Quelle: dpa
Tierseuchen regen ökologisches Bewusstsein anNicht nur in den Industrieländern, auch in weiten Teilen Asiens entwickeln die Menschen angesichts der Folgen der Massentierhaltung wie Vogelgrippe oder toten Schweinen, die in Flüssen entsorgt werden, ein Interesse für ökologische Lebensmittelproduktion. Der Markt für Bio-Produkte, der allerdings nicht zwischen tierischen und pflanzlichen Produkten aufgeschlüsselt wird, wird Prognosen zufolge stark wachsen. Allein in Indien wird bis 2015 mit einer Verfünffachung des Umsatzes kalkuliert. Quelle: dpa
Größter Fleischverarbeiter der Welt…… ist JBS aus Brasilien. Nach mehreren Übernahmen mauserte sich das 1953 gegründete Unternehmen zum weltweit größten Produzenten von Rindfleisch und Geflügel. JBS ist weit verzweigt, liefert in 150 Länder und gehört mittlerweile zu den zehn führenden internationalen Lebensmittel- und Getränkekonzernen. Mit einem Umsatz von 38,7 Milliarden Euro im Jahr 2012 schlägt der Konzern sogar Unilever, Cargill und Danone. Die Schlachtkapazitäten sind gewaltig: Täglich können 85.000 Rinder, 70.000 Schweine und 12 Millionen Vögel geschlachtet werden. Quelle: dpa
Kleine Metzger verlieren an BedeutungDie Metropolen der Welt wachsen so schnell, dass kleine Läden und der Metzger um die Ecke ihre Bedeutung verlieren. Übernommen wird der Fleischverkauf von Supermärkten und Fast-Food-Ketten. Normierte Waren erleichtern den massenhaften Absatz - das verschafft den Lebensmittelketten auch enorme Macht über die Lieferanten, die sich dem Preisdiktat beugen müssen. Durch den Preisdruck haben Produkte aus der Region kaum noch eine Chance: Millionen Kleinhändler weltweit haben durch die Eröffnung von Supermärkten ihre Existenzgrundlage verloren, weil sie nicht umsatzstark genug waren. Quelle: AP
Hormonbehandlungen sind üblichDicht an dicht saugen Ferkel an den Zitzen ihrer Mutter. Sauen in konventioneller Haltung werden systematisch mit Hormonen versorgt. So werfen sie oft 15 Ferkel - bei 14 Zitzen. "Überzählige" Ferkel werden dann meist getötet. Im Gegensatz zu sogenanntem Hormonfleisch von Tieren, die mit Wachstumshormonen behandelt wurden damit sie schneller Gewicht zulegen, ist die Behandlung mit Sexualhormonen in der EU erlaubt. In industriellen Ställen werden die Hormone eingesetzt, um den Zyklus der Sauen gleichzuschalten und so die passende Anzahl Sauen zur gleichen Zeit gebären zu lassen. Nach nicht einmal drei Wochen Säugezeit wird die Sau mithilfe weiterer Hormongaben sofort wieder tragend gemacht - eine "leere" Sau verursacht nur Kosten. Quelle: dpa

Ein Sprecher von Clemens Tönnies bestätigte nun auf Nachfrage der WirtschaftsWoche den Versteigerungsvorschlag, wies ihn jedoch entschieden zurück. „Clemens Tönnies hat immer betont, dass für ihn der Verkauf des Familienunternehmens nicht infrage kommt.“ Von einer Verabredung auf eine mögliche Auktion könne nicht die Rede sein. Man sei im Gegenteil „extrem überrascht“ über den Vorstoß des Neffen.

In einem Antwortschreiben an seinen Neffen, das der WirtschaftsWoche vorliegt, schreibt Clemens Tönnies heute, er könne in keiner Weise nachvollziehen, „dass nun über einen Verkauf unseres Unternehmens gesprochen werden soll, obwohl wir gerade dabei waren, letzte Punkte mit Hilfe eines Notars zu klären.“ Tönnies senior fügte hinzu, er müsse das so verstehen, „dass Du kein Interesse mehr an unserem Unternehmen hast, sondern einen Verkauf (…) anstrebst.“

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Für einen Verkauf des von Roberts Vater und ihm aufgebauten Unternehmens stehe er jedoch nicht bereit: „Unser Familienerbe werde ich (…) nicht einfach in fremde Hände geben, nur weil Du das jetzt plötzlich und kurz vor einer Einigung forderst.“ Es sei zudem falsch, dass er angeblich eine Auktion gefordert habe – „die Auktion wurde von deinem Anwalt Binz ins Gespräch gebracht.

Stattdessen regt Clemens Tönnies eine Gesprächspause von 14 Tagen an, an deren Ende sich die beiden Verwandten womöglich noch einmal zusammensetzen und die Chancen auf eine Einigung auszuloten. Mindestens bisdahin dürfte der westfälische Friede in weiter Ferne liegen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%