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US-Strafzölle „Das verstößt eindeutig gegen Regeln der WTO“

Voestalpine-Werk in Corpus Christi, Texas. Quelle: imago

Die Androhung neuer US-Strafzölle bringt die Stahlbranche in Aufruhr. Dabei sind die Stahlkocher nur in geringem Umfang direkt betroffen. Sorgen bereiten der Branche die indirekten Folgen für Europas Stahlmarkt.

Wie es mit seinem Stahlgeschäft in den USA weitergeht, erfährt Wolfgang Eder meist per Kurznachrichtendienst Twitter. Seit Wochen beobachtet der Chef des österreichischen Stahl- und Technologiekonzern Voestalpine die Tweets von US-Präsident Donald Trump. Kaum ein europäisches Stahlunternehmen ist so stark in den USA aktiv wie Voestalpine. An 47 Standorten beschäftigt das Unternehmen mehr als 3000 Mitarbeiter in den USA. Die Willkür des US-Präsidenten hat das US-Geschäft in manchen Bereichen zur Zitterpartie gemacht. „Wir sollten uns auf Überraschungen gefasst machen“, verkündete Eder noch am Mittwoch in einer vertraulichen Runde.

Schon tags darauf trat ein, was Eder befürchtet hat. Per Twitter erklärte Trump am Donnerstag, dass die US-Stahl und Aluminium-Industrie „seit Jahrzehnten durch unfairen Handel und schlechte Politik mit Ländern aus der ganzen Welt dezimiert“ würde. „Wir wollen freien, fairen und smarten Handel“, erklärte der Präsident per Kurznachrichtendienst.

Was er unter „smartem Handel“ versteht, kündigte Trump bereits wenige Stunden später an: Die USA wollen offenbar flächendeckende Strafzölle auf sämtliche Stahl- und Aluminiumimporte verhängen. Vorgesehen ist ein pauschaler Wertzoll in Höhe von 25 Prozent auf alle Stahlimporte. Aluminium ist mit zehn Prozent betroffen.

Nachdem die USA bereits im vergangenen Jahr Strafzölle gegen manche Sorten einzelner Stahlkocher wie Salzgitter, Dillinger und Voestalpine verhängten, droht der Branche nun der ganz große US-Schock. Dabei sorgt sich  die Branche gar nicht so sehr direkt vor den Strafzöllen. Was die Unternehmen hingegen fürchten, sind die indirekten Folgen von Trumps Entscheidung. Denn schon bald könnte der weltweite Stahl verstärkt auf den europäischen Kontinent kommen und die heimischen Anbieter in Nöte bringen.

Im österreichischen Linz, wo Voestalpine seinen Hauptsitz hat, bewahrt man trotz Trumps Tweets die Ruhe. Insgesamt macht Voestalpine in den USA einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Von den neuen US-Sanktionen dürfte allerdings nur ein Bruchteil davon betroffen sein. Da die Voestalpine-Werke in den USA als US-Unternehmen geführt werden, droht dem Unternehmen von dieser Seite kein Schaden. Betroffen sein könnten jedoch die direkten Stahl-Exporte nach Amerika. Im Fall der Voestalpine sind das etwa Rohre für die Exploration von Schiefer-Gas oder die sogenannten hochfesten Stähle, die zum Autobau eingesetzt werden. Doch auch hier zeigt sich Eder optimistisch, „Alternativen“ zu finden.

Bei den deutschen Stahlkochern gibt man sich nach der jüngsten Strafzoll-Androhung von Trump hingegen verschlossen. Salzgitter verweist darauf, dass es noch „keinerlei Details“ zu den Strafzöllen gebe. Auch Thyssenkrupp ließ die neuen Handelshemmnisse unkommentiert.

Direkte Einbußen ihres Geschäfts müssen die deutschen Stahlunternehmen nach der jüngsten Eskalation von Trump nur bedingt fürchten. „Die direkten Auswirkungen der Strafzölle auf die europäischen Stahlunternehmen sind gering“, sagt Commerzbank-Analyst Ingo Schachel. So würden die Direktexporte der heimischen Stahlkocher in die USA weniger als fünf Prozent betragen. Was die Branche jedoch fürchten müsse, seien die globalen Folgen von Trumps Ankündigung. „Durch die neuen Zölle in den USA kommt es zu Verlagerungen der Exporte. So könnte etwa koreanischer oder türkischer Stahl verstärkt auf den europäischen Markt kommen“, sagt Schachel.

„Tausende Arbeitsplätze in Europa sind gefährdet“
Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin Quelle: dpa
Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz Quelle: REUTERS
Sigmar Gabriel (SPD), Bundesaußenminister Quelle: dpa
Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionspräsident Quelle: AP
Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl Quelle: dpa
Brigitte Zypries (SPD), Bundeswirtschaftsministerin Quelle: dpa
Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) Quelle: dpa

Entsprechend alarmiert zeigt sich die Wirtschaftsvereinigung Stahl. „Die USA bauen eine Zollschranke auf, mit der sie sich gegen Stahlimporte aus aller Welt abschotten. Diese Maßnahme verstößt eindeutig gegen Regeln der Welthandelsorganisation WTO“, sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Der gefährlichste Effekt der US-Maßnahmen sei laut Kerkhoff eine erneute Eskalation der Importkrise in Europa. Angesichts der geplanten Zölle in den USA würden Exporteure ihre Augen auf den offenen EU-Markt richten, der durch keinerlei Importzölle oder andere Handelshemmnisse beschränkt sei. So drohe die von den USA angestrebte Importreduzierung von 13 Millionen Tonnen zu einem „erheblichen Teil in den EU-Markt zu fließen“.

Gefordert sei laut Kerkhoff nun die EU. „Wenn die EU nicht handelt, wird unsere Stahlindustrie die Rechnung für den Protektionismus in den USA bezahlen.“ Das Hauptaugenmerk müsse laut Kerkhoff auf der Bekämpfung von Handelsumlenkungen gerichtet sein: „Jetzt muss die EU konsequent mit den Instrumenten dagegen vorgehen, die die WTO hierfür bereitstellt.“

US-Präsident Trump hat in Sachen Handelskrieg auf Twitter unterdessen bereits nachgelegt: “Wenn ein Land (USA) viele Milliarden Dollar beim Handel mit praktisch jedem Land verliert, dann sind Handelskriege gut und einfach zu gewinnen“, twitterte Trump am Freitag.  

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