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US-Strafzölle Europäische Stahlkonzerne fordern im Zollstreit mehr Schutz durch die EU

Unter US-Importzöllen würden europäische Stahlkonzerne direkt nur wenig leiden. Doch die Unternehmen fordern die EU-Kommission zum Handeln auf.

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Nach Angaben des europäischen Stahlverbandes Eurofer haben die europäischen Stahlproduzenten im vergangenen Jahr rund fünf Millionen Tonnen Stahlprodukte in die USA exportiert. Quelle: Reuters

Wien, Düsseldorf Der Streit um eine Verlängerung der Ausnahmeregelung für die EU von den US-Importzöllen auf Stahl und Aluminium sorgt in der Branche für Verunsicherung. Stahlkonzerne wie Voestalpine fordern ein schnelles Vorgehen der EU-Kommission.

„Die EU wird sich vor allem mit der Frage befassen müssen, welche Maßnahmen und Instrumente im Falle einer Abschottung des US-Marktes notwendig sind, um eine unangemessene Umleitung globaler Handelsströme nach Europa zu verhindern“, sagte Vorstandschef Wolfgang Eder dem Handelsblatt am Mittwoch. „Falls Appelle zur Mäßigung an die US-Regierung ungehört blieben, muss Europa handlungsfähig sein, um die eigene Industrie zu schützen.“

US-Präsident Donald Trump hatte in der Nacht zum Dienstag kurz vor Ablauf der Frist die Ausnahmeregelung für Stahl und Aluminium bis zum 1. Juni verlängert. Trump will die nationale Wirtschaft mit höheren Zöllen vor der ausländischen Konkurrenz schützen. Weder Thyssen-Krupp noch der österreichische Aluminiumkonzern Amag wollten sich auf Anfrage des Handelsblatts zur Verlängerung der Frist äußern.

Unterdessen reagiert EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf den wachsenden Druck aus Washington harsch. Der frühere luxemburgische Ministerpräsident lehnt das Gespräch mit den Amerikanern in einem Klima der Angst ab. „Wir werden unsere Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten fortsetzen, aber wir weigern uns, Verhandlungen unter Androhung von Druck zu führen", sagte Juncker in Brüssel. Ziel der EU-Kommission sei es, eine dauerhafte und bedingungslose Ausnahmeregelung von den US-Importzöllen auf Stahl und Aluminium zu erreichen.

Auf die Rückendeckung durch die Stahlindustrie kann Juncker setzen. „Die Verlängerung der Ausnahme der EU-Stahlindustrie von den US-Zöllen für 30 Tage verschafft den Stahlunternehmen in Deutschland und Europa eine weitere kurze Atempause. Erforderlich ist jedoch eine dauerhafte Befreiung, denn die EU-Stahlindustrie gefährdet nicht die nationale Sicherheit in den USA“, erklärt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Sollte es dennoch zu Strafzöllen für EU-Unternehmen in den USA kommen, sind die Auswirkungen womöglich geringer als angenommen. Insider bei Thyssen-Krupp gehen davon aus, dass nur ein „einstelliger Anteil des Umsatzes“ von Trumps protektionistischer Politik betroffen sein dürfte. Der Konzern selbst wollte sich dazu nicht äußern.

Auch der Konkurrent Voestalpine versucht, Gelassenheit zu verbreiten, wenn die Frist ohne einen Kompromiss zwischen Washington und Brüssel verstreichen sollte. „Das wirtschaftliche Risiko für den Konzern bleibt selbst in einem Extremfall sehr überschaubar bleibt“, sagte Eder dem Handelsblatt. „Wir hatten ausreichend Zeit, um uns auf alle Eventualitäten vorzubereiten und haben diese Zeit auch intensiv genutzt. Erst auf Basis einer endgültigen Entscheidung der US-Administration werden mögliche Konsequenzen auf die globalen Märkte und den Voestalpine-Konzern zu bewerten sein.“

Bei dem österreichischen Konzern sind „maximal etwa drei Prozent“ des Konzernumsatzes von 11,3 Milliarden Euro betroffen. Nach Angaben des europäischen Stahlverbandes Eurofer haben die europäischen Stahlproduzenten im vergangenen Jahr rund fünf Millionen Tonnen Stahlprodukte in die USA exportiert. Sie seien loyale Lieferanten ihrer amerikanischen Kunden mit über Jahrzehnte gewachsenen Geschäftsbeziehungen.

Voestalpine hat seine Präsenz in den USA zuletzt ausgebaut. Die Österreicher besitzen 49 Standorte mit rund 3000 Arbeitsplätzen in den USA. Erst vor eineinhalb Jahren haben sie eine Eisenschwamm-Anlage mit einem Investitionsvolumen von über 550 Millionen Euro in der texanischen Hafenstadt Corpus Christi eröffnet.

Das starke Engagement in den USA schützt den Konzern auch vor den Maßnahmen Trumps. „Voestalpine tätigt etwa zwei Drittel ihrer US-Umsätze von rund 1,2 Milliarden Euro als lokaler Erzeuger in den USA und ist daher mit dem Großteil ihrer Aktivitäten von den geplanten Maßnahmen nicht direkt berührt“, sagte Eder.

Der Absatzmarkt USA ist für die europäischen Stahlhersteller nach Einschätzung von Marktteilnehmern durchaus überschaubar. Für Unsicherheit und Unbehagen sorgt, dass durch die amerikanischen Zölle künftig zusätzliche Stahlexporte nach Europa gelenkt werden. Bereits in den vergangenen Jahren hatten die Stahlkocher in der EU über unter globalen Überkapazitäten stark zu leiden gehabt.

Um Schäden für die Stahlindustrie abzumildern, hat die EU-Kommission bereits Ende März ein Schutzklausel-Verfahren – in der Branche Safeguards genannt – eingeleitet. „Die EU-Kommission muss jetzt rasch für die Umsetzung von Schutzklausel-Maßnahmen sorgen. Sonst tragen wir in Europa die Last des Protektionismus der USA und deren Wirtschaftspolitik“, fordert Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Voestalpine fordert unterdessen eine Fortsetzung des Freihandels. „Die (Wieder)-Einführung von Handelsbarrieren welcher Art auch immer kann niemals ein erstrebenswertes Szenario bedeuten – denn sie hemmen nicht nur den freien Handel und damit die Schaffung von Arbeitsplätzen, sondern hindern mangels „gesunden“ Wettbewerbs auch die für wirtschaftliches Wachstum so dringend notwendige technologische Weiterentwicklung und Innovation in den betroffenen Märkten“, sagte Eder.

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