WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

VDMA-Präsident „Die Megatrends sprechen für uns“

VDMA-Präsident Carl Martin Welcker Quelle: VDMA

Carl Martin Welcker ist Präsident des Verbands der deutschen Maschinenbauer – einer Branche, die schon vor Corona zu kämpfen hatte. Ein Gespräch über die Krise, die alles noch dramatischer macht und die Dinge, die Hoffnung wecken.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Carl Martin Welcker präsidiert seit 2016 dem Verband der Maschinen- und Anlagenbauer VDMA. Die Branche ist im Krisenmodus: Schon 2019 setzten ihr Handelskonflikte zu. Im ersten Halbjahr 2020 sanken die Bestellungen dann coronabedingt branchenweit um 16 Prozent. Im Hauptberuf ist Welcker geschäftsführender Gesellschafter des Kölner Werkzeugmaschinenbauers Schütte. Das Familienunternehmen setzt etwas mehr als 100 Millionen Euro um und beschäftigt rund 600 Mitarbeiter.

Herr Welcker, im Frühjahr gingen die Aufträge für deutsche Maschinenbauer zweistellig zurück. Läuft es inzwischen besser?
Carl Martin Welcker: Nein, im Juni lag der Auftragseingang um 31 Prozent unter dem Vorjahreswert. Auf das gesamte erste Halbjahr bezogen ging der Auftragseingang um 16 Prozent gegenüber Vorjahr zurück. Wir sind schon noch massiv betroffen – nicht nur durch Corona, sondern auch durch den Handelskonflikt zwischen den USA und China, sowie den Umbruch in vielen Branchen. Viele Maschinenbauer fertigen für die Autoindustrie – und deren Verbrennungstechnologien. Die Krise in der Autoindustrie belastet uns. In Märkten wie den USA, Südamerika, Indien und Europa haben wir durch Covid 19 große Absatzprobleme. Und in Asien sind die Logistikketten oft noch gestört. In unserem Unternehmen, dem Werkzeugmaschinen-Hersteller Schütte, fahnden wir gerade nach einer Maschine, die wohl in irgendeinem Hafen im Chinesischen Meer liegt. Das größere Problem ist allerdings, dass unsere Monteure gar nicht nach China reinkommen, da sie keine Visa erhalten. Dann können sie auch keine Maschinen installieren.

Gibt es auch etwas Positives?
Natürlich. Mindestens die Hälfte der Maschinenbauer liefert Maschinen und Komponenten für klimafreundliche Technologien. Für die Aufbereitung von Abgasen, die Reinigung von Wasser oder für Windkraftanlagen werden entsprechende Maschinen gebraucht. Weltweit wächst die Bevölkerung, die Nachfrage nach Wohnraum wächst. Armaturen müssen installiert, Häuser besser isoliert werden – auch davon profitieren Maschinenbauer. Oder denken Sie daran, dass die Weltbevölkerung altert, an den Gesundheitstrend. Bei Schütte stellen wir zum Beispiel Maschinen her, auf denen künstliche Knie oder Hüften, also Prothesen produziert werden. Die Megatrends sprechen für uns.

Wann geht es denn mit dem deutschen Maschinenbau wieder aufwärts?
Ich gehe davon aus, dass im zweiten Halbjahr 2021 das Schlimmste überstanden ist und die Auftragseingänge dann sogar wieder über 2019 liegen. Immer unter der Voraussetzung, dass bis dahin ein Impfstoff gefunden wird oder es Medikamente gegen Corona gibt.

Und was hilft bis dahin?
Eine Verlängerung der Maßnahmen zum Kurzarbeitergeld über 2020 hinaus würde uns sehr helfen. Wir Maschinenbauer sind nach einer Krise konjunkturell gesehen eher Nachläufer. Unsere Kunden investieren erst dann wieder in neue Maschinen, wenn sich ihre wirtschaftliche Lage wieder bessert. So lange möchten wir unsere Beschäftigten gerne halten, um nicht wertvolle Fachkräfte zu verlieren.


Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


Auswanderer

So will der Finanzminister die Steuerflucht der Rentner stoppen


Galeria Karstadt Kaufhof

Profitiert René Benko selbst von der Krise?


Chinas Technologie-Scout

Wie Huawei in Deutschland neue Supertechnologien aufspürt


Unsere neuesten Artikel finden Sie hier



Wie beurteilen Sie denn insgesamt die Maßnahmen der Bundesregierung, um den Unternehmen zu helfen?
Ich bin schon beeindruckt, wie schnell da Konjunkturpakete geschnürt wurden. Die Maßnahmen sind insgesamt richtig, auch wenn man im Detail sicher noch einiges kritisieren kann. Von unseren Unternehmen höre ich immer mal wieder, dass die KfW offensichtlich mit der Bearbeitung der Kreditanträge nicht hinterherkommt. Gerade bei einer Kreditnachfrage zwischen zehn und hundert Millionen Euro gibt es einen Bearbeitungsstau.

Braucht es auch niedrigere Energiekosten, damit die Maschinenbauer kostengünstig produzieren können?
Wir sind der Meinung, dass Energiekosten verursachergerecht verteilt werden müssen, um einen Effekt für die Umwelt zu erzielen. Allerdings sollte die Politik den Mut haben, endlich einen lenkungswirksamen CO2-Preis festzulegen. In sechs bis acht Jahren wäre etwa ein Preis von 100 Euro pro Tonne CO2 denkbar. Doch statt einen CO2-Preis festzulegen, verzettelt sich die Politik in Einzelinitiativen, von Zuschüssen für die Heizung bis zu Änderungen bei der EEG-Umlage.

Mehr zum Thema:
Erst Handelskriege, dann Coronakrise: Deutschlands Maschinenbauer sind hart getroffen. Doch einigen in der Branche geht es besser, als die Zahlen befürchten lassen – weil die Unternehmen klug gemanagt sind.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%