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Vom Polizisten zum UnternehmerEin Cannabis-Cop auf Mission in Deutschland

Als Ermittler jagte Lewis Koski Drogen-Gangster mit dem Helikopter, dann wechselte er in die Cannabis-Industrie. Er will deutschen Behörden und Unternehmen seine Technik zur Nachverfolgung der Lieferketten verkaufen. Und Erfahrungen aus seinem bunten Berufsleben weitergeben.Volker ter Haseborg 22.01.2023 - 18:33 Uhr

Vom Cop zum Cannabis-CEO: Lewis Koski

Foto: PR, imago images, Collage: WirtschaftsWoche

Lewis Koski hat die Lobby des Hilton-Hotels am Berliner Gendarmenmarkt als Treffpunkt vorgeschlagen. „Das hier ist im Moment mein Büro“, sagt der 51-jährige und lotst in ein Besprechungszimmer. Eigentlich ist es viel mehr als ein Büro – eher eine Basis, von der aus Koski den deutschen und europäischen Cannabis-Markt erobern will.

Die Ampelkoalition will den Verkauf von Cannabis an Erwachsene erlauben. Unter Bedingungen: Die Produktion soll ausschließlich in Deutschland stattfinden, der Verkauf in staatlich lizenzierten und kontrollierten Geschäften erfolgen. Das alles steht in einem Eckpunktepapier, das Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im vergangenen Herbst vorgestellt hat. Der Minister war übrigens früher gegen die Legalisierung – und hat seine Meinung geändert. Im Moment wartet er auf eine Rückmeldung der EU und auf ein Gutachten des gemeinnützigen Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung zum geplanten Vorhaben.

So lange will Lewis Koski nicht warten: „Ich werde dieses Jahr oft hier sein“, sagt er. Seit Monaten kommt der dreifache Familienvater immer wieder aus Florida nach Deutschland, um seine Firma Metrc ins Geschäft zu bringen. Er verkauft ein System, mit dem sich der Weg des Cannabis nachverfolgen lässt – von der Produktion über den Vertrieb bis in die Verkaufsstelle.

Auch Koski hat eine erstaunliche Verwandlung gemacht: Früher war er Polizist, jagte Cannabis-Anbauer und Junkies. Doch dann wechselte er die Seiten, wurde Teil der Cannabis-Industrie. Heute sagt er: „Ich glaube, dass eine gut regulierte Industrie eine bessere Alternative zu einer strikten Prohibitionspolitik sein kann. Viele Leute hier in Deutschland nehmen das auch so wahr.“

Ski-Lehrer, Soldat, Polizist

Koski ist in Chicago aufgewachsen und zog nach der Schule in den US-Bundesstaat Colorado, um dort Skilehrer zu werden. Zwölf Jahre brachte er Kindern und Erwachsenen in den Rocky Mountains das Skifahren bei. Acht Jahre arbeitete er als Berufssoldat. „Als ich beim Militär war, flogen wir mit Hubschraubern über öffentliche Grundstücke hinweg, um illegale Cannabis-Plantagen zu finden“, sagt er. Dann wurde er Polizist, ging auf Streife, verfolgte auch Drogendealer. In seinen ersten Jahren bei der Polizei lernte Koski, was Drogenmissbrauch anrichten kann.

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Doch dann änderte Colorado seine Drogenpolitik, ließ die Abgabe von Cannabis zuerst als Medikament, später auch als „Freizeit“-Produkt für Erwachsene im Alter von über 21 Jahren zu. Koski wurde vor etwa zehn Jahren Leiter der Behörde, die den neuen Markt regulieren sollte. „Ich habe die Legalisierung als unglaubliche Chance gesehen“, sagt er. Deshalb, weil er eine neue Behörde mitgründen konnte. Und: „Wir mussten die richtige Balance finden: Zum einen mussten wir die Gesundheit der Bürger gewährleisten – zum anderen aber auch der Industrie die Chance geben, erfolgreich zu sein.“

Der Markt in Colorado funktioniert ähnlich wie der, den sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vorstellt: Es gibt Lizenzen für den Anbau, die Produktion, Weiterverarbeitung, Transport und Verkauf der Cannabis-Produkte. Der Anbau findet ausschließlich in Colorado statt – auch Lauterbach will den Anbau ausschließlich in Deutschland zulassen.

Koski und seine Mitarbeiter vergaben Lizenzen und kontrollieren, dass die Vorgaben eingehalten wurden. Die neue Industrie habe einige Jahre mit dem Schwarzmarkt konkurriert, ehe sie erfolgreich war, sagt Koski. Wie es heute ist? „Den illegalen Markt kann man nie ganz loswerden. Aber er ist marginalisiert.“

Ein Microchip für mehr Transparenz

2017 wechselte er die Seiten und wurde zunächst Berater für Regierungen von US-Bundesstaaten, die sich mit der Legalisierung von Cannabis befassten. Auch Firmen beriet er. So kam er mit dem Gründer der Firma Metrc in Kontakt, der ihn 2019 schließlich abwarb.

Die Firma, die Lewis Koski in Deutschland repräsentiert, verspricht Transparenz. Und damit mehr Vertrauen für die deutsche Cannabis-Industrie. Das Produkt von Metrc ist ein Tracking-System: Jede Pflanze bekommt einen Microchip. Diesen könne man aus einer Entfernung aus bis zu sieben Metern auslesen, sagt Koski. Anbauer, Testlabore, Verarbeiter und Logistiker könnten über eine Software ihre Daten zur Lieferkette eintragen – die Informationen können aus dem Chip ausgelesen werden. Metrc verkauft sein System an Regierungen. Aber auch an lizenzierte Unternehmen, die mit dem System ihre eigene Lieferketten im Blick behalten können – und natürlich nachweisen können, dass sie sich an die Regeln gehalten haben.

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Angenommen, eine Charge verursacht bei Konsumenten gesundheitliche Probleme: Die Behörden könnten das Produkt zurückverfolgen und gezielt Chargen aus dem Markt ziehen. „Früher haben Behörden schon mal alle Produkte eines Marktes zurückrufen lassen“, sagt Koski.

Was er seinen Kunden in Rechnung stellt, will er nicht verraten. Nur so viel: Behörden müssten eine „niedrige“ Pauschale zahlen, Preise für Unternehmen seien nach deren Größe gestaffelt. Wieviel Umsatz die 135 Metrc-Mitarbeiter im Jahr erwirtschaften, will Koski auch für sich behalten. 48.000 Kunden habe seine Firma in den USA – darunter Anbauer, Shops, Testlabore und Behörden.

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Koski ist darum bemüht, wegen seiner Erfahrung nicht wie ein Oberlehrer zu wirken. Er betont, dass es an den Deutschen sei, darüber zu entscheiden, ob sie Cannabis legalisieren wollen oder nicht. Aber: „Jetzt ist die Zeit gekommen, um diesen Markt zu regulieren.“ Und da könne er mit seiner Erfahrung behilflich sein.

„Ich rate Regierungen, dass sie neutrale Parteien sind, die die Gesundheit ihrer Bürger schützen und neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen.“ Er hat die Diskussion in Deutschland verfolgt. „Die Debatte hat sich geändert. Es geht nicht mehr um die Frage, ob Deutschland Cannabis legalisieren soll. Sondern wann und wie.“

Seit August des vergangenen Jahres sei er in jedem Monat nach Berlin gekommen. Er war auch schon in Malta, wo es ähnliche Planungen gibt, wie in Deutschland, und er war auch schon in Brüssel. Er weiß, dass die EU bei der Cannabis-Gesetzgebung ein wichtiges Wort mitzureden hat. Er habe sich mit Cannabis-Unternehmern getroffen, aber auch mit Bundestagesabgeordneten und Beamten aus Ministerien. „Wir sind mit offenen Armen empfangen worden – von allen“, sagt er.

Eine Software für den Fiskus

Zum Beispiel von Finn Hänsel, dem Gründer und Chef der Berliner Sanity Group, die Medizinal-Cannabis sowie rezeptfreie Cremes und Tropfen auf Cannabisbasis verkauft. Hänsel sagt: „Eine Track & Trace Technik ist die Basis für einen sauberen Cannabismarkt, mit einer klaren Abgrenzung zum illegalen Markt.“ In Ländern, in denen die Lieferkette nicht transparent ist – wie etwa in den Niederlanden – „beherrschen illegale Organisationen den Markt und die Kunden und Behörden wissen nicht, woher die Produkte am Ende kommen“. Auch für Steuerbehörden sei die Technik interessant, so Hänsel – er spielt darauf an, dass sich der Staat hohe Einnahmen aus dem Cannabismarkt verspricht.

Es werde aber wohl noch dauern, bis die ersten Produkte in Deutschland legal verkauft werden, sagt Hänsel. Dieser Zeitpunkt werde seiner Schätzung nach erst im vierten Quartal 2024 liegen. Die Regierung habe den Aufwand für die Gesetzgebung unterschätzt.

Auch Benedikt Sons von der Firma Cansativa, die Cannabis von den Anbauern zu den Abnehmern vertreibt, wünscht sich, dass die politischen Akteure und Arbeitsgruppen nun aus dem Winterschlaf erwachen“. Auch Sons hat mit Lewis Koski gesprochen. Er hält die Nachverfolgung von Cannabis für unumgänglich. Und beklagt: „Leider sehen wir in der aktuellen regulatorischen Landschaft eine Vielzahl an unterschiedlichen Vorgaben für die Cannabisbranche aufgrund föderaler Strukturen.“ Die Überwachung des Arzneimittelverkehrs etwa erfolge durch die Landesbehörden. Und diese arbeiten offenbar häufig noch mit Papier. „Die Industrie braucht vielfältige digitale Innovationen, um die aktuellen analogen regulatorischen Vorgaben zu erfüllen“, sagt Sons.

Das deutsche Wort „Eckpunktepapier“

Auch Lewis Koski kennt mittlerweile das deutsche Wort „Eckpunktepapier“, er kann es sogar akzentfrei aussprechen. Kritisches darüber will er nicht sagen, schließlich geht es um einen potenziellen Kunden. Es sei gut, dass Deutschland erst mal einen strikteren Weg gehe, sagt er. „Später, wenn sich die Industrie gut entwickelt, kann man bestimmte Auflagen auch wieder zurückdrehen.“

Und damit klingt er fast schon diplomatisch, wie ein Politiker. Er hat schon einige Verwandlungen hinter sich: Von Cannabis-Cop zum Cannabis-Regulierer bis zum Cannabis-Ermöglicher. Nur eine Sache hat sich nicht geändert: „Ich bin immer noch kein regelmäßiger Cannabis-Konsument“, sagt er. Es habe zwar Feldversuche in jüngeren Jahren gegeben. Wann genau das war? Daran, so sagt er, könne er sich nicht mehr erinnern.

Lesen Sie auch: Viele Unternehmen spekulieren auf den neuen Cannabis-Markt. Eine Reise durch die Drogennation von morgen

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