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VW, BASF, Siemens Wegen Syrien-Krieg: Erste deutsche Konzerne legen Investitionspläne auf Eis

Deutschland und die Türkei verbinden enge Wirtschaftsbeziehungen. Angesichts des Syrien-Krieges stellt das deutsche Unternehmen vor Probleme Quelle: dpa

Das VW-Werk in der Türkei steht auf der Kippe, BASF will vorerst keine neue Produktion aufbauen. Wie deutsche Unternehmen auf die Eskalation in der Türkei reagieren.

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Der frühere Hamburger Bürgermeister Ole van Beust und der Ex-Grünen-Politiker Rezzo Schlauch sollten mithelfen. Das große Ziel von „Invest in Turkey“ lautete, mehr Investoren für die Türkei zu begeistern. Das dürfte freilich nun – nach dem Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien – noch schwieriger werden. Der Geschäftsführer von „Invest in Turkey“ möchte auch gerade kein Interview geben.   

Nach dem gescheiterten Militärputsch 2016, seit dem Präsident Erdogan seine Macht immer weiter zementiert und Kritiker ins Gefängnis steckt, hatte sich die Begeisterung von Investoren für die Türkei schon merklich abgekühlt. Nun, nach der neuerlichen Eskalation, dem Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien, herrscht zunehmend Alarmstimmung bei deutschen Unternehmen. Erste Konzerne wie VW und BASF lassen bereits durchblicken, Investitionspläne für die Türkei auf Eis zu legen. Dass es nun zunehmend Probleme geben könnte, räumt selbst die türkisch-deutsche Handelskammer in Berlin ein: „ Die deutsche Wirtschaft zeigt sich möglicherweise abwartend, insbesondere in Bezug auf mögliche Neuinvestitionen“, heißt es dort. Dass sich deutsche Unternehmen  vom türkischen Markt zurückziehen, sei aber nicht der Fall.  

Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel: Insgesamt 7100 deutsche Unternehmen – mit insgesamt 120.000 Mitarbeitern – sind in der Türkei engagiert. Deutschland ist für die Türkei der wichtigste Handelspartner. Für die deutschen Hersteller ist der große Binnenmarkt und die hohe Zahl junger, gut ausgebildeter Fachkräfte interessant.

Die BASF ist bereits seit 1880 in der Türkei vertreten und damit bereits fünfzehn Jahre nach der Unternehmensgründung. In Gebze, Adana und Trabzon produziert der Konzern Chemikalien. Der Umsatz in der Türkei lag 2018 bei knapp 800 Millionen Euro, insgesamt 900 Mitarbeiter arbeiten für die Deutschen. Viel mehr dürften es nicht werden. Vor dem Hintergrund des Syrien-Kriegs verkündet der Konzern bis auf weiteres einen Investitionsstopp für die Fertigung. „Erst wenn wieder stabile Verhältnisse und langfristige Planungssicherheit herrschen, können wir über weitere Investitionen in Produktionsanlagen in der Türkei nachdenken“, erklärt die BASF gegenüber der WirtschaftsWoche. Trotz der „angespannten wirtschaftlichen und politischen Situation“ glaube die BASF jedoch weiter an das „Potenzial der Türkei“ und setze auf Dialog. 

VW hat die Entscheidung für ein neues Werk in der Türkei erst einmal vertagt, mindestens. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der im Aufsichtsrat von VW sitzt, hat sich bereits klar festgelegt: „Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen Volkswagen ein Milliardenengagement in der Türkei eingehen kann“, erklärte er. Nun hoffen Bulgarien und Rumänien auf den Zuschlag für die Milliardeninvestition.  

Der badische Mittelständler Herrenknecht, der Tunnelbohrmaschinen etwa für den U-Bahn-Bau herstellt, spricht zwar nicht von einem Investitionsstopp, aber von möglichen Verzögerungen im Türkei-Geschäft. „Was potenzielle neue, größere Projekte anbetrifft, da könnte eine weitere Zuspitzung der Gesamt-Situation dazu führen, dass diese sich planerisch und/oder operativ zeitlich verschieben“, erklärt das Unternehmen auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Allerdings sei das Neumaschinengeschäft in der Türkei „momentan nicht besonders intensiv“. Einige Herrenknecht-Maschinen kamen zuletzt beim Ausbau der Metro  in Istanbul zum Einsatz.

Nahezu überall in den Konzernzentralen sorgt der Syrien-Krieg für Unruhe. Bosch hofft „auf eine baldige Stabilisierung der Lage“  und beobachtet die weiteren Entwicklungen „sehr genau“.

Siemens wiederum „beobachtet die Situation in der Türkei sehr aufmerksam“. Daimler setzt auf eine „baldige Deeskalation“.

Der Nutzfahrzeug-Hersteller MAN produziert in Ankara Busse der Marken MAN und Neoplan – mit rund  2 700 Mitarbeitern und auf einer Gesamtfläche von 317.000 Quadratmetern.  Ankara ist laut Konzernangaben das größte Bus-Produktionszentrum von MAN. Die Werkleitung ebenso wie die Produktionsverantwortlichen in der MAN-Zentrale verfolgen die politische Lage sehr genau und stehen regelmäßig in direkter Verbindung mit dem Vorstand, erklärt das Unternehmen:  „Aktuell ist die Produktion nicht beeinträchtigt.“

Einigermaßen entspannt gibt sich unterdessen die Rüstungsbranche. Die Waffenlieferanten haben ihre  Lieferungen an den Bosporus bereits in den vergangenen Jahren unter dem zunehmend Europa-kritischen Kurs von Präsident Erdogan heruntergefahren. Was bestellt wurde, wie die im Jahr 2009 genehmigten U-Boote von Thyssen-Krupp, darf gebaut und geliefert werden, wenn auch ohne Exportgarantien der Bundesregierung. „Sonst ist da fast nichts mehr in den Büchern, was noch gekürzt werden könnte“, so ein Kenner der Rüstungsbranche. Airbus konnte auf Anfrage keine Projekte nennen und bei den Panzerbauern ruht das Geschäft. 

Bei Rheinmetall ruhen seit Jahren gleich zwei Projekte – die Nachrüstung der älteren Leopard-Panzer, die sich im Kampf gegen den Islamischen Staat als unerwartet verwundbar erwiesen, sowie ein geplantes Gemeinschaftsunternehmen mit der türkischen BMC zum Bau eines Kampffahrzeugs. Das Scheitern erweise sich heute als Glücksfall, meint der Branchenkenner. „Sonst wäre Rheinmetall oder sein Partner bei Bau des Leopard angesichts der Bilder von deutsche Panzern im Einsatz gegen die Kurden noch mehr in der Bredouille.“ 

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