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VW mit Milliarden-Verlust Müller muss alle alten Zöpfe abschneiden

Trotz des Milliardenverlustes ist sicher: VW wird die Krise überstehen. Doch Vorstandschef Müller darf nicht aufhören, den Konzern zu verändern. Dabei darf er die Kunden nicht aus dem Blickfeld verlieren. Ein Kommentar.

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Wie will Vorstandschef Müller es schaffen, dem Konzern eine neue Kultur einzuhauchen? Quelle: Reuters

Wochenlang tobte ein Sturm der Entrüstung über Volkswagen und seinen Diesel-Skandal. Pessimisten fürchteten schon, er würde Ruinen in Wolfsburg hinterlassen. Ja, viel schlimmer noch, er würde gar die gesamte heimische Wirtschaft lahm legen und das Qualitätssiegel „Made in Germany“ gefährden.

Doch da sich der Sturm nun langsam legt, zeigt sich, dass der Schaden gar nicht so groß ist, wie so manche Schlagzeile uns schaudernd weis zu machen versuchte. Volkswagen hat sehr viel Geld in der Kasse, wird die Krise überstehen und mit dem Unternehmen auch die deutsche Wirtschaft. Sicherlich wird VW sparen müssen und viele Ausgaben auf den Prüfstand stellen. Das wird auch Zulieferer treffen. Aber der Absatz wird nicht fatal einbrechen.

Die Zeit des Jammerns sollte deshalb vorbei sein. Wir wollen vielmehr zwei Dinge vom neuen Vorstandschef Matthias Müller wissen: Wie will er es schaffen, dem Konzern eine neue Kultur einzuhauchen? Und: Wie sieht die Zukunft von VW als Autobauer aus?

Die erste Frage hat Müller in der Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen versucht zu beantworten. Doch auch sein 22-minütiges Statement, in dem er viel darüber erzählt, was die neue Kultur für ihn ausmacht, kann keine befriedigende Antwort sein. Er muss sie leben und er muss sich ein Team zusammenstellen, das sie mit ihm lebt. Erst dann kann sich die neue Kultur nach und nach im ganzen Konzern ausbreiten. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht, viel Zeit.

VW steht bei diesem Prozess noch ganz am Anfang. Müller muss weitere alte Zöpfe abschneiden und viele „Gesetze“ im Konzern hinterfragen, dann hat er die Chance den Kulturwandel zu schaffen. Noch ist aber nicht einmal das neue Management vollzählig. Müller hat noch eine ganze Reihe von hochkarätigen Posten zu besetzen, darunter für eine Unternehmenskultur so wichtige wie den Personalchef.

Aber man darf auch nicht übersehen: Selbst wenn man Müller mit seiner jahrzehntelangen VW-Konzernzugehörigkeit als Teil des alten Systems begreift – er selbst hat es offenbar begriffen, dass sich VW grundlegend ändern muss. Die Berufungen von Christine Hohmann-Dennhardt als neue Compliance-Chefin und Thomas Sedran als Strategiechef zeigen das.


Kunden unterwegs nicht verlieren

Die zweite Frage nach der Zukunft von VW als Autobauer betrifft den Kunden noch viel direkter als die Frage nach der Kultur – die vor allem auch sicher stellen soll, dass es keine Skandale wie Dieselgate mehr geben wird. Aber welche Autos baut der Konzern künftig? Sind sie für mich als Fahrer noch interessant? Stimmt die Qualität? Stimmt das Preis-Leistungsverhältnis? Das wird die Käufer vorwiegend beschäftigen, wenn sich der Sturm der Entrüstung gänzlich gelegt haben wird (und das wird er).

Interessanterweise hat der Diesel-Skandal aus Kundensicht zwei Dimensionen: Es ist zwar eine Ungeheuerlichkeit, dass der Konzern betrogen hat – und das nehmen wir als Kunden ihm auch übel. Aber auf der anderen Seite kratzt der Betrug nicht an dem Glauben vieler, dass VW tolle Autos baut. Ok, es ist ein bisschen an den Abgaswerten gedreht worden, aber der Qualität der Modelle tut das keinen Abbruch – so in etwa reagieren viele Kunden und sie werden auch weiterhin ihre Autos bei VW, Audi oder Skoda kaufen.

VW ist – dank Dieselgate – jetzt gezwungen, alle Modelle zu überprüfen, effektiv zu sein. Welche Autos sind nicht nur beim Kunden begehrt, sondern werfen auch eine anständige Rendite ab? Diese Fragen stellen sich Müller und sein Team. Und das zu Recht. Gleichzeitig hat der Konzern die Chance, durch seine neue Strategie die Zukunft des Automobils mit der ganzen Macht seiner zwölf Marken maßgeblich mitzubestimmen.

Und diese Zukunft ist elektrisch. Den Übergang vom Verbrennungsmotor zum E-Motor zu meistern und die Kunden unterwegs nicht zu verlieren, das wird eine ebenso große Herausforderung sein wie die Aufarbeitung des Skandals und der Einbau einer neuen Kultur in die Unternehmens-DNA.

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