VW nur Mittelmaß Deutschlands beste Aufsichtsräte

Wie gut sind die Kontrolleure der Dax-Konzerne? Und wie steht es um die Kollegen der MDax-Unternehmen? Eine exklusive Studie zur Qualität deutscher Aufsichtsräte.

Fleißiger Aufseher - SAP-Aufsichtsratsvorsitzender Hasso Plattner. Quelle: Laif

Der ewige Patriarch“, titelte das „Handelsblatt“, nachdem der VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch kürzlich angekündigt hatte, er wolle noch mindestens bis 2017 Chefkontrolleur des Autokonzerns bleiben. In der Autotechnik setzt VW seit Langem Maßstäbe: Der Käfer wurde zum Synonym für Zuverlässigkeit, der Golf gab einer Fahrzeugklasse seinen Namen, das neue Baukastensystem könnte die Produktionsmethode revolutionieren. Als technikbesessener Visionär war der frühere Vorstands- und heutige Aufsichtsratsvorsitzende Piëch immer einer der mächtigsten Treiber dieser Entwicklung.

Was die Bewertung des Kontrollgremiums nach den Grundsätzen guter Unternehmensführung angeht, erreicht VW aber nicht mal Mittelmaß: In der neuen Studie zur Qualität deutscher Aufsichtsräte von Peter Ruhwedel, Wirtschaftsprofessor an der FOM Hochschule in Duisburg, erreichen die Wolfsburger unter den untersuchten Dax-30-Konzernen nur Platz 20. Das liegt auch an Piëch: „Mit 75 Jahren sprengt er schon heute jede Altersbegrenzung für Aufsichtsräte, dennoch ist er weiterhin die bestimmende Person im Aufsichtsrat. Unabhängige Mitglieder sind Mangelware, und es stellt sich die Frage, wer seine Nachfolge antreten könnte“, rügt Ruhwedel.

Trotz solcher Mängel im Einzelfall: „Insgesamt hat sich die Qualität der Aufsichtsräte der Dax-Unternehmen verbessert“, sagt der Studienautor. Die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegende Neuauflage der erstmals 2011 durchgeführten Untersuchung nimmt diesmal auch die MDax-Aufseher unter die Lupe – mit weniger guten Ergebnissen: „Einige der dort notierten Unternehmen erreichen Dax-Niveau, die meisten MDax-Aufsichtsräte haben aber Nachholbedarf bei Arbeitsweise, Besetzung und Transparenz“, bemängelt Ruhwedel.

Die Top Ten der DAX-Aufsichtsräte

Organisatorische Agilität

Dabei wird die Arbeit der Kontrolleure immer wichtiger. Ruhwedel: „Finanzielle Solidität, die Fähigkeit, in Szenarien zu denken und unter Ungewissheit zu planen, eine hohe organisatorische Agilität, Innovationsfähigkeit und Entscheidungsschnelligkeit sind Voraussetzungen für eine erfolgreiche Unternehmensentwicklung.“ Daraus ergeben sich neue Anforderungen an die Kontrolleure. Beschränkte sich ihre Rolle früher meist darauf, Vorstandsentscheidungen abzunicken, ist heute aktive Mitgestaltung angesagt. So wie bei Paul Achtleitner, dem neuen Chefkontrolleur der Deutschen Bank, „der im anstehenden Transformationsprozess des Unternehmens eine aktive Gestaltungsrolle übernommen hat“, lobt Ruhwedel.

Die besten DAX-Aufsichtsräte Platz 11 bis 20

In der Studie untersucht wurden Arbeitsweise, Eignung, Vielfalt und Transparenz. Einbezogen wurden außerdem die zum Teil beträchtlich auseinanderklaffenden Vergütungen der Aufsichtsräte und deren relative Höhe im Vergleich zu den Bezügen der jeweiligen Vorstände.

Gesamtsieger im „Aufsichtsrats-Score 2012“ ist das von Hasso Plattner geleitete Kontrollgremium des Walldorfer Software-Konzerns SAP, gefolgt von der Deutschen Börse und Siemens. Den schlechtesten Dax-Aufsichtsrat hat die Deutsche Lufthansa. Bei den MDax-Unternehmen liegt der Roboter-Produzent Kuka vorn, Schlusslicht ist das Modeunternehmen Gerry Weber.

Völlig falsche Anreize

Plattners provokanteste Sprüche
Hasso Plattner Quelle: REUTERS
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Hasso Plattner und Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa

„Die Untersuchung hat gezeigt, dass Besetzung, Amtsausübung und Bezahlung trotz des identischen rechtlichen Rahmens weiterhin sehr unterschiedlich gehandhabt werden“, sagt Ruhwedel. So variiert im Dax die durchschnittliche Summe aus Fixvergütung, erfolgsabhängigem Bonus und Sitzungsgeldern zwischen knapp 64.000 Euro bei Lufthansa und fast 370.000 Euro bei VW. „Die großen Unterschiede haben nichts mit Arbeitsbelastung oder individueller Leistung zu tun, sie ergeben sich in der Regel durch kurzfristige variable Vergütungsanteile“, sagt Ruhwedel. Eine Kopplung an das kurzfristige Unternehmensergebnis setze aber völlig falsche Anreize, die Vergütung sollte sich stärker am Arbeitsaufwand, der Rolle im Aufsichtsrat und an langfristigen Erfolgskriterien ausrichten.

Die besten DAX-Aufsichtsräte Platz 21 bis 26

Da auch die Corporate-Governance-Kommission für Fixvergütungen plädiert und Prämien nur für einen langfristigen Unternehmenserfolg befürwortet, zahlen immer mehr Konzerne ihren Aufsehern nur noch feste Beträge. Für richtungsweisend hält Ruhwedel die neue Struktur bei Bayer: Das Pharmaunternehmen hat 2011 auf eine Fixbezahlung umgestellt, die Kontrolleure der Anteilseigner legen aber freiwillig 25 Prozent des Geldes in Bayer-Aktien an.

Die Top Ten der MDax-Aufsichtsräte

Bei der Arbeitsweise setzen die beiden Dax-Spitzenreiter SAP und Deutsche Börse Maßstäbe. Bei ihnen sind Aufsichtsräte und Ausschüsse fleißiger als anderswo. Sie tagen häufiger, außerdem wurden Sonderausschüsse eingerichtet: bei SAP, um die Rechtsstreitigkeiten mit US-Mitbewerber Oracle zu begleiten, bei der Deutschen Börse wegen des geplanten, aber gescheiterten Zusammengehens mit der New York Stock Exchange.

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Mängel ergaben sich aber bei der Transparenz: „Warum jemand zum Aufsichtsrat gewählt wurde oder welche Befähigungen erwünscht sind, ist nur in Einzelfällen nachvollziehbar“, klagt Ruhwedel. Ebenfalls Nachholbedarf besteht bei der Vielfalt: Trotz globaler Präsenz kommen MDax-Aufsichtsräte nur auf einen Ausländeranteil von zwölf Prozent, im Dax sind es 30 Prozent. Bei der Frauenquote liegt das von der EU-Kommission beschlossene 40-Prozent-Ziel in weiter Ferne: In den Dax-Aufsichtsräten liegt die Quote bei knapp 20 Prozent, im MDax bei nur 14 Prozent.

Bei Vielfalt schneidet VW besser ab als bei den übrigen Kriterien. Piëch sei Dank. Als Österreicher stärkt er den Ausländeranteil, und auch um die Frauenquote hat er sich verdient gemacht: Im April hievte er Gattin Ursula in den Aufsichtsrat.

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