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Wie die Krise ihren Schrecken verliert So trotzen BMW & Co. mit Flexibilisierung der Flaute

Rezession ohne Entlassungen? Der Kern der deutschen Industrie verfügt inzwischen über so viele Instrumente, dass die Utopie greifbar erscheint. Kommt der Einsatz von Kurzarbeit hinzu, verlieren Flauten ihren Schrecken.

Arbeiter aus einem von der Schließung bedrohten Ford-Werk in Belgien randalierten Anfang November vor dem Ford-Werk in Köln. Die Angst vor dem Abschwung treibt vor allem die Belegschaft der Autowerke auf die Straße. Auch in Frankreich haben Hunderte gegen den Abbau ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Quelle: dpa

Im lothringischen Florange herrscht Krieg. Mal werden die Tore des ArcelorMittal-Stahlwerks blockiert, mal die Chefetagen besetzt. Manchmal okkupieren die Arbeiter Teile des Werkes für Stunden, dann wieder tageweise. „Wir geben erst auf, wenn wir wissen, dass die Schließung des Standortes vom Tisch ist“, sagt der Stahlarbeiter François Lopéra, der mit anderen Gewerkschaftern am Werkstor steht und Flugblätter verteilt.

Arbeiter, die um ihre Jobs fürchten, gibt es nicht nur im Osten Frankreichs. In Aulnay-sous-Bois bei Paris nahmen Mitarbeiter den Personalchef der dortigen Autofabrik von PSA Peugeot Citroën stundenlang in Gefangenschaft. In der Europa-Zentrale von Ford im Kölner Industrievorort Niehl brannten Autoreifen und flogen Feuerwerkskörper, als Arbeiter aus dem belgischen Gent gegen die beabsichtigte Schließung ihres Werkes protestierten.

Während die Unternehmen in Deutschlands Nachbarländern im Abschwung Entlassungen ankündigen und damit für Randale sorgen, herrscht in den hiesigen Betrieben Ruhe. Zwar frisst sich die Krise langsam auch in die deutsche Wirtschaft. Für das vierte Quartal dieses Jahres erwarten die Konjunkturexperten der Bundesregierung nur noch 0,2 Prozent Wachstum.

Möglichst lange keine Entlassungen

Doch Anlass, wegen der möglichen Flaute Leute vor die Tür zu setzen, sieht bisher kaum ein Unternehmen. Grund für das weltweit bestaunte Phänomen ist ein personalpolitisches Instrumentarium, das ein großer Teil der deutschen Unternehmen bereithält, um in der Rezession möglichst lange keine Mitarbeiter entlassen zu müssen. „Fast zehn Jahre nach den Hartz-Reformen müssten die arbeitsmarktstützenden Effekte langsam nachlassen“, wundert sich Jennifer Hunt, Arbeitsmarktexpertin an der renommierten amerikanischen Rutgers University in New Jersey. „Aber davon ist nichts zu spüren.“

Stattdessen sind immer mehr deutsche Unternehmen – obgleich dazu nicht auserkoren – zu einer ausgesprochenen Stütze der dauerhaften Beschäftigung geworden. An der Spitze der Bewegung stehen die Vorzeigebranchen der Nation, die Auto- sowie die Maschinen- und Anlagenbauer, die zusammen knapp zwei Millionen Mitarbeiter beschäftigen.

Die Flexibilisierungsinstrumente der Unternehmen

Gut gefüllter Baukasten

„Die Unternehmen sind heute so flexibel, dass sie Umsatzeinbrüche von 20 Prozent bis zu einem Jahr gut verkraften“, sagt Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach bei Köln. „Sie haben aus der Krise im Jahre 2009 gelernt.“ Ähnlich optimistisch äußert sich der Flexibilisierungsexperte des Maschinenbauverbandes VDMA, Joseph Trischler: „Die meisten Unternehmen der Branche verfügen über einen Baukasten von Flexibilisierungswerkzeugen, der es ermöglicht, Konjunkturschwankungen ohne Abbau von Arbeitsplätzen zu durchzustehen.“

Ist damit für Deutschlands Kernindustrien das Ende der Arbeitslosigkeit durch Konjunkturdellen und Rezessionen eingeläutet? Für die alte Utopie seit Bestehen des Kapitalismus spricht einiges seit dem schlimmen Konjunktureinbruch 2008/09. Während der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, die einen Rückgang des deutschen Bruttoinlandprodukts um 5,1 Prozent brachte, verharrte die Arbeitslosigkeit in Deutschland anders als in früheren Rezessionen mit einem Anstieg um magere 0,2 Prozentpunkte auf ihrem bisherigen Niveau. In den USA, wo die Wirtschaftsleistung nur um 3,5 Prozent zurückging, schnellte die Arbeitslosenquote hingegen von 5,8 Prozent auf 9,3 Prozent und blieb noch Jahre auf diesem Stand.

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